Meine gefährlichste Idee

172 Wissenschaftler antworteten auf die Edge-Frage 2006

Seit nunmehr neun Jahren startet die Stiftung Edge mit einer Umfrage zu einem großen generellen Thema ins neue Jahr. 172 Wissenschaftler haben diesmal geantwortet. Sie geben preis, was sie für ihre gefährlichste Idee halten, die wahr werden könnte.

„Woran glaubst du, obwohl du es nicht beweisen kannst?“, wollte Edge-Herausgeber John Brockman letztes Jahr wissen. Zuvor waren Fragen wie „Welches ist die wichtigste unerzählte Geschichte?“, „Was ist die bedeutsamste Erfindung der letzten zweitausend Jahre?“, „Was sind die akutesten wissenschaftlichen Probleme?“ oder schlicht „Was nun?“, die in die Runde geworfen worden. Mit der Fragestellung für 2006 ist es gelungen, die Atmosphäre der Dringlichkeit im Generellen noch weiter anzuheizen. „Was ist deine gefährlichste Idee?“, will Edge wissen. Geantwortet haben 172 Wissenschaftler, die sich als der Third Culture-Community zugehörig begreifen und das Ideal eines Intellektuellentypus hochhalten, der den Naturwissenschaften statt der Literatur als Leitdisziplin zugewandt ist.

Der Übertragung und Ausdehnung wissenschaftlicher Erkenntnisse auf menschliches Selbstverständnis und gesellschaftliche Strukturen gilt denn auch das hauptsächliche Interesse der 172 Ideen. Das Topthema in dieser Sparte ist der Determinismus in seinen verschiedenen Spielarten. So liebäugelt etwa Craig Venter damit, dass die Wissenschaft die genetischen Wurzeln der Persönlichkeit und des individuellen Verhaltens herausfinden könnte, während Clay Shirky sich ausmalt, was passieren würde, wenn die Gesellschaft die Schlussfolgerungen aus der Nichtexistenz des freien Willens ziehen würde.

Zu den Problemen, die die Wissenschaft in unsere Alltagswelt hineinträgt, zählen auch allgemeinere erkenntnistheoretische Probleme – so etwa Lawrence Krauss’ Behauptung einer fundamentalen Unerklärbarkeit der Welt oder der Relativismus in seinen verschiedenen Spielarten. Mal als Wundermittel gepriesen, mal als Seuche verdammt wird er von Edge-Autoren wie Tor Norretranders, Richard Foreman und Martin Seligman.

Biotechnology will be domesticated in the next fifty years as thoroughly as computer technology was in the last fifty years. This means cheap and user-friendly tools and do-it-yourself kits, for gardeners to design their own roses and orchids, and for animal-breeders to design their own lizards and snakes. A new art-form as creative as painting or cinema. It means biotech games for children down to kindergarten age, like computer-games but played with real eggs and seeds instead of with images on a screen. Kids will grow up with an intimate feeling for the organisms that they create. It means an explosion of biodiversity as new ecologies are designed to fit into millions of local niches all over the world. Urban and rural landscapes will become more varied and more fertile.

Freeman Dyson

Die Religion, ein weiteres Steckenpferd der Edge-Community, steht ebenfalls recht hoch auf dem Gefahrenindex. Sam Harris warnt davor, dass die Wissenschaft die Religion zerstören wird, während Scott Atran umgekehrt Anzeichen dafür sieht, dass die Wissenschaft der Religion zu neuem Leben verhelfen wird, was sich wiederum vermutlich schlecht mit der Behauptung verträgt, dass es keine menschliche Seele gäbe, wie Paul Bloom und John Horgan unisono verkünden. Im Ausgleich für den Verlust der Seele erhält jedoch das Internet, wenn man Terrence Sejnowski Glauben schenken darf, bald ein eigenes Bewusstsein.

Since its inception in 1969, the Internet has been scaled up to a size not even imagined by its inventors, in contrast to most engineered systems, which fall apart when they are pushed beyond their design limits. In part, the Internet achieves this scalability because it has the ability to regulate itself, deciding on the best routes to send packets depending on traffic conditions. Like the brain, the Internet has circadian rhythms that follow the sun as the planet rotates under it. The growth of the Internet over the last several decades more closely resembles biological evolution than engineering. How would we know if the Internet were to become aware of itself? The problem is that we don't even know if some of our fellow creatures on this planet are self aware. For all we know the Internet is already aware of itself.

Terrence Sejnowski

Trefflicher als auf dem Gebiet der Religion lassen sich radikale Ansichten auf dem Feld der Political Incorrectness formulieren. Steven Pinker deutet an, dass es möglicherweise genetisch bedingte Unterschiede in Talenten und intellektuellen Fähigkeiten zwischen Angehörigen verschiedener Ethnien oder sogar zwischen Männern und Frauen geben könnte.

Jared Diamond wagt sich mit der Behauptung hervor, dass gerade Naturvölker sich einander befehden und notorisch ihre Umwelt zerstören. Letzteres wiederum sei, so Oliver Morton, allerdings nicht so schlimm: Die Story von der Gefährdung unserer natürlichen Umwelt, so sein gefährlicher Vorschlag, sei nämlich ein Mythos.

Kopernikus und Darwin mit ihren Theorien, die ganze Weltbilder zum Schwanken gebracht haben, sind die großen Vorbilder für die „gefährlichen Ideen“. Daran sollte man das Unternehmen messen.

Ob beispielsweise die Einsicht in die Nichtexistenz des freien Willens oder in die Grenzen der Möglichkeit von Erziehung und Bildung, welche Wissenschaftler aus den Erkenntnissen der Hirnforschung und der Gentechnik ableiten oder prognostizieren, wirklich einmal zu einer Revolution unserer Lebensweise führen werden, wird sich zwar nicht bald, aber doch irgendwann einmal zeigen.

Man sollte deshalb der Liste von gefährlichen Ideen noch einen weiteren Vorschlag an die Seite stellen, den der amerikanische Jurist und Publizist Richard Posner in seinem Buch „Public Intellectuals“ unterbreitet hat - einer akribischen Abrechung mit sich fahrlässig in den Medien als „Intellektuelle“ äußernden Akademikern. Posner empfiehlt die Gründung eines Forums für Rückzieher: eines Journal of Retractions, in welchem Öffentliche Intellektuelle turnusmäßig ihre eigenen Vorhersagen und Behauptungen beurteilen und anzeigen, welche sich als wahr oder als falsch herausgestellt haben.

Mit einer solchen Maßnahme, glaubt Posner, ließen sich Intellektuelle stärker für ihre Behauptungen, in Haftung nehmen und so der faktenverzerrende Trend zur Radikalität, der auf dem Markt der Meinungen herrscht, gebremst werden. Zu den lohnendsten Aufgaben eines solchen Journal of Rectractions würde es sicherlich gehören zu protokollieren, ob Thesen wie jene von der Nichtexistenz des freien Willens wirklich langfristig zur Umgestaltung der sozialen Realität führen.

Dass hingegen die Leugnung der Existenz der Seele ein bedauerlicher Irrtum war oder die Welt, allem Anschein zum Trotze, dennoch nicht fundamental unerklärlich ist – so etwas wird man auch in einem Journal of Retractions nicht zu lesen bekommen. Selbst unwiderlegbare Ideen – gerade die unwiderlegbaren! -, das zeigt die Edge-Sammlung, haben den Ruch des Gefährlichen. Auch wenn diejenigen, die diese Ideen verbreiten, damit denkwürdiger Weise nicht das kleinste Risiko eingehen.

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