"Menschen lügen bekanntlich die ganze Zeit"

Der Biologe Robert Trivers erklärt, wieso Selbsttäuschung ein evolutionärer Vorteil sein kann

Robert L. Trivers ist ein großer Mann mit tiefer, etwas rauer Stimme. Seine abgetragenen Turnschuhe nehmen sich auf dem edlen Läufer des Berliner Wissenschaftskollegs ziemlich unpassend auf. Für ein Jahr ist Trivers hier zu Gast. Als er erfährt, dass er zu seinen Thesen über Täuschung und Selbsttäuschung befragt werden soll, findet er das angemessen: „Journalisten gehören schließlich zu betrügerischsten Lebewesen überhaupt.“

Geboren wurde Trivers 1943 in Washington DC. Anfangs studierte er Mathematik und Geschichte, wechselte dann zur Biologie und veröffentlichte 1971 seinen mittlerweile klassischen Aufsatz The Evolution of Reciprocal Altruism. In ihm versuchte er, den evolutionstheorischen Ansatz mit selbstlosem Verhalten bei Menschen und Tieren in Übereinstimmung zu bringen. Seit 1994 lehrt er als Professor für Anthropologie und Biologie an der Rutgers University. Ihn interessieren die Grenzbereiche zwischen Gesellschaftswissenschaft und Biologie. Seit einiger Zeit beschäftigt er sich verstärkt mit Genetik und schrieb das Vorwort für das 2006 erschienene Buch von Richard Dawkins „Das egoistische Gen“. Augenblicklich arbeitet er an einem neuen Buch über Täuschung und Selbsttäuschung, dass auch Erkenntnisse aus der Neurobiologie, Virologie und Geschichte einbeziehen soll.

