Mexiko: Sinaloa-Kartell gewinnt militärische Machtprobe

Culiacán, der Hauptstadt des Bundesstaates Sinaloa. Foto: FAL56. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Die Nationalgarde musste den festgenommenen El-Chapo-Sohn Ovidio Guzmán Lopez wieder freilassen, um abziehen zu können, nachdem sie eingekesselt und angegriffen wurde

Das mexikanische Sinaloa-Kartell existiert weiter - auch nach der Verurteilung seines ehemaligen Chefs Joaquín Guzmán alias "El Chapo" zu einer lebenslangen Haftstrafe in den USA. Die Führung haben Medienberichten nach nun zwei seiner Söhne übernommen, der 28 Jahre alte Ovidio Guzmán Lopez und Jesús Alfredo Guzmán Salazar. Ovidio "Iván" Guzmán Lopez wurde deshalb in den USA angeklagt. Nun hat er eine militärische Machtprobe mit der mexikanischen Staatsführung bestanden, die ihn nach einer kurzzeitigen Festnahme wieder freilassen musste.

Dem mexikanischen Sicherheitsminister Alfonso Durazo nach war die Freilassung notwendig, um die Sicherheit in Culiacán, der Hauptstadt des Bundesstaates Sinaloa, wiederherzustellen. Dort sei es nach der Festnahme zu "gewaltsamen Aktionen" gekommen, die eine "Panik" ausgelöst hätten. Über Soziale Medien hatten sich vorher Bilder von Bränden, Rauchsäulen, schwer bewaffneten Vermummten und leblosen Körper von Uniformierten über die ganze Welt verbreitet. Eine der Aufnahmen zeigt anscheinend, wie Kartellkämpfer an einer Straßensperre Sicherheitskräften erfolgreich den Zugang zur Stadt verwehren.

Kartellmitglieder aus dem Gefängnis Aguaruto entkommen

Durazo zufolge war "Iván" in einem Haus festgenommen worden, aus dem heraus Kriminelle die neue Nationalgarde beschossen, mit der der neue mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador die Kartelle bekämpfen will. Nach der Festnahme hätten Truppen des Kartells dann das Haus und die Sicherheitskräfte umstellt und beschossen und über Funk die Freilassung von Ovidio Guzmán Lopez verlangt. Außerdem nutzten sie das in der Stadt ausgebrochene Chaos, um Kartellmitglieder aus dem Gefängnis Aguaruto zu befreien, wie der regionale Sicherheitsminister Cristóbal Castañeda gegenüber dem Fernsehsender Milenio einräumen musste.

Die mexikanischen Verbrecherkartelle erwirtschaften alleine durch den Export in die USA jährliche Einkünfte zwischen 20 und 30 Milliarden Dollar und nahmen dem mexikanischen Staat in den letzten 40 Jahren beträchtliche Teile seiner Macht ab.

Das Sinaloa-Kartell, das diese Entwicklung gerade eindrucksvoll dokumentierte, entstand aus dem Guadalajara-Kartell von Miguel Ángel Félix Gallardo und dominiert die mexikanischen Bundesstaaten Sonora und Sinaloa. Nach der Festnahme von El Chapo kam es zu einem Machkampf zwischen dessen Söhnen und Dámaso López Núñez alias "El Licenciado", seiner ehemaligen rechten Hand. Als 2017 auch letzterer festgenommen wurde übernahm dessen Gefolgschaft sein Sohn Dámaso López Serrano alias "Mini Lic". Ein älterer Ableger des Sinaloa-Kartells ist das von Rubén Oseguera Cervantes alias "El Mencho" angeführte neue Jalisco-Kartell, das nicht nur seinen namensgebenden Bundesstaat, sondern große Teile Zentralmexikos dominiert.

