Mexiko: Personalunion von Kommunalpolitik und Organisierter Kriminalität

Bürgermeistersgattin von Iguala leitete Guerreros-Unidos-Bande von Rathaus aus

José Luis Abarca, der Bürgermeister der mexikanischen 130.000-Einwohner-Stadt Iguala ist derzeit noch etwas schwerer erreichbar als andere Kommunalpolitiker, die mit unangenehmen Presseanfragen rechnen müssen: Er befindet sich seit kurzem auf der Flucht. Anlass dafür war offenbar die Entdeckung des Generalstaatsanwalt Jesús Murillo, dass Abarcas ebenfalls flüchtige Ehefrau María de los Ángeles Pineda Villa, die einer Drogenhändlerdynastie entstammt, die zum Beltrán-Leyva-Kartell gehörige Guerreros-Unidos-Verbrecherbande vom Rathaus aus leitete.

Das führte unter anderem dazu, dass für Personalfragen bei der städtischen Polizei eine Arbeitsgruppe der Guerreros Unidos zuständig war - und die sorgte dafür, dass die (inzwischen entwaffneten und teilweise inhaftierten) kommunalen Sicherheitskräfte als bewaffneter und gleichzeitig legaler Arm der Verbrecherbande eingesetzt werden konnten.

Das klappte offenbar lange recht gut - bis man es übertrieb: Als Studenten des Lehrerseminars Raúl Isidro Burgos Rural in Ayotzinapa während einer Rede der Bürgermeistersgattin und Vorsitzenden des örtlichen Familien- und Kinderschutzbundes gegen die Günstlingswirtschaft bei der Einstellung von Lehrern demonstrieren wollten, stoppte die städtische Polizei am 26. September (angeblich auf eine direkte Anordnung des Bürgermeisters hin) mehrere Busse und erschoss sechs Studenten. 43 weitere sind seitdem verschwunden.

Was mit den Verschwundenen geschah, ist bis jetzt nicht geklärt: Aussagen des von der mexikanischen Bundespolizei gefassten Guerreros-Unidos-Funktionärs Sidronio Casarrubias Salgado deuten darauf hin, dass sie von der städtischen Polizei festgenommen und dem illegalen Arm der Bande übergeben wurden, der sie möglicherweise deshalb allesamt aus dem Weg räumte, weil Salgado die Studenten irrtümlich für Mitglieder der rivalisierenden Verbrechbande Los Rojos hielt. Ihre Leichen sind in jedem Fall bis jetzt nicht aufgetaucht, obwohl ihr Verschwinden und die öffentlichen Proteste dazu führten, dass die Struktur der kommunalpolitischen "Maschine" in Iguala ans Licht der Öffentlichkeit kam.

Iguala von oben. Foto: Nick Ramirez Brito. Lizenz: Public Domain.

Als festgenommene Bandenmitglieder die Ermittler der Bundespolizei zu zehn illegalen Gräbern mit den Leichen von insgesamt 28 Menschen führten, glaubten mexikanische Medien schon, dass die Körper der Studenten gefunden seien: Durch einen Vergleich der DNS der Toten mit der von Verwandten der Studenten stellte sich jedoch heraus, dass es sich um andere Verbrechensopfer handeln musste.

Mehr Klarheit in den Fall hätten möglicherweise Akten und elektronische Daten gebracht, die im Rathaus von Iguala lagerten. Das jedoch ging gestern in Flammen auf. Ob die Brandstifter, die sich den Anschein eines vermummten Mobs gaben, nützliche Idioten oder vom Beltrán-Leyva-Kartell beauftragt waren, ist noch nicht klar. (Peter Mühlbauer)