Warum halten Sie Täuschung und Selbsttäuschung für so wichtig?
Robert Trivers: Täuschung ist schließlich allgegenwärtig, in allen Lebensbereichen. Manche Viren oder Bakterien müssen den Körper überlisten, um hineinzukommen; sie erwecken den Eindruck, sie seien kein fremder Eindringling. Wenn wir die Verhältnisse zwischen Raubtieren und Beutetieren betrachten, sehen wir sowohl Tarnung, um nicht gesehen zu bleiben, aber auch Mimikry und Mimese. Tiere versuchen, wie eine andere Gattung auszusehen, um entweder das Raubtier oder die Beute zu täuschen. Ungiftige Schlangen sehen genauso aus wie bestimmte Giftschlangen, so haben sie einen Vorteil, weil andere Tiere sie nicht angreifen. Anglerfische zum Beispiel haben über ihrem Maul eine regelrechte Angel mit einem wurmartigen Objekt am Ende, so dass ein andere Fische glaubt, er sieht Nahrung und stattdessen von dem Anglerfisch gefressen wird.
Diese Beispiele betreffen die Beziehungen zwischen verschiedenen Gattungen, aber auch innerhalb einer Gattung wirkt dieselbe Dynamik. Wir finden Täuschung, um Futter zu stehlen oder um eine Beziehung mit einem anderen Sexualpartner zu verheimlichen. In solchen Auseinandersetzungen entwickelt sich sowohl die Fähigkeit zur Täuschung weiter als auch die Fähigkeit, Täuschungen aufzudecken. Und Menschen lügen bekanntlich die ganze Zeit. Oft wird das als Rücksichtnahme rationalisiert: Ich sage dir nicht, dass du schlecht riechst, dass du ein lausiger Koch bist. Täuschung ist also allgegenwärtig und nicht besonders schwer zu erklären. Das interessante Problem ist Selbsttäuschung.
Warum ist es schwieriger, Selbsttäuschung zu erklären?
Robert Trivers: Weil es überhaupt nicht einsichtig ist, warum Selbsttäuschung evolutionär nützlich sein soll. Das scheint zunächst unsinnig: Wenn ich dich überliste, habe ich vielleicht einen Nutzen davon. Wenn ich mich überliste, was bringt das? Eigentlich sollte es einen Nachteil bringen, wenn ich mein Verhalten auf falsche Voraussetzung aufbaue. Aber dennoch ist Selbsttäuschung weit verbreitet.
Robert Trivers: Wie entsteht also Selbsttäuschung?
In den 70er Jahren ging ich davon aus, dass Selbsttäuschung eine Folge, eine Funktion von Täuschung ist. Wenn ich versuche, etwas vor dir zu verbergen, was dir wichtig ist, dann schaust du mir in die Augen, du achtest auf den Ton meiner Stimme, kurz: du suchst in meinem Verhalten nach Hinweisen auf ein bewusstes Täuschungsmanöver. Aber was ist, wenn ich es selbst nicht weiß? Wenn es unbewusst ist? Dann sind diese Möglichkeiten, eine Täuschung aufzudecken, ausgeschlossen. Täuschung führt also zur Selbsttäuschung, um die Täuschung zu perfektionieren. Zweitens senkt Selbsttäuschung die kognitiven Kosten für das Individuum. Bewusst zu betrügen, ist eine schwierige und aufwendige Sache. Du musst die Wahrheit kennen und dir gleichzeitig die Unwahrheit merken und sie vertreten, die Unwahrheit muss überzeugend sein, es darf keine Widersprüche geben ...
Aber ist Selbsttäuschung nicht auch gefährlich?
Sehr gefährlich sogar! Die Auswirkungen der Selbsttäuschung werden langfristig wahrscheinlich negativ sein. Manche glauben, ich würde Täuschung und Selbsttäuschung empfehlen, aber das ist nicht wahr. Täuschung ist nützlich in einem engen Sinn: Sie bürdet anderen bestimmte Kosten auf, was ich in der Regel aber nicht gut heiße. Selbsttäuschung bürdet beiden Seiten Kosten auf, dem Getäuschten und dem Selbst-Getäuschten.
Aber kann es so etwas wie Selbsttäuschung unter Tieren geben?
Robert Trivers: Das ist schwer zu sagen, es ist schließlich schwierig, Selbsttäuschung bei anderen, nicht-sprechenden Lebewesen zu untersuchen. Aber immerhin sind Tiere oft in ähnlichen Konfliktsituationen, in denen es um eine gegenseitige Einschätzung geht. Zwei Tiere vor einem Kampf beispielsweise achten ganz genau auf die Zeichen von Selbstvertrauen des anderen. Sie sind nützlich, um vorherzusehen, wie stark der andere ist. Das wiederum legt natürlich nahe, das eigene Selbstvertrauen zu übertreiben. In diesem Sinne könnte man vielleicht von Selbsttäuschung sprechen: Die Erinnerungen an vorherige Niederlagen werden unterdrückt. Das gleiche gilt für die Balz, das Werben um einen Geschlechtspartner. Aber natürlich ist das eine Hypothese. Meine Untersuchungen über Selbsttäuschung drehen sich um Menschen.
Sie entdecken die Dynamik von Täuschung und Selbsttäuschung in ganz verschiedenen Bereichen, bei Individuen, aber beispielsweise auch bei Nationalstaaten – ist dieses Modell mehr als eine Analogie?
Robert Trivers: Es ist richtig, dass das Verhalten von Individuen und das von Gruppen unterschiedlich ist, auf unterschiedliche Weise funktioniert. Es geht um Analogien, aber um nützliche Analogien. Denken Sie an die berühmte Untersuchung der Challenger-Katastrophe im Jahr 1986 von Richard Feynman, in der er vom „Unbewussten einer Organisation“ spricht. Feynman wusste innerhalb einer Woche, dass ein Dichtungsring das Problem gewesen war. Dann verbrachte er die nächsten sechs Monate damit herauszufinden, wie es möglich war, dass einer Organisation wie der NASA ein solcher Fehler unterlaufen konnte. Seine Erklärung: Vor der Mondlandung stand die ganze US-amerikanische Gesellschaft hinter den Raumfahrt-Projekten; man wollte vor den Russen auf dem Mond sein. In den 1970er Jahren dagegen war die NASA eine 5 Milliarden-Bürokratie, die nichts zu tun hatte. Also erfand sie sich einen Arbeitsauftrag, und musste trotz der Vorbehalte in der Bevölkerung sicherstellen, dass die Fördergelder weiter flossen. Feynman argumentierte, die NASA habe sich sozusagen in zwei Hälften gespalten: Das obere Management war damit beschäftigt, das Challenger-Projekt der Nation zu verkaufen und wollte von Sicherheitsfragen nichts wissen. Es verdrängte das Problematische in das Unbewusste der Organisation.
Sie haben sich in der Vergangenheit sehr kritisch über die Außenpolitik ihres Heimatlandes geäußert. Wie steht es mit Täuschung und Selbsttäuschung im Fall des Irakkrieges?
Robert Trivers: Selbsttäuschung beeinflusst die Kriegsführung immer auf viele Arten. Zum Teil hat das mit der männlichen Psyche zu tun, also mit übersteigertem Selbstbewusstsein und der Illusion von Kontrolle, zum Teil mit unserer Neigung, Fremdgruppen abzuwerten. Aber in diesem besonderen Fall des Irakkrieges gibt es viele Ähnlichkeiten zu dem, was Feynman über den Fall der NASA darlegt hat. Die Leute, die diesen Krieg propagiert haben, Rumsfeld, Cheyney, Bush, wollten eben nichts hören über Probleme. Was passiert, wenn wir in Bagdad angekommen sind? Wird es einen Aufstand geben? All diese Fragen sprachen eben nicht für den Krieg, also wollten sie nichts davon hören.
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