Zetas aus Angehörigen des mexikanischen Militärs entstanden

Ein anderes wichtiges Kartell, die Zetas, entstand aus Angehörigen des mexikanischen Militärs. Die in den Bundesstaaten Coahuila, Nuevo León, Tabasco und Campeche dominierende Verbrecherorganisation erwarb sich einen so grausamen Ruf, dass sogar die Hacker von Anonymous vor ihr einknickten (vgl. Anonymous: Meinungsfreiheit hat (k)einen Namen - Teil 3).

Das Golf-Kartell, für das die Zetas bis 2010 arbeiteten, herrscht östlich der Zetas im Bundesstaat Tamaulipas und kann auf eine inzwischen bald hundertjährige Geschichte zurückblicken. Sein Gründer Juan Nepomuceno Guerra schmuggelte nämlich zur Prohibitionszeit Alkohol in die USA. Den extrem blutigen Scheidungskrieg mit den Zetas überlebte das Golf-Kartell Anfang des Jahrzehnts mit leichten Zerfallserscheinungen.

"El Más Loco" - ein ehemaliger Zeuge Jehovas

Etwa gleichzeitig verlor auch die ehemals mächtige Familia Michoacána aus dem gleichnamigen Bundesstaat an Bedeutung. Sie wurde von Nazario Moreno angeführt, der im Dezember 2010 bei einer Schießerei mit Sicherheitskräften ums Leben gekommen sein soll, dessen Leiche allerdings nie gefunden wurde. Moreno, ein ehemaliger Zeuge Jehovas, der den Spitznamen "El Más Loco" (der Verrückteste) trug, predigte eine vom evangelikalen Autor John Eldredge beeinflusste religiöse Ideologie, in der Gott und die Familie ganz oben stehen und das Töten von Feinden ein Selbstbehelf zur Verwirklichung "göttlicher Gerechtigkeit" ist. In seinem Herrschaftsgebiet verbot Moreno angeblich die Zuhälterei und den Konsum von N-Methylamphetamin, für dessen Export in die USA die Familia bekannt war. Und wer unter ihm Karriere machen wollte, der musste Medienberichten zufolge nicht nur schießen können, sondern auch regelmäßig an Gebetstreffen teilnehmen.

Was die Familia besonders von anderen Kartellen unterschied, war ihre PR: In Zeitungsanzeigen warb die Organisation damit, dass sie Kredite an Bauern und Geschäftsleute vergeben und Geld für Schulen und Kirchen spenden würde. Auch den Anspruch darauf, Ordnungsmacht zu sein, machte das Kartell ganz offensiv geltend: 2009 und 2010 bot es der Regierung öffentlich seine Auflösung an, wenn diese es schaffen würde, die anderen Kartelle in Michoacán von Verbrechen abzuhalten und der Familia-Manager Servando "La Tuta" Gómez meine in einer Radiosendung, bei der er anrief, seine Organisation sei ein "notwendiges Übel" sei, um das Volk zu schützen.

Neue Tempelritter

Nach Morenos Verschwinden brach ein Kampf um die Macht aus: Eine Gruppe, die den Namen weiterführte, kämpfte gegen eine zweite Gruppe, die sich "Caballeros Templarios" nannte. Auch sie nahm für sich in Anspruch, die Ordnungsmacht in Michoacán zu sein und die Bevölkerung durch das Fernhalten anderer Kartelle vor "Diebstahl, Entführung [und] Erpressung" zu schützen. Ihre Templer-Anleihen zeigen sie nicht nur auf ihren Abzeichen, auf denen unter anderem zwei Hellebarden, eine Axt, ein Morgenstern, eine Krone, ein Ritterkreuz und ein Jesusbild zu sehen ist, sondern auch mit Kostümen und einem bebilderten Codex mit Verhaltensregeln (vgl. Templer-Narcos). Nachdem 2017 der Templer-Anführer Pablo Toscano Padilla (alias "El 500") ums Leben kam, als er ein Bündnis mit dem neuen Jalisco-Kartell aushandeln wollte, ist die aktuelle Bedeutung der Templer schwer einzuschätzen. (Peter Mühlbauer)