Mikro-Kriegserzählung

Alle Bilder: 8 Bit Generation: The Commodore Wars

"The Commodore Wars" und die Misere der Computergeschichtsschreibung

Computergeschichte ist Teil der Technikgeschichte, die wiederum Teil der Wirtschaftsgeschichte ist. Dies wird insbesondere dann deutlich, wenn die Historiographen ihr Augenmerk auf die Geschichte einer Computerfirma richten. "The Commodore Wars" steht in genau dieser Tradition und erzählt aus diesem Grunde auch nichts neues. Das einzig Originelle an ihm ist, dass er dies aus berufenem Munde tut.

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Für den Computerhistoriker Paul Ceruzzi ist die Herkunft des Personal Computers ganz klar: Er ist ein Abkömmling der Taschenrechner-Industrie. Wissenschaftler und Ingenieure, die Ende der 1960er-Jahre Rechenmaschinen mit immer komplexeren Funktionen benötigten, waren die treibenden Kräfte für die Entwicklung sowohl der CPU als auch für die Miniaturisierung des Mini- zum Mikrocomputer. Für den Journalisten und Mentalitätshistoriker Steven Levy sieht die Sache hingegen ganz anders aus: Er sieht die Popularisierung der Computer in den 1970er-Jahren als Ergebnis der Hacker-Kultur der zwei Jahrzehnte davor. Die maßgeblichen Erfindungen auf dem Gebiet der frühen Personal Computer basieren ihmzufolge auf Hardware-Hacks; die Hacker schlossen sich dann zu Firmen zusammen und so entstand die Computerindustrie. Wer hat Recht?

Schaut man sich den jüngst auf Kickstarter finanzierten Dokumentarfilm "The Commodore Wars" von Tomas Walliser und Davide E. Agosta an, könnte man zunächst meinen Ceruzzis Erklärung sei - zumindest auf die Firma Commodore bezogen - zutreffender: Jack Tramiel, jemand, der von Computertechnik nur wenig, vom Elektronik- und Computermarkt hingegen eine ganze Menge verstand, war Mitte der 1970er-Jahre aufgrund der japanischen Konkurrenz mit seinem Taschenrechner-Geschäft gescheitert. Durch den günstigen Ankauf des Halbleiter-Herstellers MOS Technology Inc. fand Commodore den Einstieg ins Computergeschäft.

Auf Basis des 6502-Mikroprozessors entstand bei Commodore zunächst ein All-in-One-Computer, der PET 2001, der sich auf dem gerade etablierenden Markt gegen den Apple II und den TRS-80 durchsetzen musste. Als Tramiel wenig später auf einer Europa-Reise den Billig-Computer ZX-80 des Briten Clive Sinclair kennenlernte, war er angespornt ein ähnlich günstiges, technisch aber überlegenes Gerät selbst zu produzieren: Der aus dieser Idee entstandene VIC-20 (hierzulande als Volkscomputer VC-20 erschienen) erblickte 1981 das Licht der Welt und feierte beachtliche Markterfolge. Tramiels Ingenieueren war es gelungen eine Plattform zu entwickeln, die sich ideal für Computerspiele eignete: zwar nur wenig Speicher, dafür aber Farbgrafik, Sound und ein Joystick-Anschluss - über dies verfügten weder der PET 2001 noch der ZX-80. Ein "Apple-Killer" war das Gerät jedoch nicht. Als solcher trat der Nachfolger des VC-20, der berüchtigte Commodore 64 an und gewann den Wettbewerb um den meistverkauften Computer (der er bis heute geblieben ist).

