Metastudie bestätigt: Bewegung senkt Erkrankungsrisiko

Ganz neu ist der Bewegungskult für die Bewegungsarmen nicht. Eine Aufnahme aus dem Jahr 1924. Bild: Spinning 4 health.cz/CC-BY-3.0

Die WHO-Empfehlung, sich mindestens 2,5 Stunden oder 600 MET Minuten wöchentlich zu bewegen, soll viel zu wenig sein

Nichts mit Muße und dolce far niente. Heute ist Leistung angesagt, und in der Wissens- und Digitalgesellschaft, in der der Körper unterhalb des Gehirns immer mehr ausgeschaltet wird, wird paradoxerweise ein Kult der körperlichen Aktivitität inszeniert. Unermüdlich machen uns die Statistiker und Mediziner, unterstützt von einer Heerschar an vermeintlichen Experten aus der Gesundheitsindustrie klar, dass der digitale homo sedens zu Krankheiten und einem frühen Tod verurteilt sei.

Wer nicht permanent und diszipliniert strampelt, um einen stählernen Körper zu erlangen, ist überdies selbst schuld. Die "Elite" der Gesellschaft hat sich vom Müßiggang verabschiedet und huldigt in Verabscheuung der Dicken und Faulen die Mobilität. Im Zeitalter der propagierten Virtualität und Immaterialität wird der Körper zum Problemfall, der möglichst lange durchhalten soll. Ein langes und gesundes Leben winkt im neuen, medizinisch basierten Ablasshandel nur dem, der sich nicht gehen lässt, sondern fleißig geht und rennt. Nach der WHO sind 23 Prozent der Erwachsenen und 80 Prozent der Jugendlichen weltweit nicht ausreichend körperlich aktiv. Das soll 2008 für 3,2 Millionen Todesfälle jährlich, 6 Prozent von allen, verantwortlich gewesen sein.

Gerade wurde wieder eine Metastudie in BMJ.com veröffentlicht, die demonstrieren will, dass körperliche Leistung, einst der Zwang der Armen, der beste Weg zum langen und gesunden Leben ist. Direkt mit der Arbeit, dem Überleben, hat der neue Bewegungszwang nichts zu tun, er muss nach der Arbeit, die sitzend verrichtet wird, ausgeführt werden, so dass die Freizeit eben nicht der Muße gewidmet werden kann, sondern der Kompensation des digitalisierten Arbeitsplatzes, wobei natürlich zusätzlich ein puritanisches Leben ohne Alkohol, Nikotin, Drogen, Zucker und Fett angesagt ist.

Der Weltbevölkerung wird von der WHO geraten, mindestens wöchentlich einer körperlichen Aktivität mit einem Energieverbrauch von 600 MET (Metabolische Äquivalent) Minuten nachzugehen. Der Stoffwechselumsatz des Körpers in Ruhe beträgt 1 MET = 1 kcal/kg/Stunde (Liegen und Fernsehschauen). Legt man den Sauerstoffverbrauch zugrunde, so sind es 3.5 ml/kg/min. Zufußgehen wird mit 3,5 MET Nordic Walking mit 6,8 veranschlagt, Fahrradfahren in mäßiger Geschwindigkeit mit 6 METS, Sitzen und Glotzen oder ruhig Stehen mit 1,3. Sex hat offenbar einen relativ geringen Stoffwechselumsatz: aktiv und heftig (active, vigorous effort ) gibt es gerade einmal 2,8, normal 1,8, passiv, küssend oder schmusend 1,3 METs. Putzen hingegen bringt schon mal mehr als 3 METs, am besten kommt Bodenschrubben auf den Knien (6,5) oder das Tragen von Möbeln auf Treppen (9,0). Hunde Ausführen bringt nur 3 METs, wenn man nicht mitrennt. Gärtner oder Straßenbauarbeiter sind gut im Stoffwechselverbrauch, eigentlich ein Vorbild für die sitzenden Computerarbeiter, der während der Arbeit mit 1,3 METs gerade einmal etwas mehr leistet als jemand, der untätig herumliegt.

