Meister der Plattitüde und des Ressentiments

Peter Sloterdijk guckt Fußball und denkt auch noch darüber nach

Die Fußball-WM lässt deutsche Dichter und Denker nicht ungerührt. Immer öfter greifen auch sie zur Feder. Mal gelehrig-analytisch wie Burkhard Spinnen (Warum mit dem Fuß) oder tief schürfend wie Thomas Brussig (Asamoah); mal parodistisch wie Moritz Rinke (Danach esse ich Maultaschen!). Und auch Klaus Theweleit und Hans Ulrich Gumbrecht haben im Vorfeld immer mal einen Einwurf gewagt, mit mehr oder weniger Pfiff.

Nun hat auch der große Wortakrobat Peter Sloterdijk seine mächtige Stimme erhoben und dem Spiegel ein paar eigenwillige, um nicht zu sagen „eigenartige“ Weltsichten ins Mikrofon diktiert (Ein Team von Hermaphroditen).

Die wichtigste Information. Auch er guckt Fußball. Nicht exzessiv, aber gelegentlich. Und auch nicht der Spannung und Dramatik, der Schönheit und Eleganz der Bewegungen wegen. Nein, er guckt ausschließlich mit „archäologischem“ Interesse auf Rasen und Beine. Bei der Jagd nach der Kugel will er „Atavismen“ der Männlichkeit studieren. Im Stadion brauche sich der Mann nicht mehr zu schämen. Dort könne er wieder sein, was er vor vielen Jahrtausenden gewesen ist: Jäger. Auf dem Platz fände er ein entsprechendes Jagdobjekt, den Ball. Mit dem könne er auf ein „Jagdgut“ zielen, auf eins, „das mit allen Mitteln versucht, sich zu schützen“.

Auch nach angestrengtestem Denken will mir nicht in den Kopf, welches Spiel der Philosoph beobachtet. Vielleicht geht es ihm wie jenem berühmten Ethnologen, der bei Naturvölkern am Lagerfeuer sitzt, ihnen bei verschiedenen Praktiken und Ritualen zuschaut und sich dann monatelang den Kopf zermartert, was denn die tiefere Bedeutung dieser Handlungen sein könnte. Und weil sich ihm deren Sinn nicht erschließen will, greift er zu einem alten Trick, den Ethnologen laut Margaret Mead immer anwenden, wenn sie etwas nicht verstehen, sie greifen zu einem Raster von Begriffen, durch das sie das konkrete Ereignis jagen. Auf diese Weise hat bekanntlich die „Strukturale Anthropologie“ des Claude Lévi-Strauss das Licht der Welt erblickt.

Nur so kann ich mir die seltsamen Äußerungen des Klimaforschers Sloterdijk erklären. Mit dem Fußballspiel hat das, was er da beobachtet, herzlich wenig zu tun. Der Rasen ist ein Spielfeld, kein Jagdgebiet. Bei den Mayas und Azteken war es nicht anders. Vielleicht hätte er sich besser dort kundig gemacht als in der Renaissance. Fußballer sind auch keine Jäger, die Waffen wie Speere oder Schießprügel vor sich hertragen, sondern Spieler, die ein Spielgerät mehr oder weniger geschickt handhaben. Schlussendlich zielen sie auch nicht auf Opfer, sondern versuchen im Gegenteil den Ball am Torhüter vorbei ins Eckige zu befördern. Ihn treffen zu wollen, wäre das Verkehrteste, was sie überhaupt tun könnten. Dies würde dazu führen, dass der „Jagdgruppenführer“ einen besseren „Jäger“ aufs Feld schickt.

Über die eine oder andere Geste des Torschützen kann man zu recht manchmal den Kopf schütteln. Da hat Sloterdijk Recht. Die Inszenierung von Torschrei und Torjubel treibt immer seltsamere Blüten, vom Diver und Entbergen von Aufschriften über Küssen oder Wienern von Fußballschuhen bis hin zum Salto oder gemeinsamen Kindschaukeln. Doch diese Formen des Freudentaumels sind hauptsächlich der Dauerpräsenz der Massenmedien geschuldet. Bevor sie jenen Winkel im Stadion ausgeleuchtet haben, kannte man das noch nicht. Zumindest nicht so. Für sie geschieht, was direkt oder hinterher in Millionen Haushalte getragen wird. Gleichwohl wird aber deutlich, dass Sloterdijk, was Sport und Fußball angeht, immer ein „Ethnologe fremder Kulturen“ bleiben wird. Er versteht nicht, welche Anspannungen sich beim Erzielen eines Tores lösen und welche Gefühlswallungen im Herzen des Torschützen entstehen. Erst recht, wenn das Stadion propenvoll ist, Zehntausende lärmen, toben und grölen und es sich dabei womöglich um ein entscheidendes Tor in einem wichtigen Spiel handelt.