Wallisers und Agostas Dokumentarfilm rekapituliert exakt diese Ereignisse; doch anstatt einen Historiker die Fakten der Wirtschaftsgeschichte aus den Commodore-Archiven zusammenfassen zu lassen, lässt er die Beteiligten selbst zu Wort kommen. Allen voran Jack Tramiel, der 2012 verstorben ist und von dem der Zuschauer hier also späte (vielleicht sogar seine letzten?) Interview-Passagen zu sehen bekommt. Ihm zur Seite steht sein Sohn Leonard sowie der für den VC-20 wesentlich mitverantwortliche Michael Tomczyk, Chuck Peddle, der für MOS die 6502-CPU entwickelt hatte und auch bei Commodore in der Halbleiterentwicklung tätigt war, sowie Bil Herd, der als Ingenieur an der Entwicklung der C64-Nachfolge-Reihe C16, C116 und C/Plus4 maßgeblich verantwortlich war und im Film den Off-Kommentar spricht. Der Commodore-Front gegenüber stehen Steve Wozniak (Apple), Al Acorn und Nolan Bushnell (Atari), Nigel Searle (Sinclair), John Roach (Tandy), Howard Warshaw, Richard Garriot, Al Lowe und Jeff Minter (Spieleentwickler) und viele andere Zeitzeugen und Dokumentaristen.

Sie alle warten mit Erinnerungen und Interpretationen der Ereignisse auf, die die Geschichte des 8-Bit-Computer-Marktes von Ende der 1970er- bis Mitte der 1980er-Jahre erzählen. Der Film bleibt seinem Vorsatz "8-Bit Generation" damit (fast) treu und endet bevor Tramiel die Firma verlässt, zu Atari geht und Commodore den Amiga-Computer zu vermarkten beginnt. Was die Protagonisten zu sagen haben, ist Zuschauern, die sich schon ein wenig mit dem Thema beschäftigen, sattsam bekannt. Man kann es in allen Computer-Geschichten über diese Zeit lesen, Retrocomputer-Zeitschriften käuen es wieder und wieder und bei Conventions und Szenetreffen sind immer wieder Vorträge dazu zu hören. Neues über die historischen Ereignisse gibt es kaum - allenfalls noch wenig bekannte, zumeist private Anekdoten fließen hin und wieder in die Historiographie ein, korrigieren Details, lassen die große Erzählung jedoch stets unangetastet.

Diese große Erzählung gruppiert sich um eine Metapher, die sich in zahlreichen Historiografien und Oral Historys (zu denen "The Commodore Wars" nun auch gezählt werden darf) findet: Die Frühphase des Homecomputers ist bestimmt durch einen kriegsähnlichen Zustand, in welchem sich insbesondere Firmen als Feinde, Konkurrenten oder Mitbewerber einander gegenüber gestellt sahen. Michael Tomczyk ging sogar so weit, in seiner Monografie "The Home Computer Wars" (1984) das Geschäftsfeld mit Schlachtfeldern des Vietnam-Krieges, den er selbst als Soldat miterlebt hat, zu vergleichen. Computer-Geschichten wie "Fire in the Valley", "Atari Corp. Business is War" (in Vorbereitung) und jüngst die Fernsehserie "Halt and Catch Fire" bedienen sich ebenfalls ausgiebig bellizistischer Bilder und Vergleiche. Die Schlachtfelder werden gleichermaßen von Firmen wie von Bossen und Ingenieuren betreten - und die meisten davon verlieren diesen Krieg.

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Selten hört man aber etwas davon, dass sich technische Konzepte miteinander im Widerstreit befanden. Selbst die Ingenieure, die im Film zu Wort kommen (Wozniak, Herd, Acorn, Federico Faggin und andere) ordnen ihre Erinnerungen dem Leitdiskurs der Technikgeschichte als Wirtschaftsgeschichte und nun als Kriegsgeschichte unter. Wie sich aber für einen Programmierer, wie zum Beispiel Jeff Minter, der zunächst für Atari- und Sinclair-, dann auch für Commodore-Computer Spiele entwickelte, die Plattform-Differenzen technisch darstellten, bleibt ungehört. Zwar werden technische Features angesprochen (Was ist ein Sprite? Wie viele Farben werden dargestellt?, …) - jedoch stets als Marketing-Features, und damit als bloße Bewerber-Vorteile gegenüber den übrigen Systemen. Was etwa die Entwicklung des VIC-Chips für den VC-20 für die Computertechnologie bedeutete oder wie das kostengünstige Fertigungsprinzip von MOS-Technology funktionierte, hält niemand im Film für erwähnenswert.