Aber zurück zu der WHO-Empfehlung von mindestens 600 MET Minuten. Geht man von 5 METs für schnelleres Gehen aus, so ergebt ein 30minütiges Gehen 150 MET Minuten. Die WHO schlägt also vor, wöchentlich mindestens 2 Stunden mit einer Aktivität zu verbringen, die einem Wert von 5 MET entspricht. Anders ausgedrückt empfiehlt die WHO Erwachsenen wöchentlich mindestens 150 Minuten Bewegung mittlerer Intensität zwischen 3 und 6 METs: Schnelles Gehen, Tanzen, Gartenarbeit, Hausarbeit, Herumtragen von Gewichten, Gehen mit Hunden etc. Mehr als 300 Minuten wöchentlich soll aber keine weiteren gesundheitlichen Erfolge mehr bringen.

Die WHO geht von einer von einer belegten Verbindung zwischen körperlicher Aktivität und Gesundheitszustand aus. Es gebe zwingende wissenschaftliche Hinweise aus zahlreichen Studien, dass körperlich aktive Menschen gesundheitlich fitter sind, ein geringeres Risiko für eine Reihe von körperlichen Behinderungen haben und weniger an nicht-infektiösen Krankheiten erkranken als inaktive Menschen.

Eine Metastudie hat nun zu überprüfen versucht, in welcher Intensität körperliche Aktivitäten ausgeführt werden müssen, um das Risiko gesundheitlicher Beeinträchtigungen tatsächlich reduzieren. Die australischen und amerikanischen Wissenschaftler haben den Zusammengang zwischen körperlicher Aktivität und einem geringeren Risiko für Brust- und Darmkrebs, Diabetes, Herzinfarkt und Herz-Kreislauf-Erkrankung auf der Grundlage von 174 Studien untersucht, die zwischen 1980 und 2016 veröffentlicht wurden und den Zusammenhang mit mindestens einer der Krankheiten behandelten.

Häufigere körperliche Aktivität, so scheint auch die Metastudie zu bestätigten, reduziert das Risiko für alle fünf Erkrankungen. Am besten ist eine Aktivität von 3000-4000 Met Minuten in der Woche, mehr scheint nichts zu bringen. 3000 MET Minuten wöchentlich können beispielsweise durch zehnminütiges Treppensteigen, 15 Minuten Staubsaugen, 20 Minuten Gartenarbeit, 20 Minuten Laufen und 25 Minuten Gehen oder Fahrradfahren erzielt werden.

Das klingt machbar, ist allerdings fünfmal mehr, als die WHO empfiehlt. Deren Empfehlungen gingen nicht weit genug, so die Autoren, eine körperliche Aktivität von 600 MET Minuten würden das Diabetes-Risiko nur um 2 Prozent gegenüber Inaktiven mindern, während 3600 MET Minuten das Risiko zusätzlich um 19 Prozent verringert. Wer sich mit mehr als 8000 MET Minuten abstrampelt und dafür schon viel Zeit aufwenden muss, soll sein durchschnittliches Risiko für Brustkrebs um 14 Prozent, für Darmkrebs um 21 Prozent, für Diabetes um 28 Prozent, für Herz-Kreislauferkrankungen um 25 Prozent und für einen Harzinfarkt um 26 Prozent senken können.

Nach der neuen Einschätzung wären Menschen wenig aktiv mit 600-3999 MET Minuten, mäßig aktiv mit 4000-7999 und sehr aktiv mit über 8000 MET Minuten. Dafür müsste man schon mehr als 25 Stunden schnell gehen, allerdings zählt dabei nicht Sport oder Aktivitäten in der Freizeit, sondern es müssen dafür auch körperliche Tätigkeiten während der Arbeit, beim Treppensteigen, beim Gärtnern oder bei der Hausarbeit oder Gehen/Fahrradfahren zum Einkaufen oder zur Arbeit berücksichtigt werden.

Angesichts der alternden Weltbevölkerung und der Zunahme seit 1990 an Todesfällen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes sei, so die Wissenschaftler, "eine höhere Aufmerksamkeit und mehr Geld für Maßnahmen notwendig, um für körperliche Aktivität zu werben". Was fehlt, sind Studien zur genaueren Quantifizierung der unterschiedlichen Intensitäten körperlicher Aktivitäten - und auch der Folgen, denn eigentlich sollte man nach der Studie annehmen, dass Putzfrauen, Bauarbeiter oder Möbelträger am längsten leben. (Florian Rötzer)

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