Ein Fußballspiel ist wie ein großes Rockkonzert. Nur dort gibt es echte Gefühle zu entdecken; nur dort werden noch, seitdem das Politische diese nicht mehr zu wecken vermag, starke Leidenschaften und Enthusiasmus frei; und nur dort kann man im Batailleschen Sinn des Wortes „sich selbst verlieren“ und vollkommen „Außer-sich-Sein“. In solchen, von Emotionen überschäumenden und brodelnden Arenen Hauptakteur zu sein, ist unbeschreiblich.

Nach dem Gewinn des WM-Titels 1990 in Rom ist Franz Beckenbauer zum Beispiel immer wieder gefragt worden, was er gedacht hat, als er einsam und allein um den Platz geschlichen ist. Eine passende Antwort auf sein Tun hat er bis heute nicht gefunden. „Genuss braucht grundsätzlich keine Gründe oder Rechtfertigungen“, schreibt Hans Ulrich Gumbrecht in seinem Buch „Lob des Sports“. Genau diese Faszination und Anziehung, die Sport und Fußball ausströmen, sind es, die es Fußballern später schwer macht, rechtzeitig loszulassen und die Stadien zu verlassen. Und weil sie diese Leidenschaften kennen, verdingen sie sich meist hinterher wieder im Sport, entweder als Trainer oder Manager und Reporter. Sie vermissen nicht Geld oder Ruhm, sondern Rausch und Erschöpfung, Stürme des Jubels und Gefühle des Glücks, die Siege, aber auch Niederlagen hervorrufen.

Asyle der Männlichkeit

Originell und neu ist der Vergleich ja nicht. Auch Norbert Bolz, ein anderer Antisportler, hat sich jüngst in seinem „Helden-Buch“ an der funktionalen Äquivalenz von „Sport und Jagd“ aufgehängt. Der Sport gilt auch ihm als letztes Refugium echter Männlichkeit. Seitdem die Religion dem Mann den Jagdinstinkt ausgetrieben, die Zivilisation den Jäger gezähmt und die Frau ihm Schaufel und Schraubenzieher aus der Hand genommen hat, fände er dort ein neues Refugium. Auf den Wettkampfplätzen könne er Wunden lecken und seine stark beschädigte Eitelkeit und Seele pflegen. Sport sei eine Art „Reaktionsbildung“ auf das Überflüssigwerden männlicher Eigenschaften, Qualitäten und Tugenden.

Nur im Sport können Männer heute noch den Wachtraum erfolgreicher gemeinschaftlicher Aggression genießen, also die Gelegenheit, körperlich aufzutrumpfen.

Norbert Bolz

Was bei Sloterdijk das Stadion ist, ist bei Bolz die Rennstrecke:

Rennstrecken sind Naturschutzparks des Männlichen. […] Im Rausch der Geschwindigkeit erreichen Männer wieder ihre archaische Erlebnisschicht.

Norbert Bolz

Die Formel Eins sei daher zum Inbegriff der Bastler, Tüftler und Tuner geworden. Zu dieser Welt der Mechaniker, Computerfreaks und Benzinschnüffler hätten Frauen keinen Zugang. Da könne der Mann noch Mann sein, da würden noch „richtige“ Männer gebraucht, da seien noch Jäger gefragt, solche, die zwar nicht mehr auf „Jagdgut“ aus sind, aber im Höllentempo gegen Zeit und Gegner jagen.

Dumm nur, dass sich an den Boxengassen, vor den Mikrofonen und auch vor den Bildschirmen, wie Umfragen bestätigen, immer mehr Frauen drängeln, die ganz offenbar in diese Reservate eindringen, um Trophäen zu jagen. Deutet man die Bilder richtig, die Premiere und RTL im vierzehntägigen Rhythmus ausstrahlen, dann fühlen sich die Männer durchaus wohl dabei. Gleiches lässt sich im Übrigen auch im Stadion beobachten. Und zwar sowohl auf den Rängen als auch auf dem Platz. Wie man hier von Trutzburgen oder Naturschutzparks des Männlichen sprechen kann, weiß ich nicht. Waren es nicht die deutschen Frauen, die zuletzt Fußballweltmeister geworden sind? Haben sie sich diesen Erfolg mit Jagen oder Sammeln verdient? Jubeln sie anders wie Männer? Wollte sich nicht seinerzeit die Schützin des Golden Goals (Nia Künzer?) außer sich vor Freude und Glück gar das Trikot über den Kopf streifen? Und wie verhält es sich mit den Führungsetagen in Wirtschaft und Politik? Haben sich da die Sammlerinnen etwa durchgesetzt? Sind Frauen „kapitalismuskompatibler“, weil tief in ihrem Innern noch die Sammlerin rumort? Jagen Männer wie Schröder oder Fischer Frauen und sammeln sie sie wie Trophäen? Und: Verhält es sich nicht gar umgekehrt? Werden nicht Männer zu „Opfern“ besonders geschickter „Sammlerinnen“?

