Metablog als Geschäftsidee

Mit Suchwort- und Blogliste sowie der Hilfe von Google kommt der Sexyblog zustande - manchen Bloggern gefällt das gar nicht

Subject: ein text - medien online From: florian rötzer Date: Tue, 23 Nov 2004 15:11:42 +0100 To: jos@heise.de

Wenn ein Mensch seinen Namen googelt, kann das unterschiedliche Gründe haben: Narzissmus, die ewig währende Suche nach sich selbst oder auch schiere Langeweile. Wenn Carola Heine ihren Namen googelt, dann stehen berufliche Interessen dahinter: Die Düsseldorferin ist nicht nur Deutschlands dienstälteste Bloggerin, sondern renommierte Autorin von Fachartikeln, Fachbüchern und Belletristik. Da ist es beizeiten wichtig, Verlinkungen der eigenen Texte, Zitate daraus und nicht zuletzt Plagiate zu entdecken.

Eine ähnliche Motivation wird der Dresdner Peter Großmann haben. Doch geht es ihm weniger um das Auffinden von Plagiaten, sondern um die Erwähnungen seiner kleinen Webdesignfirma acado.de und einiger ihrer Projekte. Wie bei eBay kann auch hier offenbar kein Bericht so schlecht sein, dass er am Ende nicht doch zu Seitenabrufen, Umsätzen und neuen Geschäftskontakten führt.

Großmanns Referenzen lesen sich nicht schlecht: Einige Gemeinden und Gebietskörperschaften zählen zu seinen Kunden, eine Zeitschrift und die Aktion Augen auf - Zivilcourage zeigen!. Doch auch eigene Websites "als Spielwiese für kreative Ideen" sind verlinkt.

Eine dieser Grünflächen brachte Carola Heine auf den Plan: Die Domain www.sexyblog.de. Dort fand ein Leser ihres Blogs einen Text der Bloggerin, der zweideutige Begriffe enthielt, weil sie ihre plüschigen Stubentiger darin als "Liebeskugeln" bezeichnete.

Natürlich ärgerte sie sich sowohl über die Erwähnung ihres Namens im Schmuddelkontext als auch über das Plagiat: Beides kann ganz gehörig an ihrem Ruf als seriöse Fachautorin kratzen. Folgerichtig beschwerte sie sich und verlangte die Löschung aller Referenzen zu ihrem Blog.

Ihr Blog ist bei weitem nicht das einzige, das Großmann wiedergibt: Die Einträge auf der dubiosen Domain scheinen lieblos und automatisch zusammengegoogelt. Neben dem Text über Carola Heines Katzen wird auch ein Aufsatz über eine Londonfahrt zitiert - weil das Wort "Befriedigung" darin vorkommt, ist dieser natürlich absolut sexy.

Großmann findet nichts Böses dabei, hält er die kopierten Texte doch für legale Zitate und nicht für freche Plagiate. Schließlich sind überall Quellenangaben. Üblicherweise wird allerdings ein Zitat als Beleg einer fremden Aussage in einen eigenen Text eingebettet. Und natürlich wird keine Autorin und kein Autor gefragt, ob man denn ausgerechnet in einem "sexy"-Kontext erwähnt oder gar umfangreich zitiert werden möchte. Wegen solcher "Zitatensammlungen" sind in der Vergangenheit schon seriösere Angebote abgemahnt worden.

"Was soll der Unfug?" ist spätestens die zweite Frage, die derart "zitierte" Bewohner der Blogosphere sich stellen. Ein Blick auf die Werbeeinblendungen erklärt es: Banner eines Sexshops mit Impression-Zählern, Amazon-Ads mit den Covern erotischer Bücher. Jeder Klick lässt die Kasse klingeln.

Auch in anderen Blogs wurde man auf die Verwertung der fremden Inhalte aufmerksam und Großmann erläuterte die Technik in Blog-Comments freimütig: Über eindeutig zweideutige Begriffe sucht ein Script Google nach passenden Blogs ab, lädt die verlinkten Seiten nach, macht einen Screenshot und erstellt einen Anreißer des Textes. Die erotische Ausbeute dabei ist jedoch mager. Die Suche nach dem "ersten Mal" findet einen Blogeintrag über die erste Blutspende, die Suche nach "Fesseln" liefert einen Bericht über bürokratische Fesseln und deren Abbau.

Google wiederum findet www.sexyblog.de unter allen in den zitierten Artikel zufällig enthalten Stichworten - was zu Klicks und möglicherweise lukrativen Pageimpressions führen kann. Selbst wenn Großmann mit dieser experimentellen Plattform nicht gerade reich werden dürfte, so zeigt sie, wie Suchmaschinen in Zukunft missbraucht werden. Unter www.sexyblog.de kann ein sehr eindrucksvolles Experiment besichtigt werden zur Frage, wie man völlig ohne eigene Inhalte tagesaktuelle Klickmagnete für Suchmaschinenbenutzer generieren kann.

"Das ist aus meiner Sicht auch Teil von Humor: die Lust am technischen Fortschritt", schreibt Großmann in einem Kommentar dazu. Carola Heine hingegen findet das "Bannergrab" kein bisschen lustig und hat es "langsam gründlich satt, dass sich jeder und alles 'Blog' nennt, um abzukassieren". Großmann jedenfalls freut sich über das "erste Feedback" und betrachtet aufmerksamkeitsökonomisch die Kritik als eine Art Werbung oder als Rezension. (Volker König)