Migration: Der böse Vorwurf vom "Pull-Faktor" Seenotrettung im Mittelmeer

Bootsflüchtlinge mit einem sich nähernden Seenotrettungsschiff. Foto: Noborder Network / CC BY 2.0

Das Schleuser- und Schleppergeschäft in Libyen ist zu groß, als dass dieser Faktor ins Gewicht fällt. Die Seenotrettung verhindert noch mehr Tote

Geld, das hektisch verteilt wird, ist symptomatisch für politische Sofortmaßnahmen von reichen Ländern, die sich einem beunruhigenden Problem gegenübersehen. Das zeigt sich heute ganz anschaulich in Deutschland beim Rechnungshofsbericht zu den Deutschkursen für Migranten, wofür bis zu 400 Millionen Euro lockergemacht wurden, Regeln und Auflagen für Kursbetreiber zur Seite gewischt und eine "Goldgräberstimmung" ausgelöst wurde.

Am Ende, so berichtet die Tagesschau, sieht das Ergebnis nicht gut aus: Laut dem Rechnungshof "sei davon auszugehen, dass ein großer Teil der eingesetzten Mittel de facto ins Leere lief".

Libyen fordert 800 Millionen, um ein Flüchtlingsabkommen mit Italien durchzusetzen, berichtete der österreichische Standard vergangene Woche. 200 Millionen habe die EU-Kommission bereits zur Verfügung gestellt.

Das ist noch nicht so viel Geld, wie voreilig unter großem Zeitdruck ohne jede Sorgfalt für die Deutschkurse bereitgestellt wurde. Die Forderung, die der libysche Ministerpräsident Serraj stellt, zeigt aber an, dass die 200 Millionen nicht reichen, dass die EU tiefer in die Taschen greifen soll und wahrscheinlich auch wird. Mit großen Summen lässt sich in der Außendarstellung der Eindruck erwecken, dass "viel getan" würde, dass die Bereitschaft und der Wille dazu da ist, ob es zu einer Besserung der Situation beiträgt, ist sehr zweifelhaft.

Kurz auf den Punkt gebracht: In Libyen würde für den Küsten- und Grenzschutz sehr viel Geld genau an diejenigen gehen, die Teil des Schleusernetzwerks sind, nämlich an Milizen, die Handelsstraßen, Grenzstationen, Knotenpunkte und Haftanstalten, bzw. euphemistisch Einrichtungen zur Unterbringung illegaler Einwanderer, kontrollieren (96 Prozent der Migranten aus Libyen nutzen laut Frontex die Schleusernetzwerke).

Eine weitere Folge wäre, dass damit unterminiert wird, was "zielführend" wäre, nämlich die Stabilisierung von staatlichen Institutionen.

Das ist in gröbster Zusammenraffung die Erkenntnis, die sich aus einem Bericht über den Menschenhandel in Libyen ergibt. Er trägt den bezeichnenden Titel, frei übersetzt etwa mit: Das Fließband des Menschenhandels in Libyen nach Gaddafi (i.O: The Human Conveyor Belt). Verfasst ist er von einem Journalisten namens Mark Micallef und er dürfte das derzeit umfassendste und detailreichste Bild dafür liefern, wie das Schleuser-Geschäft in Libyen funktioniert.

Micallef hat vor gründlich Ort recherchiert, er hat mit Milizenführern gesprochen, mit Schleusern, Politikern, mit "Schlüsselinformanten" aus Libyen, Ägypten, Tunesien, Sudan, Malta, Italien und Brüssel. Er befasst sich schon seit Jahren mit dem Thema. Dies nur, um seine Grundlagen anzudeuten und darauf zu verweisen, dass es sich nicht um eine abstrakte und trockene Floskelsammlung mit Kernzahlen handelt. Ob er Micallef in seinen politischen Empfehlungen richtig liegt, ist Anschauungssache und erstmal nebensächlich.

Wichtiger ist, dass er viele Details zur Funktionsweise, den Beteiligten des gigantischen Transportwesens und den "Trends" berichtet. Sein Bericht, der sich nicht ohne weiteres zusammenfassen lässt, weil Details darin viel ausmachen. Er hat als Ausgangspunkt die Dezentralisierung der Macht nach Gaddafi. Die Kitabas oder Brigaden, Gruppen, die enge Stammes und Familienverbindungen haben, bilden die Machtknoten in Städten, Stadtviertel, Ortschaften und Gebieten, häufig in Allianzen.