Wie eingangs erwähnt, ist der Grund für diese markanten Auslassungen, für die Konzentration auf den Computermarkt und für die landläufige Metaphorisierung von Wirtschaftsereignissen als Kriegsschauspiel, wohl darin zu suchen, dass die Geschichtsschreibung der Technik (und damit auch die des Computers) ein Zweig der Wirtschaftsgeschichtsschreibung ist. Deren Konzentration auf Fortschritt und Erfolg (die beide jeweils mit wirtschaftlichen Kennziffern quantifizierbar sind) ist damit auch den Computer-Historiografien inhärent. So sehr Aussagen über Computer, eine so praktizierte Wirtschaftsgeschichte auch in ihrer Anwendbarkeit bereichern mögen; so sehr verstellen sie den Blick auf die Geschichte(n) der Computer als technische Systeme.

Technische Artefakte sträuben sich allerdings sui generis gegen ihre Historisierung: Dort, wo sie dysfunktional in Museen, Archiven und Vitrinen von Sammlern "bewahrt" werden, sind sie bestenfalls zu Monumenten einer Design-Geschichte erstarrt. Werden sie hingegen in Vollzug gesetzt und eingeschaltet, ist nichts "Vergangenes" und damit Historisierbares mehr an ihnen. Der Film macht diesen Unterschied im Prinzip sogar sichtbar, wenn er einerseits Aufnahmen von Computern aus den Werbefilm-Archiven zeigt, die deutlich mit der Patina des Analog-Videos überzogen sind, und andererseits Bilder des VC-20, C64 und anderer 8-Bit-Plattformen in Hochglanz vorführt, die für die Produktion des Films noch einmal eingeschaltet wurden, um ihre Erfinder oder Vermarkter vor ihnen zu platzieren. Nur wenig ist dann von der Verve des damaligen Computer-Marketings in den Gesichtern von Steve Wozniak, John Roach und anderen heute zu sehen, wenn diese auf die Bildschirme ihrer damaligen Erfindungen schauen.

In ihren Gesichtern zeichnet sich das Gefühl der Nostalgie ab, das wohl auch das Attraktionsziel des Films für seine Zuschauer darstellt. Nostalgie als Kombination von Heute und Gestern, als auf die vergangenen Gefühle gefilterte Erinnerungen, als die Verklärung, die selbst das Schlechte als Gutes sieht. Nostalgie wird beim Zuschauer evoziert, vor allem durch die zahllosen Einblendungen historischer Werbeanzeigen und -filme für alte Computer und deren Software (zumeist Spiele), aber auch durch immer wieder ins Rampenlicht gesetzte Homecomputer, pixelige Bildschirmgrafiken in Makroaufnahme und dann eben durch die Empathie, die sich einstellt, wenn man in die heutigen Gesichter der Protagonisten blickt. Die technische Oberfläche seines Gegenstandes durchdringt der Film selbst dann nicht, wo er (immer und immer) wieder Platinen, Grafiken von Schaltplänen und Mikroprozessor-Oberflächen einblendet. Solche Bilder bleiben schmückende Inserts zur Überbrückung der Interview- und Werbeanzeigen-Kaskaden.

Nostalgie bildet damit die Apotheose der Wirtschaftsgeschichte des Homecomputers, kombiniert sie doch einerseits die Erinnerungen an das damals erworbene und geliebte Wirtschaftsprodukt Homecomputer, das den stolzen Besitzer sofort selbst in die Firmen-Konkurrenz versetzt (man erinnere sich an den Streit zwischen Atari- und Commodore-Besitzern hierzulande oder an den zwischen Apple- und TRS-80-Anwendern in den USA). Und andererseits ist Nostalgie jener Treibstoff, der die Vermarktung von Retro-Produkten (wozu der Film ja ebenfalls zählt) befeuert. Für eine Betrachtung von Technik ist da nur insofern Platz als sie als Marketingelement herhalten kann. Zur Geschichte der Homecomputer hat also (auch) "The Commodore Wars" nichts hinzuzufügen; allenfalls um die privaten Anekdoten- und Mythensammlung durch (Zeit)Zeugen-Aussagen der "Entscheider" authentifizieren, scheint der Film angetreten zu sein.

Mehr zu Commodore-Computern finden Sie in Retro Gamer 4/16: C 64.
(Stefan Höltgen)

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