Millionen in Geiselhaft: Wer hat den Syrern das Wasser abgedreht?

Ain Al-Fijah. Bild: Screenshot/syrische Aufklärung - You-Tube

Kurzfristig deutete sich ein Ende der Wasserkrise in Damaskus an. Dann wurde ein Unterhändler der Regierung erschossen

Für Millionen Syrer kam am vergangenen Freitag die lang ersehnte Nachricht: "Bewaffnete Kämpfer in Wadi Barada stimmen Abkommen zu", meldete die staatliche Nachrichtenagentur Sana. Für ein paar Hundert Rebellen, die sich seit fast vier Wochen heftige Kämpfe mit der syrischen Armee im Nordwesten von Damaskus liefern, bedeutete das: Abzug nach Idlib. Doch viel größer könnte der Gewinn für über fünf Millionen Bewohner der syrischen Hauptstadt Damaskus sein: endlich wieder fließendes Wasser.

Am Samstag meldete Sana, dass mit Ahmad al-Ghadban ein wichtiger Unterhändler der Regierung von den Milizen erschossen wurde. Damit wurde das Abkommen gleich wieder außer Kraft gesetzt. Laut der regierungsnahen al-Masdar-News sind die Friedensgespräche damit beendet. Bei Ain Khadar im Wadi Barada wurden am Sonntag Kämpfe gemeldet, in denen der syrischen Armee Vorstöße gelangen.

Auch die den oppositionellen Milizen nahestehende Website Syria:direct berichtet vom "Ende der Hoffnungen auf eine beständige Waffenruhe" durch die Ermordung des Generals Ahmad al-Ghadban. Zitiert wird der Sprecher des oppositionellen Wadi Barada Media Center, der die Schuld am Tod des Regierungsvertreters ausgerechnet bei der Hisbollah sucht.

Seit über drei Wochen erlebt die Bevölkerung der syrischen Metropole eine Versorgungskrise, deren Ausmaß selbst im kriegsgebeutelten Syrien selten ist (vgl. Kampf um die Wasserversorgung in Damaskus). Seit eine der Kriegsparteien den Wasserfluss der Quellen im umkämpften Wadi Barada nach Damaskus unterbrochen hat, sitzen Millionen auf dem Trockenen. Kolonnen von Wasser-Trucks fahren seitdem durch die Straßen der Stadt. Vor Geschäften bilden sich lange Schlangen, um an die letzten überteuerten Wasserflaschen zu kommen.

Von einer "humanitären Notlage" und einem "Kriegsverbrechen" sprachen die Vereinten Nationen und riefen die Bewohner in einem etwas hilflos wirkenden Statement am Mittwoch zur Sparsamkeit auf.

Im syrischen Staatsfernsehen schien das Ende der Krise hingegen schon nah: Am Freitag berichtete Sana die Armee werde infolge des Abkommens "die Gegend von Minen und Bomben säubern", so dass im Anschluss "Reparaturteams den Schaden an den Wasserpumpen reparieren können".

Ein Ende der Wasserkrise schien damit zumindest möglich. Unklar ist hingegen nach wie vor, wie sie eigentlich begann. Denn wie so oft in Syrien ist auch dieses Kriegsverbrechen verbunden mit einem medialen Kampf um die Deutungshoheit. Die erste Erklärung seitens der syrischen Regierung stammt vom 23. Dezember letztes Jahres. Damals gab die Damaszener Wasser- und Abwasserbehörde bekannt, den Hahn für die Wasserversorgung der Millionenstadt abgedreht zu haben. Der Grund: "Terroristen haben das Trinkwasser mit Diesel kontaminiert."

Der Schauplatz des möglichen Anschlags auf die Wasserversorgung ist Ain al-Fijah, jener Ort, an dem das Wasser für Damaskus entspringt. Vor dem Krieg handelte es sich bei dem Ort im Nordwesten von Damaskus um ein idyllisches 3.000-Einwohner-Städtchen am Rand des Barada-Flusss, in das Damaszener am Wochenende zum Picknick strömten. Mit der Eroberung durch die Freie Syrische Armee (FSA) im Jahr 2012 wurde das Idyll zur Geisterstadt.