Je tiefer man bohrt, desto törichter wird der Vergleich. Damit lassen sich vielleicht populistische Instinkte und Ressentiments bedienen und wecken, durch empirische Fakten werden sie aber nicht gedeckt. An dieser klassischen Rollenverteilung ist nicht zuletzt auch Eva Herman mit ihrem anti-feministischen Manifest kläglich gescheitert. Atavismus und Ressentiment, die in den Köpfen mancher Philosophen herumspuken, sind offensichtlich härter als jene, die sich auf dem Platz, auf der Rennbahn oder im Vorstandsbüro zeigen.

Schließlich wird auch das viel zitierte Argument, dass Fußballer Zwitterwesen werden, nicht wahrer, wenn man es ständig wiederholt. Vielmehr ist genau das Gegenteil der Fall. Der Mann wertet sich vielleicht mit Kosmetika, diversen Düften und anderem Schnickschnack äußerlich auf und nähert sich in dieser Weise dem weiblichen Wesen an. Andererseits wachsen aber auch Brusthaare, kahl geschorene Köpfe, Waschbrettbäuche und Muskel bepackte Oberarme – Symbole und Codes, die die biologischen wie kulturellen Eigenarten des Mannes gegenüber der Frau betonen. Von „Hermaphroditisierung“ kann ich da nicht viel erkennen. Nicht mal bei den Typen, die für Hedi Slimane auf dem Catwalk marschieren. Beckham mag zwar in diesem Umfeld wie Kate Moss wirken, aber von Birgit Prinz oder Erika Mustermann unterscheidet er sich doch erheblich.

Nie wieder Deutschland-Fraktion

Und so kommt es, wie es immer kommt in Deutschland, wenn Nationen, Hymnen und Fahnen ins Spiel kommen, es kommt zur Selbstanklage. Auch Sloterdijk erweist sich letztlich als würdiger Vertreter der so genannten „Nie wieder Deutschland-Fraktion“, die Matthias Matussek jüngst so herrlich auf die Schippe genommen hat. Hören sie „Deutschland, Deutschland“-Rufe oder die Hymne singen, marschieren im Geiste schon wieder die braunen Kolonnen; sehen sie schwarzrotgoldene Fahnen und Schlachtgesänge wie“: „Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!“, denken sie sofort an „Kollektiverregungen“ und „an eine gewisse politische Regie“; erblicken sie das Berliner Olympiastadion, möchten sie sogleich die Büsten Arno Brekers verhüllen.

Herrgott noch mal! Nicht „Wir Deutschen“ sind eine „bizarre Gruppe, die nur im Modus der Reue inneren Zusammenhang erleben kann“, sondern diese komische Fraktion von Selbstanklägern; nicht „Wir Deutschen“ sind seit Ende von WK II „ein Kollektiv, das selbst vor seinen Revancheimpulsen Angst hat und sich wegzensiert“, sondern diese Ansammlung verkniffener Intellektueller; nicht „Wir Deutschen“ sind „spätestens seit 1918 und dem Versailler Vertrag ein tief verwundetes, teilweise sogar revanchebedürftiges Kollektiv“, sondern diese Clique ergrauter Alt-Achtundsechziger.

In wessen Namen der Philosoph sein „J’accuse“ anstimmt, weiß ich nicht. Für mich spricht er jedenfalls nicht. Ich habe kein Problem mit „Deutschland einig Vaterland“. Weder schäme ich mich für mein Land, noch hege ich Groll gegen andere Nationen; weder schwenke ich ein Fähnchen, noch werden meine Augen feucht beim Ertönen der Nationalhymne; weder bin ich besonders stolz auf meine Nationalität oder mein Land, noch versinke ich vor Scham in den Boden, wenn ich mit seiner Vergangenheit konfrontiert werde. Und was für mich gilt, gilt für viele Leute in meiner Umgebung.

