Microsoft ersetzt Redakteure durch Algorithmen

Die News Aggregatoren des Konzerns wie MSN werden zunehmend KI-Programme einsetzen, um Nachrichten auszuwählen, zu redigieren und zu platzieren

Noch schreiben Journalisten darüber, dass sich die Medien, verstärkt durch die Coronavirus-Pandemie, in einer Krise befinden. In Deutschland wurde mitunter Kurzarbeit verordnet, anderswo werden Journalisten entlassen. In den USA waren, wie die New York Times Anfang April berichtete, 36.000 Medienmitarbeiter entlassen, zwangsbeurlaubt oder schlechter bezahlt worden.

Das Sterben der traditionellen Medien vollzieht sich schon lange, jetzt hat es auch digitale und innovative Medien wie Vice, Buzzfeed oder Quartz erwischt.

Das Virus scheint mit dem personellen Eindampfen der medialen Berichterstattung einen Prozess zu beschleunigen, der schon länger den Berufsstand der Journalisten bedroht. Seit dem Boom der Künstlichen Intelligenz können auch journalistische Inhalte automatisch erzeugt werden (automated content, computergenerierte Texte). Noch handelt es sich meist um Sport- oder Wetterberichte oder um Finanznachrichten, aber es werden auch schon Bücher etwa über einen Forschungsstand, Fachartikel, Lyrik, Songtexte, Romane usw. geschrieben bzw. damit experimentiert.

Microsoft entlässt nun demonstrativ während der Corona-Krise Journalisten, die von Zeitarbeitsfirmen stammen, am Ende des Monats. Deren Job werden KI-Programme übernehmen. Noch trifft es die fest angestellten Redakteure nicht, auch wenn sie denselben Job machen. Microsoft weist von sich, dass die Entlassungen mit der Pandemie zu tun haben, es handele sich einfach um eine Umorganisation, die zunehmend auf Algorithmen anstatt auf Menschen setzt, um für Menschen Nachrichten und Informationen zu generieren. In den USA werden bei MSN.com, Microsoft News oder Edge angeblich 50 Journalisten eingespart, in Großbritannien sollen es 27 sein.

Nach Auskunft von Microsoft vor zwei Jahren beim Start von Microsoft News haben zumindest damals mehr als 800 Redakteure an 50 Orten auf der ganzen Welt für die Nachrichtenmedien des Konzerns gearbeitet, die allerdings seit 2014 keine eigenen Inhalte mehr generieren, sondern nur noch Nachrichten-Aggregatoren sind. Auch bereits mit KI, mit der aus dem Nachrichtenfluss der Partnermedien Inhalte ausgesucht und nach Aktualität, Themen, Meinungsinhalte und mögliche Popularität eingeschätzt sowie mit entsprechenden Fotos verbunden werden. Die Redakteure gelten als "Kuratoren" der wichtigsten Nachrichten aus den verschiedenen Rubriken, um den Lesern "die neuesten Nachrichten von den besten Quellen" zu bieten.

Aber die Frage ist, welche Redakteure durch den breiteren Einsatz von KI ersetzt werden. Es soll sich vor allem um Mitarbeiter der SANE-Abteilung (search, ads, News, Edge) handeln, also um die oben beschriebenen Redakteure als Kuratoren, die Neuigkeiten herausfinden, bearbeiten und betreuen (z.B. Updates) sollen, nicht solche, die selbst Artikel über Themen schreiben, die sie interessant/wichtig finden. Da bereits KI-Programme verwendet, von den nun entlassenen Redakteuren überwacht und in der Praxis getestet wurden, geht man jetzt von der bereits halbautomatischen Content-Erzeugung stärker in eine vollautomatische über.

Das Durchwühlen der Informationsströme bzw. der von anderen Medien stammenden Inhalte können KI-Programme vermutlich besser, umfassender und schneller vollziehen, wenn sie gelernt haben, was Menschen interessiert. Dabei könnten aber Informationen, die nicht in den bewährten Kanälen kursieren und neu sind, eher untergehen, was Menschen "intuitiv" anders machen könnten, weil sie aufgrund von Introspektion erschließen können, welche neuen Informationen auch andere Menschen interessieren könnten. Möglicherweise werden durch menschliche Kontrolle auch Informationen, die oder deren Quellen nicht vertrauenswürdig erscheinen, weniger verbreitet. Andererseits sind Menschen stärker interessen- oder ideologiegeleitet als Algorithmen, die allerdings bekanntlich auch Vorurteilen folgen können, wenn sie einseitig trainiert wurden.

Zu vermuten ist, dass sich durch den verstärkten Einsatz von KI erst einmal wenig bei den Nachrichten-Aggregatoren von Microsoft ändern wird, es sei denn Auswahl, Platzierung und Aufmachung gehen in eine Richtung, die Menschen weniger interessiert. Aber es ist ein weiterer Schritt hin zum Roboterjournalismus, der Journalisten und Redakteure wohl nicht abschafft, sondern deren Arbeit verändern wird, beispielsweise stärkere Ausrichtung auf Recherchen vor Ort, Interpretation/Kommentar oder Erkunden von Ereignissen neben der Spur. (Florian Rötzer)