Ihre Funktion ist nicht neu, sie wurden aber durch Gaddafis zum Teil sehr brutalen Methoden, zum Teil mit Geld und Kooperationen, einer Kontrolle unterworfen, die sie nun nicht mehr zu befürchten haben. Das liegt wesentlich auch daran, dass sie sehr viel stärker und besser bewaffnet sind als zu Zeiten Gaddafis.

Menschenhandel, billige Arbeitskräfte aus den ärmeren Ländern, das Hineinzwingen in Prostitution gab es auch zu Gaddafis Zeiten, wie auch das Schleusertum. Seit seiner Absetzung und Ermordung habe sich der Markt allerdings "liberalisiert", so ein Trend, den Micallef schildert. Er zeigt anhand der Beschreibung mehrerer Knotenpunkte der Handelslinien, Kufra oder Ajdabija, und der Ablegestationen zur Fahrt übers Mittelmeer wie zum Beispiel Sabratha, wie flexibel die Beteiligten am Schleusergeschäft auf Widrigkeiten reagieren.

Ob das nun Straßensperren sind, die durch einen Willkürakt von Milizen verhängt werden oder Angriffe auf den IS wie zum Beispiel in Sabratha die den Küstenort wegen der Militärpräsenz weniger bequem für den Schmuggel machen, oder Angriffe auf islamistische Gruppen - die davon berührten Stellen des Schleusernetzwerks, die regionalen Relaisgruppen, finden sehr bald Umwege oder andere Küstenorte.

Das "System" reagiert schnell, weil die lokalen Stellen über eine langjährige Erfahrung im Schmuggel und die nötigen Ortskenntnisse verfügen. Ein Problem des Grenzschutzes im Süden Libyens, den die EU nun in Zusammenarbeit mit der libyschen Regierung und Nachbarstaaten ausbauen will, wird genau darin liegen, woher man die Grenzschützer mit den nötigen Ortskenntnissen beschaffen will, wenn nicht unter den ortsansässigen Stämmen und Gruppen?

Dass die Milizen/Brigaden, die vom Schleusergeschäft profitieren - nicht unbedingt aktiv, aber mit Straßenzöllen und Schutzgarantien - in den EU-Geldern eine neue lukrative Einnahmequelle wittern und daran sehr interessiert sind, äußert der Bericht an mehreren Stellen (zum Beispiel auch bei der Unterbringungszentren für illegale Migranten, für deren Leitung sie sich bewerben).

Das Problem besteht, wie am Anfang angedeutet, darin, dass man Milizen unterstützt und bestärkt, deren Interesse nicht darauf ausgerichtet ist, ihre Macht wie zuvor unter Gaddafi, wieder von einer starken staatlichen Zentralmacht einschränken zu lassen. Dazu kommt, dass auf dem "freien Markt" im unübersichtlichen Gelände bessere Angebote von den Schleusern die Sorgfalt der Grenzkontrollen herabsenken könnten. Oder das Risiko, dass sich die Interessenslage aufgrund unerwarteter Probleme zum Beispiel durch neu aufgebrochene Rivalitäten mit einer anderen Gruppe grundsätzlich verändert.

Das Schleusergeschäft habe in den letzten Jahren der "Liberalisierung" nach der Absetzung Gaddafis einen großen Zulauf bekommen, schreibt Micallef. Das habe dazu geführt, dass die Personen, die Überfahrten anbieten, was ihre seemännischen Fähigkeiten anbelangt, zahlreicher und "amateurhafter" wurden und die Boote aufgrund der großen Nachfrage von Migranten schlechter wurden und mit noch mehr Passagieren vollgepfercht.

Die Preise fielen auch: von 1.000 bis 1.500 Dollar für Person für eine Überfahrt im Jahr 2013 auf 250 Dollar im Sommer 2016. So dass die Schlepper und Schleuser noch mehr Anreiz haben, möglichst viele ins Boot zu packen. Den Preisrückgang erklärt der britische Journalist zum Teil auch damit, dass sich die Klientel verändert hat. Es kämen nicht mehr so viel Syrer, die als zahlungskräftig gelten, sondern mehr und mehr Migranten aus den afrikanischen Ländern weiter südlich.

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