Erneut muss die Psychoanalyse herhalten. Und mit ihr auch das Ressentiment gegen alles, was deutsch ist. Ohne sie geht es wohl überhaupt nicht. Vor allem beim Psycho-Hygieniker Sloterdijk. Aber welchen Nutzen soll es haben, eine Methode, die der individuellen Selbstinspektion dient, auf ein ganzes Volk oder eine ganze Nation zu übertragen? Weder Freud noch Adler oder Jung sind jemals auf diese Idee gekommen. Nur deutsche Dichter und Denker müssen offenbar ständig dem Wahnwitz verfallen, ganze Kollektive auf die Couch zu legen. Das beste Beispiel dafür ist Enzensberger, der das deutsche Leiden an sich und der Welt ratzfatz auf eine ganze Region und Religionsgruppe übertragen hat (Genialer Vereinfacher).

Der deutsche Denkermichel wäre nicht der Michel, wenn dort, wo er Gefahr wittert, nicht sogleich auch das Rettende wachsen würde. Und weil das so ist, schlagen Selbstanklage und Selbstbezichtigung sofort in Selbstläuterung um. Anders als die „Hinterwäldler“ aus Costa Rica, Ghana oder den USA, die stimmgewaltig und stolz die Zeilen ihrer Nationalhymne schmettern, singen unsere Fußballer bei diesen Anlässen nicht mit, höchstens auf Druck der Funktionäre und dann auch nur mit verkniffenen Lippen; und anders als diese Atavisten des Nationalen haben wir solche nationale Kleinkariertheiten längst hinter uns. Die Zukunft ist längst unser. Wir sind zuvörderst Europäer, Kosmopoliten, Universalisten, nur der Reisepass gemahnt uns gelegentlich noch daran, dass „wir Deutsche“ sind. Nationalmannschaften? Bah! Das sind Rituale von gestern, „Stellvertretungsrituale“, wie der Philosoph verächtlich ausstößt, brauchen wir nicht.

Dieses Selbstverleugnungsprogramm hält unser nationaler Erregungsexperte aber „pädagogisch“ tatsächlich für so „wertvoll“, dass er es als “nationales Ernüchterungsprogramm“ (oder sollte man nicht besser, um den sportlichen Charakter zu betonen, von „Ertüchtigungsprogramm“ sprechen?) gleich weltweit anordnen und exportieren möchte. Am liebsten nach England, wohin er den „Faschismus“ ausgewandert sieht, wenn er britische Fußballfans in den Pubs oder auf den Straßen grölen und Siege ihrer Mannschaft feiern hört. Da werden sich unsere britischen Freunde aber bedanken, über dieses Geschenk von einem Volk, das sie noch für „Keulenschwinger“ halten.

Vermutlich war unser Fußballphilosoph noch nie in einem britischen Fußballstadion. Weder in Old Trafford noch in der Anfield Road. Sonst könnte er kaum solchen Blödsinn von sich geben. Vielleicht ist jemand mal so nett und nimmt ihn wenigstens mit „Auf Schalke“ oder ins „Westfalenstadion“, damit er Stimmung und Faszination dort mal testen oder fühlen kann. Oder, wenn das ihm politisch zu inkorrekt ist, nimmt ihn vielleicht mal jemand mit ans Millerntor oder zum SC Freiburg. Die spielen zwar derzeit in unterklassigen Ligen, aber im Breisgau oder auf St. Pauli kann man auf alle Fälle politisch korrekt jubeln und brüllen.

Eigenheiten der nationalen Stile

Sloterdijk versteht wirklich nichts vom Fußball. Sonst käme er nicht auf die Idee, Fußballweltmeisterschaften mit einem nationalen Restaurationsunternehmen zu vergleichen. Länderteams sind keine „Nationalsimulatoren“. Darauf kann wirklich nur ein Repräsentant jener Generation kommen, die sich die Devise: „Nie wieder Deutschland! Nie wieder Krieg! Nie wieder Auschwitz!“ zu eigen gemacht hat.

Es ist ja wahr, dass nirgendwo sonst die Globalisierung so hoch entwickelt ist wie im Fußballsport. Rund um den Erdball werden Spieler transferiert, geparkt, verliehen, sind Talentsucher, Berater und Anleger unterwegs, um Spieler zu sichten und zu verkaufen. Gleichwohl bleibt die Nationalität von Spielern und Mannschaften aber von überragender Bedeutung. Die WM wird es zeigen, wenn Millionen vor den Bildschirmen mit „ihrem“ Team mitfiebern.