Doch strategische Bedeutung trägt der Ort aufgrund seiner Wasserquelle bis heute. Nach Darstellung der bewaffneten Gruppen in Ain al-Fijah waren es Bomben der syrischen Luftwaffe, die eine Pumpstation zerstörten. Auch nach ihrer Darstellung soll Diesel das Trinkwasser kontaminiert haben, verursacht allerdings durch den Angriff der syrischen Armee.

Auch viele westliche Medien schlossen sich dieser Darstellung an. Die Bild-Zeitung meldete beispielsweise drei Wochen nach Beginn der Wasserkatastrophe: "Jetzt droht auch noch die Wasserkatastrophe". In dem Text beruft sich die Zeitung auf eigene Kontakte in Syrien: "Die Aktivisten belegen ihre Behauptungen mit Bildern und Videos, die der Version des Regimes klar widersprechen und stattdessen die der Opposition stützen", schreibt Bild.

Die verlinkten Beweisfotos kursieren allerdings schon seit Wochen in sozialen Netzen. Sie zeigen eine eingestürzte Betondecke und Schutt auf dem Boden. Wahrscheinlich handelt es sich dabei tatsächlich um ein Wasserbecken in Ain al-Fijah. Ein Beleg, dass die Zerstörung durch einen Luftangriff entstanden und ursächlich für die Wasserknappheit ist, fehlt allerdings.

Mehr Mühe bei der Beweisführung hat sich Bellingcat gemacht. Das Recherchenetzwerk um den britischen Netzaktivisten, Waffen- und Lokalisierungexperten Eliot Higgins hat sich im Syrien und Ukraine-Krieg einen Namen mit crowdbasierten Analysen öffentlich zugänglicher Fotos und Videos gemacht, um beispielsweise die Herkunft von Waffen oder der Täterschaft von Kriegsverbrechen zu ermitteln. Kritiker werfen ihm allerdings vor, dass seine Analysen auffällig oft zuungunsten von Russland und seinen Verbündeten ausfallen würden.

Der Bellingcat-Autor und ehemalige Offizier der britischen Armee Nick Water wertete mehrere öffentlich zugängliche Videos und Bilder aus Ain al-Fijah aus, darunter eine Satellitenaufnahme des zerstörten Daches des Wasserbeckens sowie ein Video von Al-Jazeera, das den Einschlag einer Bombe in dem Gebäude zeigen soll. Sein Fazit: "… das wahrscheinlichste Szenario ist, dass das Regime für den Schaden an der Zerstörung des Gebäudes an der Quelle war."

Während es für diese Behauptung mit dem Al-Jazeera-Video auch einen möglichen Beleg gibt, fehlt auch bei Bellingcat jeglicher Beweis für den folgenden Schluss: "Diese Bombardierung ist vermutlich die wahrscheinlichste Ursache dafür, dass Diesel in die Wasserversorgung eintrat..."

Auch die Bellingcat-Recherche ist Gegenstand von Kritik im Netz. Eine Darstellung verweist darauf, dass es sich bei dem mutmaßlich bombardierten Gebäude lediglich um ein Sammelbecken handle: "Es gibt keinen Generator, keine Pumpe oder Pumpstation in dem Gebäude, das bombardiert wurde und keinen verdammten Dieseltank", schreibt ein Twitter-User. Sein Urteil: "Egal wie das Dach zum Einsturz gebracht wurde, es hat keine Auswirkung auf die Wasserquelle."

Im Netz kursieren dutzende weitere Auswertungen von Videos und Fotos, die die Schuld der einen oder anderen Seite belegen sollen. Eine eindeutige Erklärung für die Ursache der Wasserkrise bietet keine davon. Und kann sie wahrscheinlich auch nicht.

Schließlich dürfte nur eine Handvoll Leute verstehen, wie die Wasserversorgung von Damaskus funktioniert. Selbst, wenn ein Video auftauchen würde, das zeigt, wie Rebellen Diesel ins Wasser schütten oder Soldaten einen Hahn abdrehen: Wie sollte man beweisen, dass dies tatsächlich ursächlich für die Damaszener Wasserknappheit ist?

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