Metapher der Relativierung

Die Dresdener Bombennacht vor 60 Jahren: Das Gedenken verwandelt sich in ein Gedenken fremden Unrechts - obszön und makaber

Es war ein zynischer Scherz des Zufalls, dass der Tag, an dem das alte Dresden im Feuersturm des Bombenkriegs zerstört wurde, ein Faschingsdienstag war, der dem darauf folgenden Aschermittwoch einen schrecklichen Sinn gab. An diesem 13. Februar war das Wetter aufgeklart. Es war 22.09 Uhr, als William Topper in einer britischen Lancastermaschine an der Spitze der alliierten Bomberflotte die erste rote Zielmarkierungsbombe setzte. Danach fielen 7.500 Sprengbomben, knapp 700.000 Stabbrandbomben und 4.500 Flammenstrahlbomben - 3 Millionen 700.000 Kilo Sprengstoff, für jedes einzelne Innenstadtgebäude mehr als ein Zentner. Es war der schwerste Bombenangriff des ganzen Krieges in Europa.

Seine Dimension sprengt das Maß des Vorstellbaren: 1.084 Flugzeuge, zu zwei Dritteln britische, zu einem Drittel amerikanische Bomber flogen in zwei Wellen einen Nachtangriff und einen Folgeangriff am nächsten Tag. Hunderttausende wurden obdachlos und verletzt, 25.000 oder mehr starben. Unter den Toten waren nicht nur Einwohner Dresdens und Flüchtlinge aus Ost und West, sondern auch gefangene Zwangsarbeiter und Juden, deren Abtransport in die Vernichtungslager unmittelbar bevorstand. Einige waren gewiss heimliche Widerständler, stille Feinde des Regimes, in der "inneren Emigration". Noch mehr aber waren Mitläufer und Wegschauer, viele hatten Hitler gewählt, als das noch möglich war, noch mehr hatten ihm und seinen Siegen zugejubelt. Soldaten waren unter ihnen, Diener und Funktionäre des NS-Regimes, fanatische Nazis. Die Scheiterhaufen, auf denen an den nächsten Tagen die Leichen in Dresden verbrannt wurden, errichteten geübte Experten eines SS-Bataillons, die ihre nützlichen Fachkenntnisse im Verbrennen von Menschenleibern zuvor bei der Ermordung von hunderttausenden Juden im Bezirk des polnischen Lublin erworben hatten. Auch diese Anekdote gehört zur Geschichte von Dresden.

Dresden war ein zentraler Eisenbahnknotenpunkt für Militärzüge (im Durchschnitt passierten ihn 28 Züge mit 20.000 Soldaten pro Tag), Kommandozentrum und logistisches Zentrum. Damit hatte es strategische Bedeutung für die Versorgung der deutschen Ostfront. Es gab hier Kasernen und Fabriken, 120 davon aus Sicht des Regimes "kriegswichtig". 70.000 Menschen arbeiteten hier, stellten insbesondere Munition her. Zudem war die Stadt ein Zentrum der feinmechanischen und optischen Rüstungsindustrie. Diese Fakten, die zuletzt vom britischen Historiker Frederick Taylor in seinem Buch "Dresden, 13. Februar 1945" präsentiert wurden, ergeben den Eindruck eines legitimen Kriegsziels.

Die Tätergesellschaft wird zur Opfergemeinschaft

Wenn heute, 60 Jahre nach dem Angriff, der Ereignisse gedacht wird, ergibt sich ein zwiespältiges Bild. Nicht wegen der Neonazis, die das Gedenken geschmacklos nutzen und pervertieren werden, um ihr eigenes Süppchen zu kochen. Eher schon wegen der Unfähigkeit der demokratischen Parteien, angemessen darauf zu reagieren. Wegen der fehlenden Bereitschaft, das Gesetz von Ursache und Wirkung anzuerkennen, wegen der fatalen Lust daran, die deutsche Tätergesellschaft in eine Opfergemeinschaft zu verwandeln - bis hin zu einer sprachlichen oder gar faktischen Gleichsetzung der Bombenopfer mit den Holocaustopfern, die längst nicht mehr nur zum gedanklichen Arsenal einiger Unbelehrbarer gehört.