Nicht mit jedem Land oder jedem Verein ist die Mentalität eines Spielers kompatibel. Giovanni van Bronckhorst ist ein Musterbeispiel dafür. Er wechselte einst von den Glasgow Rangers zu Arsenal London, fiel dort durch und wechselte dann zum FC Barcelona. Weil Holländer dort einen gewissen Status besitzen, hat er erst dort sein Potential entfaltet. Wäre er Amerikaner, Deutscher oder Belgier, wäre er vielleicht umgehend zum FC Dundee United transferiert worden. Solche Geschichten des Scheiterns, aber auch des Erfolges gibt es unzählige. Man denke nur an Robert Vittek, der in der Winterpause weggelobt werden sollte, aber unter Trainer Meyer zum Torschützenkönig der Rückrunde avancierte. Oder an Klinsmann, der anfänglich in Tottenham mit antideutschen Aversionen empfangen wurde und sich erst nach und nach in die Herzen der britischen Fans spielen konnte.

Nach wie vor ist es für einen Fußballer das Allergrößte und Höchste, ins Nationalteam berufen zu werden und mit ihm Weltmeister zu werden. Die Champions League und der Gewinn des Meistercup mögen attraktiv sein, für Vereine wie Spieler. Fußballweltmeister zu werden hat noch mal eine andere Qualität, es ist das berühmte Tüpfelchen auf dem I in einer Fußballerkarriere. Restaurativ ist höchstens Sloterdijks Globalisierungsverständnis. Auch im blaurot gestreiften Dress der Katalanen bleibt Ronaldinho letztlich ein Grün-Gelber, im Herzen wie auf dem Platz. Das merkt man nicht nur an seinen Bewegungen, seinen Gesten und Spielweisen, das merkt man auch an Haltung und Einstellung und bei Gefühlsausbrüchen nach dem Torschuss. Vielleicht sollte Sloterdijk sich mal bei Fußballmanagern und Trainern kundig machen, welche Schwierigkeiten es bereitet, einen Argentinier, Tunesier oder Kongolesen in eine Mannschaft einzugliedern. Nicht nur, aber auch deswegen ist beispielsweise D’Allesandro, ein begnadeter Kicker, in Wolfburg gescheitert.

Und auch dem Spiel einer Nationalmannschaft kann man das ansehen. Die Brasilianische, Portugiesische oder Argentinische pflegt einen vollkommen anderen Stil als etwa die Englische, Italienische oder gar die Deutsche. „Wir werden niemals wie die Brasilianer kicken“ – dieser viel sagende Ausspruch, der immer dann kommt, wenn die Deutschen sich mal wieder als Rumpelfüßler hervortun oder blamieren, drückt das treffend aus. Weswegen deutsche Balltreter, wenn sie da mithalten wollen, kämpfen, rackern und beißen müssen.

„Wir wollen euch kämpfen sehen“ – dieser Ruf ist deshalb in dieser Dringlichkeit auch nur in deutschen Stadien möglich. Und weil Klinsmann das weiß (er war selbst kein begnadeter Techniker, sondern Kämpfer), lässt er seine Jungs vor allem eins, „Kondition bolzen“. Fitness und Begeisterung, Teamgeist und strikte Organisation auf dem Platz müssen herhalten, um mangelnde Inspiration und Kreativität auf dem Platz zu ersetzen und auszugleichen.

Wir sind ein Team

Fußball ist ein Mannschaftsspiel. Auch das muss man immer wieder betonen. Spieler, die ihre eigenen Interessen auf Kosten der anderen in den Vordergrund richten, werden in diesem Sport wenig Erfolg haben. Spieler wie Effenberg oder Matthäus mögen in der Öffentlichkeit zwar immer ihr Ego herausgekehrt haben. Auf dem Feld werden sie aber zum Nichts, wenn sie nicht auch rackern und kämpfen und damit ihrer Führungsrolle gerecht werden. Bringt der Besserverdiener und Lautsprecher keine Leistung, wird er bald, wie einst Jan Ulrich von seinem deutschen „Wasserträger“ angeherrscht werden: „Quäl dich, du Sau!“.

Günther Netzer war bekanntlich kein Freund großen Konditionsbolzens. Wenn es darum ging, hielt er sich immer vornehm zurück. Ohne „Hacki“ Wimmer, der für ihn alle zusätzlichen Kilometer ab- und mitgelaufen ist, hätte der „blonde Engel“ nicht Luft und Zeit gehabt für seine tödlichen Pässe in die Tiefe des Raums. Und auch Franz Beckenbauer hätte wohl kaum seine legendären Ausflüge an den Strafraum des Gegners unternehmen können, wenn „Katsche“ Schwarzenbeck nicht die Gegner hinten reihenweise abgegrätscht hätte.

