Millionen für die Korruption

Afghanistan-Konferenz in London: so viel Strategie war noch nie, die schlechten Aussichten bleiben

Afghanistan: ein Anlaß für ständig wiederkehrende Alpträume, eine Gegend wie geschaffen für Blutrache, religiösen Fanatismus, inbrünstigen Machismo und Guerillakrieg, ein Beispiel dafür, „dass die Mächtigen ihre Geschichtslektionen immer wieder neu lernen müssen“. So beschrieb Jörg Fauser die Bedingungen am Hindukusch in seinem Artikel „Die Killer vom Khaiberpass“, der den Einmarsch der Sowjetarmee kommentierte. 30 Jahre später würde das heute kaum mehr jemand mit so viel Pathos hinschreiben - außer in den Diskussionsforen. Zeitgemäße Analysen folgen dem Gedanken der Machbarkeit, wie es die herrschende Idee, dass alles nur eine Frage des guten Managements sei, vorgibt. So viel Strategie, wie heute auf der Londoner Afghanistan-Konferenz nach den Ankündigungen der vergangenen Tage vorgestellt wird, gab es lange nicht. Das heißt aber nicht, dass Afghanistan für die Vertreter aus sechzig Staaten und der zehn geladenen Hilfsorganisationen keinen Anlaß mehr für Alpträume gäbe.

Der afghanische Präsident Karsai warnte in einem Interview vor der Konferenz die westlichen Staaten vor Versprechungen, die nicht einzuhalten sind. Der Westen müsse mit weiteren 15 Jahren rechnen, die es brauche, um Afghanistan beim „nachhaltigen“ Aufbau einer Infrastruktur zu helfen, mit deren Hilfe man aus eigener Kraft für Sicherheit und Stabilität sorgen könne. Innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre sei es zwar möglich, afghanische Polizisten und Soldaten auszubilden und gut auszustatten, aber auch danach hätten die Sicherheitskräfte weitere Unterstützung nötig:

With regard to training and equipping the Afghan security forces, five to 10 years would be sufficient. With regard to sustaining them … the time period extends to 10 to 15 years.

Karsai grätscht mit solchen Äußerungen in den Spagat, den manche westliche Politiker, derzeit vollführen, in dem sie der Bevölkerung, die den Krieg in Afghanistan leid ist, den baldigen Abzug in Aussicht stellen und gleichzeitig der Mehr-Truppen-Ratio innerhalb der Nato entsprechen wollen. So leicht, wie es Obama dargestellt hat – erst mehr Marines, dann möglichst bald raus – wird es wahrscheinlich nicht gehen. Der Sumpf stellt sich als immer noch tiefer heraus.

Das zeigt sich sehr deutlich bei dem Strategiestrang, der auf Geldzahlungen setzt. „Niemals wurde so viel in den Wiederaufbau eines zerfallenen Staates investiert und zugleich ein so unbefriedigendes Ergebnis erzielt“ - so eine Experten-Einschätzung, die wahrscheinlich nicht nur in der SZ zu lesen ist. Die Sicherheit, dass ein beträchtlicher Teil des 350 Millionen-Fonds an „Brückengeld“ für Taliban-Mitläufer in den zahlreichen Korruptionskanälen verschwindet, ist groß.

Eine der wenigen stabilen Faktoren, mit denen man am Hindukusch rechnen kann, ist, dass die Korruption (siehe dazu auch: "Eine neue Klasse von Superreichen in Afghanistan") so schnell nicht verschwinden wird, im Gegenteil darf die Wahrscheinlichkeit als sehr hoch angesetzt werden, dass der neue Geldstrom aus dem Westen die Dynamik der Korruption noch befördert. Einmal davon abgesehen, ob die Taliban-Überläufer treu auf der „guten Seite“ bleiben - entgegen der Erfahrungen die von häufigen Seitenwechseln in Afghanistan berichten.

Erstaunlicherweise aber glaubt sogar der Taliban-Experte Ahmed Raschid an die Wirkung solcher Deals. Er hält die Versöhnung mit den Rückkehrern unter bestimmten Bedingungen für möglich:

Die Nato und afghanische Sicherheitskräfte müssen für die Sicherheit der zurückkehrenden Taliban und ihrer Angehörigen verantwortlich sein. Hinzu kommen internationale humanitäre Organisationen, beispielsweise das Uno-Flüchtlingskommissariat und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz. Sie sollten zusammen mit der afghanischen Regierung die Rückkehr der Taliban überwachen, Ausgleichszahlungen in die Wege leiten, sich um Wohnraum, Ausbildung und andere Aspekte der Wiederansiedlung kümmern. (...)
Einem Versöhnungskomitee unter Führung der afghanischen Regierung müssen ausreichend Mittel, Ausbildung und Personal zugeteilt werden . (...)
Das pakistanische Militär muss dazu gebracht werden, den Rückkehrern Sicherheit und humanitäre Unterstützung zuzusichern. Pakistan und Saudi-Arabien müssen die Taliban dabei unterstützen, eine legale politische Partei zu gründen (wie andere afghanische Kämpfer vor ihnen).

Ob die Loyalität der Rückkehrer damit gesichert werden kann? Diese Unsicherheit betrifft auch die andere große strategische Hoffnung, die in den letzten Wochen mehrfach erwähnt wurde: die Stammesmilizen, die an der Seite der westlichen Truppen gegen die Taliban kämpfen. Einem aktuellen Bericht zufolge hat „einer der größten Paschtunen-Stämme“ (der Shinwari-Stamm, der 400 000 Menschen umfassen soll) beschlossen, gegen die Taliban vorzugehen und die „von den USA unterstützte Regierung auch zu unterstützen“. Die Amerikaner wollen im Gegenzug dem Stamm eine Million Dollar zukommen lassen. Doch, so räumt der Journalist der New York Times ein, die Beziehung sei fragil, hinzu komme, dass die Animosität des Stammes gegenüber den Taliban auf örtlichen Konflikten beruhe und das hoffnungsvolle Beispiel nicht unbedingt übertragbar sei.

Was die von Karsai angesprochene Ausbildung der Sicherheitskräfte anbelangt, so hört man nicht nur im Bayerischen Rundfunk eher zum Pessimismus anstiftetende Nachrichten über den Mangel an Bewerbern, die Polizisten in Afghanistan ausbilden wollen, sondern auch „bad news“ von erfahrenen Beobachtern in den USA: die afghanische Armee sei korrupt und unverläßlich, die offiziellen Zahlen würden nur zur Hälfte stimmen, ist in der Analyse eines Reserve-Colonels mit Erfahrungen in Irak und Afghanistan zu lesen: von 100.000 Soldaten, die Karsai derzeit als Stärke der ANA angibt, könne nicht die Rede sein. Einige Einheiten wären in Wirklichkeit nur halb besetzt, viele Soldaten würden nach wenigen Wochen wieder aufgeben, zum Einsatz würden sie nicht taugen. Die Chancen, dass die afghanische Armee mit weiteren Zuwendungen in Milliardenhöhe wie geplant in einem oder zwei Jahren auf 240 000 erhöht werden kann, sind dieser Einschätzumng nach „klein, bzw. nicht vorhanden“. (Thomas Pany)

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