Michelangelos im Fellgewand gab es bereits vor 30.000 Jahren

Eine neue Untersuchung bestätigt das Alter der Malereien in der Chauvet-Höhle und erzwingt eine Umschreibung der Kunstgeschichte

Im Dezember 1994 machte Jean-Marie Chauvet, der zu dieser Zeit als Aushilfsaufseher für die Höhlen in der Ardèche-Region beim französischen Kulturministerium beschäftigt war, mit zwei Freunden einen Sonntagsspaziergang. Chauvet führte sie zu einer Höhle und sie machten sich an die Erkundung. Der Hobby-Forscher war durch einen Luftzug in einem Gestrüpp nahe an einem Felsen neugierig geworden und was die drei fanden, übertraf bei weitem ihre Erwartungen: ein riesiges Höhlensystem, das viele verschiedene Höhlenmalereien aufweist. Da tummeln sich 300 Zeichnungen von Nashörner, Auerochsen, Löwen, Mammuts, Pferde - großartig und expressiv erscheint ein ganzes Bestiarium vor den Augen des staunenden Betrachters. Chauvet meldete ganz ordnungsgemäß die Entdeckung der Höhle und wenig später erschien der erste Spezialist für Höhlenmalerei, der bestätigte, dass es sich um paläolithische Kunst handelt, denn er diagnostizierte die typischen Anzeichen von Erosion.

Die Fachwelt war kritisch, denn dass ausgerechnet ein Hilfsaufseher etwas derartig Spektakuläres ans Licht brachte, schien den Spezialisten doch höchst unwahrscheinlich. Die Gerüchteküche brodelte, mehr als einer unterstellte, es müsste sich um eine Fälschung handeln. Chauvet, so wurde geflüstert, habe möglicherweise bei den extrem beeindruckenden und dynamischen Zeichnungen selbst Hand angelegt.

Der französische Staat ging trotzdem sofort auf Nummer sicher. Der Kulturminister Jacques Toubon verkündete der Welt im Januar 1995 die sensationelle Neuigkeit von der Entdeckung der archäologischen Juwels, während einige seiner Bürokraten derweilen ein rückdatiertes Dokument fabrizierten, dass dem Hilfsaufseher Chauvet einen offiziellen Auftrag zur Erkundung von Höhlen erteilte. Also - so folgerten sie daraus - hatte der gute Mann keinen Anspruch auf Beteiligung bezüglich der Vermarktung der Höhle. Schon im ersten Jahr nach der Entdeckung hatte der Staat Millionen mit der Kommerzialisierung von Motiven aus der steinzeitlichen Goldgrube verdient. Der Rechtsstreit dauerte Jahre und endete mit einem Vergleich der beiden Parteien im Jahr 2000.

Aber das ist nur ein Teil der Ungemaches, den der Staat auszustehen hat, denn inzwischen haben auch die drei Familien, denen das Land gehörte, gegen ihre Enteignung geklagt und inzwischen von einem Gericht in der dritten Instanz 87,5 Millionen Francs (27,26 Mill. DM) Entschädigung zugesprochen bekommen. Der Staat hatte gehofft, mit einer Zahlung von 31,730 Francs (9460 DM) davon zu kommen und ging in Berufung.

Die rechtlichen Dispute um die Chauvet-Höhle dauern also an, die wissenschaftlichen ebenfalls. Inzwischen sind zwar die Expertenstimmen verstummt, die eine Fälschung vermuteten, aber der Streit um die Datierung der Höhlenmalereien hält an und die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Nature liefert neue Munition für die Debatte darüber, wann und wie die Bilder der "Michelangelos im Fellgewand" (so bezeichnet sie das französische Außenministerium) einzuordnen sind. Helene Valladas vom Laboratoire des Sciences du Climat et de l'Environnement, Gif-sur-Yvette, und Kollegen anderer Institutionen in Frankreich bestätigen die früheren Befunde: Die Malereien in der Höhle sind um 30.000 Jahre alt.