Die Leiden von Dresden werden so - bewusst oder unbewusst - auch dazu benutzt, die Singularität der deutschen Untaten zu relativieren. Jörg Friedrich etwa, Verfasser des Bestsellers "Der Brand" über den Bombenkrieg, nennt den Luftkrieg "vorsätzliche Tötung einer halben Million Zivilisten", spricht von Massenvernichtung, ohne eine Einordnung der Ereignisse vorzunehmen. Hitlers Ausrottungskrieg und die Selbstverteidigung des angegriffenen England stehen plötzlich auf einer Stufe.

In Bezug auf Dresden werden nun auch erneut, von der FAZ bis zur Welt, die bekannten Argumente wiedergekäut, die durch Wiederholung nicht schärfer werden: Dass der Angriff auf Dresden ohne jeden strategischen Nutzen gewesen sei. Dass er als Strafaktion angesehen worden sei. Dass er hauptsächlich gegen die Zivilbevölkerung geführt worden war. Unerwähnt bleibt dabei meist die Tatsache, dass die Nazis wie andere Diktaturen im "totalen Krieg" die Zivilbevölkerung längst als "Heimatfront" begriffen, dass sie sie gern als Schutzschilder für ihr Tun missbraucht haben. In den letzten Monaten des Krieges hat vor allem die SS ihre Stellungen systematisch in zivilen Zielen genommen, um die Alliierten zu zwingen, Massaker an der Bevölkerung zu begehen. Zynisch wurde mit dem Propagandawert der Toten kalkuliert. Unmittelbar nach den Angriffen erhöhte Goebbels die Opferzahlen ins Unermessliche - wie noch heute seine Jünger im sächsischen Landtag -, begann mit neuen Hass-Tiraden gegen die "anglo-amerikanischen" - heute wieder ein Lieblingswort der Neonazis und der dummen Hälfte der Linken - "Kriegsverbrechen". Herrn Friedrich dürfte das gern unterschreiben.

Unsäglicher Gedenkkitsch

Es gibt auch andere Mythen, die, von Fachleuten längst widerlegt, über Generationen weitergegeben werden. Sie übertreiben die Opferzahlen, handeln von Phosphorbomben und Tieffliegern, die Zivilisten auf den Elbstränden beschießen - das hat es beides nie gegeben, doch Bücher, in denen das detailliert dargelegt wird, werden von Dresdner Buchhandlungen boykottiert, weil nicht sein darf, was nicht sein soll. Die jetzigen Gedenk-Feierlichkeiten scheinen vor allem einem Zweck zu dienen: Sie sind späte Entnazifizierungsliturgien, die das Tätervolk in ein Opfervolk verwandeln, die Schuld aufrechnen, verrechnen, um sie am Ende zu nivellieren und zu tilgen. Da heißt es dann: Es gab ja auch Menschenrechtsverletzungen der Alliierten." Fehlt am Ende noch der Seufzer: "So ist der Mensch."

Unsäglicher Gedenkkitsch geht mit alldem einher. Kein Text über Dresden ohne die Frauenkirche, die Semperoper, das Elbflorenz. Der Historiker Kurt Flasch sprach im Zusammenhang mit der Luftkriegsdebatte von "Viktimismus, der einen furchtbaren, aber gleichwohl sekundären Aspekt des geschichtlichen Vorgangs sentimental präpariert und zur gefälligen Einfühlung darbietet". Auch Deutsche waren Opfer. Der Satz meint nicht die Deutschen, die von ihren Landsleuten schon vor 1939 vertrieben und massakriert, gefoltert und ermordet wurden, nicht die Toten der Konzentrationslager, sondern variiert die Verdrängungsmelodie der 50er Jahre: "Wir haben auch gelitten", hieß das damals. Eine Tendenz zum "schrittweisen Umbau der deutschen Erinnerungskultur" sieht heute der Hannoveraner Historiker Harald Welzer. Der Boom der Leidensgeschichten von Günter Grass bis Ulla Hahn scheint ihm ebenso recht zu geben, wie der Bombenerfolg Jörg Friedrichs. Das Gedenken wird verhandelbar.

