Migranten entdecken den Seeweg über den Kanal nach Großbritannien

Am 27. November griff die französische Küstenwache ein Migrantenboot auf. Bild: Préfet maritime Manche

In Großbritannien ist man besorgt, mit den kleinen Booten versuchen vor allem Iraner auf die Insel zu kommen

Im Laufe des Monats kamen wieder mehr Migranten nach Großbritannien. Hatten sich die Migranten zuvor meist in LKWs versteckt, um durch den Eurotunnel zu gelangen, so ist diese Route nach dem Bau einer Mauer und der Räumung des "Dschungels von Calais", wo mitunter 10.000 Menschen lebten und auf eine Gelegenheit warteten, weitgehend verebbt. Auch in LKWs auf eine Fähre zu kommen, ist sehr schwierig. Zwischen Calais und Dünkirchen waren zuletzt nur noch ein paar hundert Migranten an verschiedenen Orten in Zeltlagern, die immer wieder geräumt werden. In Frankreich kontrollieren britische Polizisten, wer nach Großbritannien reist. Nach dem Brexit, mit dem sich die Briten auch gegen innereuropäische Zuwanderung verbarrikadieren wollte, wird hier auf französischem Boden auch die Grenze zwischen der EU und Großbritannien verlaufen.

Am 18. November wurde die Leiche eines Flüchtlings unter einem Bus am Eurotunnel-Terminal in Folkestone gefunden. Das zeigt, wie gefährlich der Versuch ist, auf diese Weise über die Grenze zu gelangen. Am selben Tag wurden aber auch 6 Flüchtlinge am Strand von Folkestone entdeckt, die mit einem kleinen Motorboot den Kanal erfolgreich überqueren konnten.

Obwohl das mit solchen kleinen Booten sehr gefährlich ist, versuchen zunehmend mehr, diese Route zu nehmen, um nach Großbritannien zu gelangen. Ein paar Tage zuvor waren drei Boote von der Küstenwache aufgegriffen worden, in denen sich insgesamt 24 Migranten befanden, in der Regel Männer, aber auch ein Baby und eine Frau. Am Tag zuvor war ein Fischerboot mit 17 Migranten in den Hafen von Dover eingefahren.

Die Küstenwache kontrolliert verstärkt. Politiker wie der Abgeordnete von Dover, Charlie Elphicke, beklagen das wachsende Problem "dieser Versuche, in Großbritannien einzudringen". Es werde von Tag zu Tag größer, dass die Flüchtlinge in einem offenen Boot sogar ein Baby mitbrachten, zeige, wie verzweifelt sie seien.

Auch am Dienstag gab es mehrere Vorfälle. Französische Polizisten hatten neun Migranten in einem kleinen Fischerboot 8 km vor Dünkirchen aufgegriffen. Kurz darauf rettete ein Schiff der britischen Seenotrettungsorganisation Royal National Lifeboat Institution (RNLI) 9 Migranten aus einem Boot, 13 km entfernt vom Hafen von Dover.

Vor allem Iraner

In den letzten drei Wochen haben um die 100 Migranten die gefährliche Überfahrt nach Großbritannien in kleinen Booten gewagt. Das ist noch eine kleine Zahl, auch wenn man nicht weiß, wie viele Migranten unentdeckt an die britische Küste gelangt oder bei der Überfahrt ertrunken sind. Aber 2017 waren nur 17 Migranten auf dem Kanal gerettet worden, insofern ist es eine große Zunahme. Allein im November sind nach der UN-Migrationsbehörde IOM 6555 in Italien, Malta, Griechenland, Zypern und mehr und mehr in Spanien - über 3500 - angekommen. Oft handelt es sich um größere Schiffe, auf denen teils Hunderte von Migranten versuchen, nach Europa zu gelangen. Im September sollen 288 Menschen ertrunken sein.

Weil aber in Großbritannien über den Brexit die Antimigrationsstimmung hoch ist, wird die wachsende Zahl der Menschen, die versuchen, mit Booten ins Land zu kommen, als Bedrohung gesehen, da die Grenze nicht gesichert werden kann. In Frankreich wird vermutet, dass die Zahl derjenigen, die noch vor der endgültigen Abspaltung Großbritanniens versuchen, auf die Insel zu kommen, zunehmen wird. Es könne die Sorge herrschen, dass dann die Grenze kaum mehr zu überwinden sei, weswegen jetzt einige Migranten in Torschlusspanik geraten.

Auffällig ist zudem, dass es nicht mehr Afrikaner sind, sondern vorwiegend Menschen aus dem Iran, die die gefährliche Überfahrt wagen oder genug Geld haben, um sich dies leisten zu können. Vermutet wird, dass Serbien eine Rolle dabei gespielt haben könnte. Vom August 2017 bis Oktober 2018 hatte Serbien dem Iran eine visafreie Einreise gestattet, wahrscheinlich um bessere wirtschaftliche Beziehungen zu knüpfen. Es sollen in der Zeit 40.000 Iraner ins Land gekommen sein, von denen einige nicht in den Iran zurückgekehrt seien und nach Frankreich mit falschen Pässen und der Hilfe von Schleusern gereist sein könnten. Aus dem Iran kamen bereits 2017 die meisten Migranten nach Großbritannien, ungewöhnlich sei nur, auf welchem Weg dies nun mehr und mehr geschehe. Dass sie den Weg über ein Boot wählen, könnte eben damit zu tun haben, dass sie mehr Geld haben.

Der britische Innenminister Sajid Javid schlägt vor, dass Großbritannien ein Rettungsschiff aus dem Mittelmeer abziehen könnte, um die zunehmende Zahl der Migranten zu "retten", die versuchen, über den Kanal zu kommen. Bislang sind nur zwei der fünf schnellen Schiffe an der britischen Küste eingesetzt, um Migranten zu retten oder eher daran zu hindern, nach Großbritannien zu kommen. Eines sei in Bereitschaft, zwei sind im Mittelmeer eingesetzt. Dort könnte sich das Brexit-Großbritannien zurückziehen, weil man nichts mehr damit zu tun hat, auch wenn Großbritannien immer bei militärischen Interventionen dabei war.

Eine Rolle spielt auch die Zusammenarbeit mit Frankreich, denn die "geretteten" Flüchtlinge werden nicht unbedingt von Frankreich zurückgenommen. Verlangt werde ein Beweis, dass sie von Frankreich kommen. Angeblich sollen sie bis zu 4000 Pfund für die Überfahrt mit einem Boot bezahlen müssen. Navigiert wird mit Smartphones. (Florian Rötzer)