Neue Radiokarbon-Untersuchungen konstatieren wieder dieses Alter. Das Institut hatte bereits in der Vergangenheit einige C14-Datierungen vorgenommen und die frühen Meisterwerke der Epoche des Aurignacien (35.000 bis 28.000 Jahre vor unserer Zeit) zugeordnet. Das Ministerium stellte nach den ersten Datierungen fest, dass diese Erkenntnisse: "die bislang allgemein anerkannten Annahmen bezüglich des erstmaligen Auftretens von Kunst und ihrer weiteren Entwicklung infrage stellen und den Beweis dafür abgeben, dass der Homo sapiens bereits sehr früh zur Meisterschaft im Zeichnen gelangt ist".

Die Bilder der Chauvet-Höhle sind stilistisch so ausgereift, dass sie nach herkömmlichen Zuordnungen auf jeden Fall aus dem Magdalénien (17.000 - 12.000 Jahre alt) stammen müssten. Die großartigen Gemälde in den Höhlen von Altamira, Lascaux oder Niaux stammen alle aus dem Magdalénien. Die Menschen des Aurignacien haben durchaus beeindruckende Schnitzereien hergestellt, aber als Maler sind sie nicht wirklich hervorgetreten. Alle Darstellungen, die ihnen zugeordnet werden, sind Strichzeichnungen und linienhafte Umrisse.

Wenn die Wandbilder in der Chauvet-Höhle wirklich so alt sind, muss die frühe Kunstgeschichte neu geschrieben werden. Bisher sagte die Stilkunde, dass die Entwicklung linear von einfachen Strichzeichnungen zu immer komplexeren Bildern geht und dass diese Evolution mit gesellschaftlichen Veränderungen verbunden ist.

Entsprechend stark fiel die Gegenwehr der etablierten Forschung aus. Die Datierungen wurden schlicht bezweifelt, ein viel zitiertes Argument lautet, dass die Höhlenmaler als Zeichenstifte Kohlestücke aus sehr viel älteren Feuerstellen benutzt haben könnten und da die Radiokarbon-Methode nicht das Alter der Kunstwerke, sondern der Kohle fest stellt, liege eben genau hier der wissenschaftliche Irrtum.

Die neuen Datierungen von Valladas und Kollegen bestimmen aber nicht nur das Alter der verwendeten Kohle, sondern analysieren auch Fackelruß, der sich über die bereits existierenden Gemälde gelegt hat. Diese Fackelspuren sind praktisch genauso alt wie die zum Zeichnen verwendete Kohle. Mit den neuen Erkenntnissen scheint die Datierung auf die Aurignacien-Epoche unumstößlich bestätigt. Dennoch geht die Debatte sicher weiter, der etablierte Forschungsstand gerät unter Druck. Die französischen Wissenschaftler sehen die Folgen ihrer neuen Untersuchungen:

"Prähistoriker, die traditionell die Evolution der prähistorischen Kunst als einen stetigen Fortschritt von simpler zu immer komplexerer Repräsentation interpretiert haben, müssen nun die bestehenden Theorien vom Ursprung der Kunst überdenken."

Valladas und Kollegen stellen fest, dass es insgesamt zwei signifikante Episoden mit einem zeitlichen Abstand von einigen tausend Jahren gegeben hat, in der Menschen die Chauvet-Höhle vermutlich als eine Art Heiligtum benützten (es gibt keine Spuren, dass sie dort lebten). Seit mehr als 20.000 Jahren ist der Eingang der Höhle verschüttet.

Die Chauvet-Höhle ist für die Öffentlichkeit grundsätzlich nicht zugänglich, um die Wandgemälde nicht zu gefährden. Ein Museum, das eine Rekonstruktion der Höhle beinhalten soll, ist geplant und wird voraussichtlich im Jahr 2003 eröffnet. Das Gebäude wird 6.500 Quadratmeter groß sein, dazu kommen 30 Hektar umgebender Park. Die Planer rechnen mit 300.000 Besuchern im Jahr.

Wer vor 2003 die Höhle besichtigen will, kann bereits jetzt eine umfassende virtuelle Tour machen . (Andrea Naica-Loebell)

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