Eine Mannschaft besteht nicht nur aus Künstlern, sie braucht auch und vor allem Drecksarbeiter, denen kein Meter zu viel ist. Der Niedergang der „Galaktischen“ begann an dem Tag, als die Verantwortlichen in Madrid Claude Makelele nach England verkauft haben. Längst ist die Nummer Sechs, und nicht mehr der Zehner, die wichtigste Position im Team. Der Abräumer vor der Abwehr, eine Art vorgeschobener Libero, spielt meist unspektakulär, für Team, Taktik und Spielsystem ist er aber ungemein wichtig und unverzichtbar. Die elf Spieler die zu Anfang, oder die vierzehn, die nach Ende des Spieles auf dem Platz gestanden haben, mögen zwar unterschiedliche Charaktere sein und jeweils unterschiedlichste Interessen verfolgen, auf dem Platz müssen sie aber ihren Egoismus zurücknehmen und als Team funktionieren. Vor allem im Fußball wie in allen anderen Mannschaftssportarten gilt: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Einzelteile

Alle sind Trainer

Ach Gott, das Gemecker um Jürgen Klinsmann, das musste ja kommen. Was ist daran bitteschön so „ungemütlich“? Noch immer haben sich um den deutschen Bundestrainer hitzig geführte Diskussionen entwickelt. Nicht umsonst spricht man in Deutschland von den achtzig Millionen Bundestrainern, die die Mannschaft aufstellen. Das war bei Sepp Herberger und Helmut Schön nicht anders als bei später bei Jupp Derwall oder Erich Ribbeck – und auch am „Kaiser“ wurde ständig herumgenörgelt und herumgemäkelt. Im Rückblick wird das gern übersehen, vergessen oder beschönigt.

Aber das ist doch bitteschön keine besondere Eigenart der Deutschen! Auch in Frankreich, England, Brasilien oder Kroatien stehen die Teamchefs ständig im Kreuzfeuer der Kritik. Manche Trainer sprechen nicht einmal mehr mit der heimischen Presse, so vergiftet ist die Lage. Wer die Nummer Eins im Tor wird, wer ins Team berufen wird oder welches Spielsystem das Beste für die Mannschaft ist – darüber wird rund um den Erdball in jedem Land erbittert gestritten.

Verglichen mit anderen Ländern wird mit Klinsmann immer noch sehr nobel umgegangen. Vor allem, wenn man bedenkt, welche Dickköpfigkeit und Sturheit er an den Tag legt. Das müsste sich mal ein Erikson in England erlauben, das Team von Stockholm aus zu coachen und vor Länderspielen mal kurz einzufliegen. Über die Hälfte der Trainer wird nach oder noch während der WM ihren Hut nehmen müssen, wegen Erfolglosigkeit oder weil sie sich mit der Presse angelegt haben und in Ungnade gefallen sind.

Halbgöttern gleich

Fußballer sind Stars. Wer wollte das bestreiten. Täglich lächeln uns ihre Konterfeis entgegen, auf Bildschirmen, Litfasssäulen und neuerdings auch von Hauswänden – und das gar in Überlebensgröße. Ständig bieten sie uns was an, oder fordern uns auf, für eine bestimmte Sache einzutreten. Na und? Wo liegt das Problem? Hat nicht auch die Philosophie ihre Starphilosophen, von denen manche auch Schwätzer, Nörgler und Schwindler sind?

Und sie sind auch Helden, die von den Fans vergöttert werden, in der Türkei beispielsweise noch viel mehr als in Deutschland. Es stimmt nicht, dass die Moderne keine Helden mehr hervorbringt. Andi Brehme, ein nicht sehr begabter Fußballer und noch viel schlechterer Coach, ist ein solcher, weil er an einem bestimmten Tag in einer bestimmten Minute einen entscheidenden Strafstoß eiskalt verwandelt hat. Und sie hat auch ihre tragischen Helden, zum Beispiel Roberto Baggio, der, nachdem er im Endspiel gegen Brasilien beim anschließenden Shootout den entscheidenden Schuss versemmelt hat, fußballerisch nie mehr auf die Beine gekommen ist.

