Memesis - Zukunft der Evolution

Nachbemerkungen zur Konferenz über Memetik während der Ars Electronica in Linz 1996

Richard Dawkins, der Erfinder der Memetik, kam nach Linz. Diskutiert wurde über die politische Bedeutung der biologisch fundierten Theorie der Meme, die als Ideologie des Neoliberalismus und als Neuauflage eines Sozialdarwinismus kritisiert wurde. Möglicherweise wäre die Memetik ein guter Ansatz für eine Medientheorie, aber im ideologischen Schlagaustausch wurde dies in Linz nicht weiter verfolgt.

Memesis, die digitale Evolution, beschreibt, in Analogie zu den biologischen Begriffen 'Gen' und 'Genesis', Entstehung und kulturelle Entwicklung posthistorischer, vom Umgang mit digitalen Medientechnologien geprägter und neu strukturierter Gesellschaften. Meme sind, kurz gesagt, Gedanken, die sich zu erinnerbaren Einheiten formen. Das kann ein Song, ein Poem oder eine Idee sein etwa von der Form: "Alle Menschen werden Brüder"; das kann aber auch ein Programm, eine Theorie, Ideologie oder einfach ein Virus sein wie die Firma Microsoft oder die Systemtheorie Niklas Luhmanns; das können aber auch Moden, Trends oder Stile sein wie das Flanieren in Shopping Malls oder das Tragen verkehrt aufgesetzter Baseballmützen.

Wichtig für die Verbreitung und Vervielfältigung derartiger kognitiver Verhaltensmuster ist nur, daß sie kommunikabel sind. Ein Mem muß kommunizierbar sein, von Hirn zu Hirn sozusagen. Dazu bedarf es zunächst eines Datenträgers, der Information, auch fehlerhafte, getreu repliziert; sodann bedarf es eines Körpers (Wirtes), den das Mem infizieren kann und der die codierten Anweisungen befolgt und weitergibt. Das weitere Schicksal eines Gedankens, einer Idee oder einer Ideologie hängt also davon ab, inwieweit sich Kopien eines Mems gegen andere Meme und deren Kopien durchsetzen können. Werden Meme nicht weitergedacht, verändert oder verbessert, verschwinden sie wieder. Die dynamische Konkurrenz zwischen einzelnen Ideen, nicht soziale Kämpfe, entscheiden letztlich über Konstanz, Konsistenz und Hegemonie kultureller Programme.

Die Hardware ist unmittelbar an diesen Auslesemechanismen beteiligt. Nur mit, nicht ohne sie, ist Einkörperung und Formierung zu einem kollektiven Gedächtnis möglich. Der Bereich zwischen Bildschirm und Festplatte, gemeinhin das Virtuelle genannt, bietet einen idealen Nährboden für die epidemische Ausbreitung von Memen, und erst recht die Computernetzwerke, der Cyberspace und das Aufkommen einer Weltkultur im MacFuture Format. Bei der Übertragung der Bits und Bytes kommt es nämlich, im Gegensatz zu anderen physikalischen Trägern wie der Sprache oder der Schrift, weder zu einer baylonischen Sprachverwirrung noch tritt Informationsverlust auf. Das Mem wird getreu, Zeichen für Zeichen, repliziert. Der Empfänger muß sich nur davon anstecken lassen.

Der Erfinder des Mems, der Zoologe und Biologe R. Dawkins (Oxford), sprach in Linz mit Blick auf die bereits erfolgten Veränderungen von Fortschritten in der Evolution. "Fitness" sei es, was die Lebewesen im Kampf aller gegen alle bräuchten, ein "Wettrüsten" daher die Folge. So wie Tiere und Pflanzen im Laufe der Zeit immer effizienter werden, wenn sie ihre Ausstattung (Komplexität, Design) durch Variation und Mutation verbessern, so erhöht der Ingenieur heute die Rechenkapazität und Speicherleistung der elektronischen Maschinen. Beide, die genetische wie die technische Evolution, seien Ergebnis blinder algorithmischer Prozesse, die sich vom Zufall nährten. Ein Plan, ein Geist oder ein Bewußtsein, der sie programmiert, sei nicht von Nöten.