Coventry, Leningrad, Warschau, Breslau, Rotterdam, Straßburg, Guernica

Ich denke an Coventry - und ich habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss. Hat Deutschland geglaubt, es werde für die Untaten, die sein Vorsprung in der Barbarei ihm gestattete, niemals zu zahlen haben?

Thomas Mann, BBC-Statement kurz nach der Zerstörung seiner Heimatstadt Lübeck

Es fehlte nie an politischen Versuchen, den 13. Februar zu instrumentalisieren. Auch heute dient Dresden zwar als Symbol für vieles, aber kaum dazu, sich mit der eigenen Schuld zu beschäftigen. Stattdessen verwandeln Zeitungen und TV-Sender die Befreier wieder zurück in die Besatzer, in Verfolger und Mörder. Deutsche erregen sich über die Missetaten der Engländer - und der Russen sowieso. Das Gedenken verwandelt sich daher in ein Gedenken fremden Unrechts - obszön und makaber. Vor allem wird gern nach der Schuld der anderen an den Ereignissen gefragt. Aber wer diese Schuldfrage stellt, als wäre sie offen, begibt sich schon auf die schiefe Bahn der Relativierung des Mehr oder Weniger an Schuld.

Dresden hat Ursachen und eine Vorgeschichte, die relativ einfach zu benennen ist: Coventry, Leningrad, Warschau, Breslau, Rotterdam, Straßburg, Guernica. Kann man über Dresden sprechen, ohne an diese Städte zu erinnern und an das, was sie symbolisieren? Natürlich kann man. Aber warum sollte man? In Leningrad zum Beispiel wurden 1 Million Menschen Opfer deutschen Dauerbombardements. "Wir werden ihre Städte ausradieren" - das hatte Hitler gesagt. Und britische Städte gemeint. Und es getan, wo er konnte. Bomben auf Engelland. Jetzt kamen sie zurück.

Das öffentliche Gedenken in Deutschland klammert die Umstände und den historischen Zusammenhang der alliierten Bombenkriegsführung indes fast völlig aus. Es wäre ja auch mit dem Eingeständnis verbunden, dass "die Deutschen", das nationale Kollektiv, im Zweiten Weltkrieg nie einfach nur Opfer sein können, immer auch Täter sind. Das "moral bombing" der Westalliierten zielte auf den Zusammenbruch der Wirtschafts- wie der Widerstandskraft des Aggressors und Kriegsschuldigen. Auf lange Sicht zerstörte es die Hoffnung auf den deutschen Endsieg und verkürzte den Krieg. Der Historiker Michael Burleigh schreibt im Guardian mit bitterem Pathos vom notwendigen Übel im Kampf zwischen Gut und Böse. Welchen Sinn haben Gedenktage? Zumindest den, skandalösen Relativierungen und Gleichsetzungen entgegenzuarbeiten und den ideologischen Erben der Täter keinen Fingerbreit nachzugeben.

Manchmal liegen die Dinge dann plötzlich unerträglich einfach. In diesen Tagen macht die Nachricht die Runde, dass die Auschwitz-Überlebende Ruth Klüger, geladen zu einer Gedenkveranstaltung in Dresden, diese absagte. Sechzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz wagt eine Überlebende des Holocaust es wieder nicht, öffentlich zu sprechen, weil sie sich vor Neonazis fürchten muss, während diese offenbar problemlos durch die Stadt ziehen können. Dafür, und damit für die alten und neuen Folgen des Naziterrors, nicht für allgemeinverbindliche humanistische Pathosfloskeln ist Dresden ein Symbol.

Literaturhinweise:
- Lothar Kettenacker (Hg.): "Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940-1945"; Rowohlt Vlg., Hamburg 2003
- Frederick Taylor: "Dresden, 13. Februar 1945. Militärische Logik oder blanker Terror?"; Bertelsmann Vlg., München 2005, 540 S. 26 Euro
(Rüdiger Suchsland)