Andere wiederum sind sogar unsterblich geworden, und zwar ohne dass sie wie einst Achill oder Hector eines frühen und fürchterlichen Todes haben sterben müssen. Da hat die Moderne doch Unglaubliches geleistet. Die derzeitige Antike-Begeisterung könnte sich davon eine Scheibe abschneiden. Alfredo Di Stefano und Ferenc Puskas, Bobby Charlton und Paolo Maldini sind, die Liste ließe sich fortsetzen, längst Legenden ihrer selbst geworden, und zwar noch oder schon zu Lebzeiten. Um sie ranken sich Geschichten und Mythen, Dramen und Gerüchte. Selbst Walhall kennt solche Geschichten nicht.

Von „Muffköpfen“ ist da nicht viel zu entdecken. Beckenbauer, Pele oder Linecker mögen zwar manchen Unsinn von sich geben. Und sie tun ab und an auch alles, um sich vor der Kamera zu blamieren. Vor allem unser Firlefranz und Kaiser scheint da besonderes Talent zu entwickeln. Doch zum einen machen das Philosophen gelegentlich auch (quod erat demonstrandum), und zum anderen gereicht es Beckenbauer (natürlich nicht nur ihm) zur Ehre, dass er die WM nach Deutschland geholt hat, aller Widerstände der FIFA zum Trotz. Allein deshalb gebührt ihm Nachsicht, wenn er mal wieder einer seiner berühmt-berüchtigten Analysen vor dem Bildschirm gibt.

Rummel drumherum

Sicher, mancher erfolgreiche Balltreter ist mehr Model als Spieler, mehr Ikone als Sportler und Athlet. Sie umgeben sich mit allerlei Tand, Schund und Luxus, zocken mit Geld herum, das sie üppig haben, und werden dementsprechend auch von Kameras und Paparazzis gejagt und verfolgt. Ronaldo musste jüngst erleben, wie gnadenlos die Verfolgungsmaschinerie mittlerweile funktioniert. Aber war das jemals anders? Hat man nicht in der Antike, der viel gerühmten, den Athleten auch besondere Ehre zuteil werden lassen?

David Beckham in diesem Zusammenhang zu erwähnen, muss natürlich sein. Ein äußerst billiges Argument, das eines Philosophen unwürdig ist. Wenn man ihn zum Exempel statuiert, dann sollte man auch fair und nicht fahrlässig argumentieren. Es stimmt einfach nicht, dass er in die Modewelt gewechselt ist. Eher ist er dorthin geschubst worden. Wer ihn in Interviews hört, auf dem Spielfeld beobachtet oder Freunde und Trainer über ihn sprechen hört, wird rasch merken, dass er immer noch was von jenem schüchternen Jungen besitzt, der einst aus Mittelengland zu Manu gestoßen ist, um vor allem eins zu tun, nämlich Fußball zu spielen. (Nur auf dem Fußballplatz fühle ich mich frei). Das mag möglicherweise bei Kevin Kuranyi anders sein. Da hat Sloterdijk vielleicht sogar Recht. Aber auch der wurde von Klinsmann nicht deswegen „aussortiert“, weil er sein Schnurrbärtchen so ausgiebig pflegt, sondern weil er keine passable Leistung gebracht hat. Ein Kicker wie er, der von der Natur nicht unbedingt mit Technik ausgestattet worden ist (da erinnert sich Klinsmann vermutlich an sich selbst), muss eben mehr tun als andere. Und genau das hat er nicht getan.

Das Drumherum mag zwar weiter zunehmen, Nebensächliches das Wichtige überdecken, die Wahrheit, die gute, liegt aber immer noch, wie der Volksmund weiß, auf dem Platz. Hier entbirgt sich und wird präsent, was andernorts verborgen ist und absent bleibt. Wegen dieser Heideggeriade gehen wir ins Stadion oder setzen uns vor die Bildschirme, entweder allein, weil wir uns ungestört dem Genuss des Spiels hingeben wollen, oder mit anderen, weil wir das Gemeinschaftserlebnis suchen, im Glück wie im Leid. Es handelt sich „buchstäblich um Faszination“, um Hans Ulrich Gumbrecht ein letztes Mal zu zitieren, „der unsere Blicke bannt und eine ungeheure Anziehung auf uns ausübt, ohne dass wir die Gründe für diese Anziehung kennen.“

Gut beobachtet und treffend formuliert, könnte man sagen. Dass dazu auch Leistung gehört, versteht sich von selbst. Fußballer und deren Waden und Beine mögen „überlohnt“ sein, doch nirgendwo ist der Leistungsdruck, auch der psychische, so groß wie hier oder in anderen Sportarten. Das ist auch der Grund, warum Vereine und Teams Kohorten von Mentaltrainern, Physiotherapeuten, Wunderheilern, Fitnesstrainern, Talentspähern, Spielbeobachtern usw. beschäftigen. Wer es in diesem Umfeld nicht bringt, ist schnell weg vom Fenster. Und hat er eine Verletzung, muss der Spieler alsbald um seinen Stammplatz fürchten. Sloterdijk sollte diesbezüglich mal bei Jens Nowottny, Hansi Dorfner, Christian Ziege und Co. nachfragen und sich deren Leidensgeschichten anhören. Noch mehr gilt das Leistungsprinzip für Trainer. Nirgendwo sonst werden die Regeln des modernen Kapitalismus so rigide und konsequent praktiziert wie bei ihnen.

