Menschen und Tiere als Krankheitsüberträger

HIV - größte Pandemie des 20. Jahrhunderts

Ähnlich wie bei Corona fing es auch mit HIV an: 1981 wurde erstmalig bei einer Gruppe von Menschen ungewöhnliche Lungenentzündungen festgestellt. Allein 2018 infizierten sich knapp 38 Millionen Menschen mit HIV.

Es gab verschiedene HIV-Stämme, die mehrfach auf den Menschen übergesprungen sind, mindestens zwei Mal vom Schimpansen und zwei Mal vom Gorilla, weiß der Molekularbiologe Kai Kupferschmidt Einer dieser Stämme war weltweit für den Großteil der Todesfälle verantwortlich, während die anderen drei sich weniger gut ausbreiteten.

Das Virus soll schon Anfang des 20. Jahrunderts in der Region Kongo/Kamerun beim Schimpansen, dem Primaten, der dem Menschen genetisch am nächsten ist, aufgetreten sein. Auf den Menschen wurde es vermutlich während der Kolonialisierung in den großen Städten übertragen. Im Gegensatz zu Corona wird HIV heute allerdings teilweise relativ erfolgreich behandelt.

Menschliches Immunsystem kann sich Viren anpassen

In einigen Fällen ist die Tier-Variante sogar harmloser als die menschliche Variante derselben Krankheit. So sind Menschenpocken nicht nur hoch ansteckend, sie können auch tödlich verlaufen. Kuhpocken hingegen lösen nicht die Krankheit als solche aus, sondern nur eine Reaktion des körpereigenen Abwehrsystems.

Wer früher an Kuhpocken erkrankte, war danach immun gegen Menschenpocken. Dieses Prinzip liegt auch der Wirksamkeit von Impfstoffen zugrunde, die dem Erreger so ähnlich wie irgend möglich sein sollten. Nur so kann der menschliche Körper Antikörper produzieren, die im Ernstfall den echten Erreger wirksam bekämpfen können.

Die ersten Impfungen, die im 18. Jahrundert erfolgten, galten als Durchbruch im Kampf gegen Virenkrankheiten. So ist das Tollwut-Virus bei Füchsen dank groß angelegter Impfkampagnen hierzulande ausgerottet. Nur bei Fledermäusen kommt die Tollwut noch vereinzelt vor. In Asien und Afrika ist Tollwut allerdings weiterhin ein Problem. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sterbem jährlich nahezu 60.000 Menschen an der Virusinfektion.

Raubbau an der Natur fördert Pandemien

Die Corona-Viren sollen auf asiatischen Wildtiermärkten wie der in chinesischen Wuhan, auf dem mit toten oder lebenden Wildtieren gehandelt wird, auf Menschen übergesprungen sein.

Doch das Problem sind nicht die Wildtiere, erklärt WWF-Artenschutzexperte Arnulf Köhncke. Das Problem ist der enge Kontakt des Menschen mit diesen Tieren, der es den Viren ermöglicht überzuspringen. Die vielfältigen Tierarten, die auf solchen Märkten gehandelt werden, hätten sich in freier Natur niemals in dieser Dichte getroffen.

Der aktuelle Seuchenausbruch habe vor allem mit der auf Gewinnmaximierung orientierten Ernährungswirtschaft zu tun, glaubt Prof. Jens Holst, der Internationale Gesundheitswissenschaften an der Hochschule Fulda unterrichtet. Einerseits führt der Anbau von Monokulturen für Schweine-, Rinder- und Geflügelmast im globalen Süden zu wachsendem Landraub.

Andererseits dringen in China, Vietnam, Myanmar und Thailand Holzfäller und Wildtierjäger immer tiefer in unberührte Primärwälder ein, wo sie mit virulenten, infektiösen Krankheitserregern in Kontakt kommen.

Der illegale Handel mit Tieren nimmt weiter zu

Wildtiere und ihre Produkte haben oft mit Statussymbol und lang tradierten Werten von Ästhetik und Schönheit zu tun. Dies könnte ein Grund dafür sein, warum die Nachfrage in Europa in den letzten Jahren gestiegen ist.

Doch so lange die weltweite Nachrage nach exotischen Tieren andauert, wird es schwer sein, den Handel mit Tieren und sich ausbreitenden Virenkrankeiten unter Kontrolle zu bringen. Einer Studie des IFAW zu Folge hat der Online-Handel mit Wildtierprodukten deutlich zugenommen.

Gerade der Internet-Handel floriert, und der ist nicht so leicht zu überwachen. Drei Viertel aller Tiertransporte werden in Bayern gestoppt. Sie sind Beifang am Flughafenzoll oder bei der Bundespolizei. Immer häufiger sind exotische Wildtiere dabei. So wurde im Mai 2019 in Waidhaus in der Oberpfalz ein Kastenwagen gestoppt, in dem 320 Tiere zusammengepfercht waren. Auf dem Transporter, der von Ungarn nach Belgien unterwegs war, fanden die Polizisten Ziervögel, lebende Schwäne, Hirsche, Wildhühner und Hundewelpen.

Wildtierhandel stoppen - Arten schützen!

Inzwischen kündigten die Regierungen in China und in Vietnam an, den Verzehr von lebenden Wirbeltieren verbieten bzw. den Handel mit Wildfleisch stärker bekämpfen zu wollen. Allerdings ist laut geltenden Gesetzen der Verzehr von Wildtieren bereits verboten, insbesondere von geschützten Wildtieren. Vor diesem Hintergrund ist wohl kaum damit zu rechnen, dass sich Grundlegendes ändern wird.

Auch wird mit Blick auf die Pelztierzucht, die in China einen gigantischen Wirtschaftszweig darstellt, schnell klar, dass Verbote, die allein den Wildtierhandel betreffen, nicht ausreichen. Auf den Farmen fristen Marderhunde, Nerze, Füchse und Kaninchen ein erbärmliches Dasein. In den viel zu engen Käfigen warten die Tiere auf ihre Häutung bei lebendigem Leib.

Der britischen Zeitung Independent zufolge werden jedes Jahr 50 Millionen Tiere allein wegen ihres Fells getötet. Um den Handel mit ihnen zu erleichtern, will die chinesische Regierung Nerze und Marderhunde sowie Silber- und Polarfüchsen künftig sogar als Nutztiere einstufen. Damit ist absehbar, dass sich die Gefahr weiterer Krankheitsübertragungen von Tieren auf Menschen erhöhen wird. (Susanne Aigner)