Memory of the World

Personalkarte aus dem KZ Buchenwald. Name: Hermann Friedrich Christof Baden, geb. 1890. Bild: © Arolsen Archives / Foto: Andreas Greiner-Napp

NS-Verfolgung: Die Arolsen Archives öffnen ihre Bestände. Millionen Dokumente geben den Toten ihre Identität zurück - und offenbaren minuziös das Ausmaß der Verbrechen

Während seit Jahren die Gewalt gegen Juden in Europa zunimmt, Provokationen in NS-Gedenkstätten sich mehren und Belästigungen und Schikane zum Alltag gehören, arbeiten Holocaust Researcher hinter den Kulissen daran, die Erinnerung wachzuhalten und den oftmals Namenlosen eine Gestalt zu geben.

Transportliste über einen der sogenannten "Alterstransporte" von betagten jüdischen Menschen aus Berlin ins Ghetto Theresienstadt. Bild: © Arolsen Archives

Jetzt haben die Arolsen Archives, ein internationales Zentrum über NS-Verfolgung mit Sitz in Deutschland (International Center on Nazi Persecution, Bad Arolsen) zusammen mit der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem (Israel) eine voluminöse Sammlung über die Opfer der Nationalsozialisten online gestellt. Diese dokumentiert die Verbrechen der Nazis mit einzigartigen Beweisstücken. Das Arolsen-Archiv stellt mit seinen Originaldokumenten und Kopien die Nachforschung über Millionen Vergessener bereit, darunter Hinweise und Einzelheiten über Zwangsarbeiter, Verschleppte, Ermordete, Überlebende und Migranten, unzählige Namen auf Transport- und Deportationslisten, Recherchen zur Migration nach 1945 und noch vieles mehr.

26 Millionen Dokumente, 21 Millionen Namen

"Nun können Interessierte auf der ganzen Welt (…) auf 26 Millionen Dokumente mit Informationen zu 21 Millionen Namen von NS-Verfolgten zugreifen", teilte das Arolsen Center Anfang der Woche mit. Die Dokumente sind frei zugänglich und können zum Beispiel nach Namen durchsucht werden.

Gegründet wurde die Institution kurz nach Kriegsende als International Tracing Service (ITS). Es entstand das weltweit umfassendste Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Sammlung mit Hinweisen zu Millionen Schicksalen gehört inzwischen zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie beinhaltet Dokumente zu den verschiedenen Opfergruppen des NS-Regimes, eine unverzichtbare Wissensquelle für die heutige Gesellschaft. Ein Großteil der Dokumentenbestände wurde 2013 von der UNESCO in das Register "Memory of the World" aufgenommen.

"Gefährliche Entwicklungen bekämpfen"

Permanenter internationaler Partner von Arolsen ist die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Die IHRA hielt Mitte Januar mit Vertretern aus 35 Ländern einen Gipfel in Brüssel ab, um ihr Engagement gegen Holocaust-Verzerrungen, Antisemitismus, Antiziganismus und andere Formen der Diskriminierung zu unterstreichen. In einer Erklärung bekannte sich die Organisation zu der Verpflichtung, gefährliche Entwicklungen zu bekämpfen und die Zeugnisse der Geschichte zu bewahren. Antisemitismus sei nicht nur eine Bedrohung für Juden, sondern eine zerstörerische Kraft für die Gesellschaft im Allgemeinen.

Häftlingsdokument aus dem KZ Buchenwald. Name: Marianne Embden-Hamel, geb. 1911. Als Haftgrund wird angegeben: "Polit. Holländerin" und "Jüdin". Copyright: Arolsen Archives

Floriane Azoulay, seit 2016 Direktorin der Arolsen Archives, erinnerte die Teilnehmer mit Blick auf das Jahr 2020 daran, Zugang zu ihren Archiven zu gewähren.

Archive werden nur dann relevant sein, wenn sie völlig offen sind und wenn sie miteinander verbunden sind. In Arolsen verpflichten wir uns, die Namen aller in unserem Archiv dokumentierten Opfer zu veröffentlichen (...)
Floriane Azoulay, Direktorin der Arolsen Archives

Im Mai 2019 hatte man in Bad Arolsen mit der Digitalisierung begonnen. Yad Vashem stellte für das Vorhaben hochmoderne Technologie zum schnellen Datenabruf bereit. Mit dieser Hilfe gingen zuletzt zwei riesige Bestände online. Alle zusammen dokumentieren sie die Verbrechen der Nazis mit beispiellosen Beweisstücken.

Eine Zeit nötiger Debatten

Dazu gehört auch die Zwangsarbeiter-Kartei: Originale und Kopien über Millionen von Zwangsarbeitern, die individuelle Schicksale nachvollziehbar machen, zum Beispiel Melde- und Registrierkarten, Fragebögen, Schriftverkehr. Ein wichtiger Teil der Bestände umfasst das Kapitel Deportation - von Juden, Roma und Sinti aus dem ehemaligen Deutschen Reich, Österreich, Böhmen und Mähren. Dabei geht es um die Dokumentation von Transport- und Deportationslisten mit Informationen wiederum über Millionen Personen, die in Konzentrationslager und Ghettos verschleppt wurden - Angaben und Hinweise, die oft von unschätzbarem Wert für die Angehörigen sind.

Registrierkarte eines jungen Zwangsarbeiters aus Russland, der in der Landwirtschaft arbeiten musste: Name: Michail Wasikow, geb. 1928. Bild: © Arolsen Archives

Im laufenden Jahr 2020 gibt es besonderen Anlass, sich zu erinnern: Mit dem 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz-Birkenau (27. Januar 1945) und anderer Konzentrations- und Vernichtungslager sowie dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa (8. Mai 1945) und in Asien (2. September 1945). Es ist auch eine Zeit nötiger Debatten rund um Erinnerung und Aufarbeitung der NS-Zeit, politische Verfolgung und Rassismus. Die Bestände der Arolsen Archives sind fast alle im Internet einsehbar. In den kommenden Jahren sollen die Bestände noch weiter komplettiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dabei werden nicht nur Ausmaß und Systematik der NS-Verbrechen dokumentiert, sondern zugleich ein ganz persönlicher Blick auf das Einzelschicksal ermöglicht. Die Dokumente geben den Toten ihre Identität zurück. (Arno Kleinebeckel)