Weil mein Bruder Liam da vorne hingehört. Ich spiele den genialen Pass, er macht ihn rein - oder verstolpert, das kann er auch ganz gut. - Und der Rest der Band? – Mag keinen Fußball. Sie müssten alle ins Tor.

Noel Gallagher

Sport ist Mord

Aber verzeihen wir Sloterdijk großzügig seinen Fauxpas. Er ist kein Fan, sondern nur ein Beobachter. Fußball wird ihm daher ewig geheimer Voodoo-Zauber bleiben. Verwundern kann das kaum, zumal er Fußball nur aus zweiter Hand oder vom Hörensagen kennt. Er ist, wie er zugibt, nur auf Umwegen Fußball zwangssozialisiert worden, im Hörsaal und im Seminar über die „Anthropologie“.

Sloterdijk hat ganz augenscheinlich auch nie Fußball gekickt, vermutlich nicht einmal im Garten, auf der Kirchenwiese oder auf der Straße. Sonst könnte er nicht solchen Unsinn daherreden. Und er hat auch für Sport nichts übrig. Für ihn gilt wie auch für Bolz: „Sport ist Mord“. Dass er Sport hasst und körperliche Anstrengungen tunlichst meidet, merkt man an allen Ecken und Enden. Augenscheinlich gibt er sich lieber den Freuden des Leibes hin, dem guten und gepflegten Essen und Trinken. Die griechische Weisheit, wonach nur in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist lebt, gilt für ihn als Philosophen offenbar nicht.

Damit reiht er sich ein in jene unselige Tradition deutscher Intelligenz, die Sport und Fußball als Angelegenheit minderbemittelter Geister hält. Dass Sport auch einen hohen Grad von Intelligenz erfordert, an Spielwitz, Reaktionsvermögen, Situationserfassung …, kommt diesen Leuten einfach nicht in den Sinn. Deswegen können sie Fußball auch nur als „Manifest der Antigravitation“ lesen, als Allegorie auf ihr eigenes Leben.

Fußballer kommen nach einem Foul erstaunlich schnell wieder auf die Beine, sagt Sloterdijk und bewundert sie dafür. Fällt der Philosoph dagegen vom Rad, hat er zunehmend Mühe, wieder aufzustehen. Was uns der Philosoph als hintergründiger Humor mit Ironie servieren will, entbirgt sich bei genauerem Hinsehen als ein tief sitzendes Ressentiment. Der alte und schwer und träge gewordene Körper des Denkers blickt voller Neid und Eifersucht auf die wohl geformten Körper der Athleten: die Grazie ihrer Bewegungen, die Eleganz ihrer Drehungen, die Perfektion ihrer Schusshaltung usw.

Ach Sloterdijk! Hättest du doch besser geschwiegen und dem Begehren des Spiegels eine Abfuhr erteilt. Wärst du doch bei deinen Blasen, Schäumen und Globen geblieben. Ich weiß, als „Anthropologe“, „Klimaforscher“ und „Psycho-Hygieniker“ fühlt man sich gemeinhin für alles Mögliche zuständig. Unter anderem auch für Fußball. Denn auch der Ball ist eine Blase, eine Riesenblase dazu, wenn man derzeit vor das Brandenburger Tor tritt. Da fühlt sich der Weltendeuter und Großmeister der zynischen Vernunft natürlich angesprochen.

Aber keine Sorge, in vier Wochen ist wieder die Luft raus. Auch aus dieser Blase. Bis es aber soweit ist, genießen wir die die WM, erfreuen wir uns an den herrlichen Übersteigern, satten Torschüssen und am perfekten Kurzpassspiel, fiebern wir mit unseren Lieblingen, in Freud und Leid! Der Philosoph kann sich derweil ja in „sein“ Büro verziehen und sich „seinem“ Kerngeschäft widmen. Bedauern werden ihn kaum. (Rudolf Maresch)

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