Dieser Vergleich, ebenso wie die Ineinsetzung von Natur und Kultur, von Biologie und Soziologie, war denn auch der Punkt, der Kritiker wie den Soziologen R. Barbrook (London) und den Medienkritiker M. Dery (New York) erregte. Sie vermuteten hinter dieser Theorie einen neuen Sozialdarwinismus mit reaktionären Standpunkten. Das "republikanische Projekt" werde geleugnet, die Memetik des Neoliberalismus, wie sie die virtuelle Klasse der Ingenieure und Softwareproduzenten aktuell befallen habe, bekäme durch Dawkins eine pseudo-wissenschaftliche Basis. Barbrook scheute sich nicht, Dawkins mit dem Scientology-Gründer Ron Hubbard zu vergleichen und ihn als "Hohepriester der Meme" zu titulieren. Die Theorie der Meme provoziere die Wiederkehr religiöser Ideen. Sie vermenge religiöse und wissenschaftliche Sprache und folge den Strickmustern altbekannter Unsterblichkeitsphantasmen und Selbstvergöttlichungsprogramme. Arbeit und Bewußtsein als Lenker der Gesellschaft werden mißachtet, dafür die Handlungen der Menschen auf das unbewußte Wirken von Genen bzw. Memen zurückgeführt wie weiland auf das von Engeln, Dämonen und Göttern.

An der Konfrontation mit scheinbar längst überholt geglaubter ideologischer Deutungssysteme litt die ganze weitere Diskussion, die mit zunehmender Dauer verflachte und am Ende sich im Beliebigen verlor. Vielleicht lag es daran, daß die Veranstalter das Programm in drei Bereiche gesplittert hatten und das Thema mit den verwandten Gebieten der Robotik, der Cyborgisierung des Menschen und der kollektiven Welterinnerung überfrachteten, daß eine Vertiefung des Themas nicht gelang. Vielleicht lag es aber auch nur daran, daß Daniel C. Dennett, der die Theorie der Meme inzwischen in die Philosophie importiert hat, einer Einladung nicht gefolgt war und M. Minsky kurzfristig seinen Auftritt absagte. So wurde eine Chance vertan, eine wichtige Diskussion vertagt.

Gerade der Begriff des Mems, wie schwammig und unbestimmt er auch immer sein mag, wäre, wie der Begriff des Mediums übrigens, bestens geeignet, die Lücke, die seit Beginn der Moderne zwischen den "zwei Kulturen" klafft, zu schließen und die Schnittstelle anders zu legen. Die Theorie der memetischen Selbstreplikation mit dem Prinzip der Selbstorganisation der Biologen H. Maturana und F. Varela zu konfrontieren, hätte unter Umständen theoretisch wie intellektuell die Diskussion weitergebracht. Aber dazu kam es nicht. Stattdessen erging sich die soziologische Abteilung in politischer Rhetorik, sie beschwörte das Subjekt der Geschichte und mahnte soziale Verantwortung an. Und die Medieneuphoriker schwelgten wieder einmal in virtuellen Visionen.

Stellvertretend für so manchen anwesenden Aktivisten pries J. Ito/Tokio in euphorischer Weise die kommunikativen Möglichkeitsräume des Netzes in schönen, bunten Farben. Wer, so der Japanamerikaner, getreu nach J.P.Barlow Informationen weitergibt, sie nicht für sich allein behält, gewinnt an persönlichem Wert. Angesichts derart rosiger Aussichten dieses Angehörigen der "virtuellen Klasse" bleibt der Beobachter einfach sprachlos. Na also dann auf in die Netze und gute Fahrt, der eigenen Wertsteigerung wegen. Vergeßt das Schwarze Loch der Turing-Galaxis! Wozu gibt es einen Papierkorb. (Rudolf Maresch)

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