Mind Control für Handys?

Eine kalifornische Firma will einen leichten, kleinen und billigen Headset mit einem Sensor zur Abnahme von Gehirnwellen für den Massenmarkt entwickeln

Die normalen Schnittstellen für die Computer, Handys und die anderen Geräte sind noch immer Hände und Finger, allerdings kommen auch schon Gesten, Blick und Stimme hinzu. Nur in Ausnahmefällen wird etwa ein Computerprogramm mit der Abnahme von Hirnwellen gesteuert. Das aber könnte sich ändern, wenn es nach den Vorstellungen der kalifornischen Firma NeuroSky geht, die Möglichkeiten entwickelt, mit einem EEG und dem Blick elektronische Geräte wie ein Handy zu bedienen.

Grundlage der Technik sind eine "trockene" Elektrode als Sensor, der an der Stirn befestigt wird und keine Paste benötigt, und ein Chip, der die vom Sensor erfassten Hirnwellen analysiert und über Bluetooth mit Geräten wie einem Handy verbunden werden kann. Zusätzlich könnte man das EEG mit einem Elektrookulogramm (EOG) kombinieren, das die Augenbewegungen misst. Mit einem Programm lassen sich angeblich die EEG- und EOG-Daten verbinden, um eine Bewegungssteuerung zu realisieren.

Normalerweise werden für Gehirn-Computer-Schnittstellen kompliziertere EEGs verwendet, bei denen die Elektroden auf der Kopfoberfläche mit Hilfe einer Paste befestigt werden. Wenn man damit tatsächlich auch ein Handy bedienen oder einen Cursor auf einem PC-Bildschirm bzw. eine Figur in einem Spiel genau steuern könnte, würde sich die Implantation von Elektroden erübrigen, wie sie beispielsweise Cybernetics für querschnittgelähmte Patienten gerade testet. Dabei wird das sogenannte BrainGate mit hundert Elektroden einen Millimeter tief in den motorischen Kortex implantiert. Ein Patient, dem ein solches BrainGate eingepflanzt wurde, kann damit durch Gedankensteuerung einen Fernseher ein- und ausschalten, das Programm wechseln und die Lautstärke verändern.

NeuroSky hat unter anderem mit dem chinesischen Mobiltelefonprovider Ziyitong Technology einen Vertrag. Dieser bietet auch Spiele fürs Handy an und würde die Technik gerne anbieten, um das Spielen positiver erscheinen zu lassen. Mit dem Chip lässt sich über die Hirnwellen ein Biofeedback-Effekt herstellen, der die Konzentration beim Spielen stärken soll. Damit sollen die Kinder aktiver werden, während Spiele, auf die Kinder nur reagieren müssten, eher die Passivität fördern sollen. Werden die Kinder in ihrer Aktivität gefördert, würden sie auch mehr aus sich herausgehen und soziale Kontakte knüpfen.

Bei NeuroSky denkt man natürlich intensiv und kreativ über mögliche Anwendungen nach. Weil bei einem Dating-Angebot, wie Ziyitong ihn hat, die User nicht unbedingt die zahlreichen Fragen wahrheitsgemäß beantworten, könnte ein Headset mit dem Hirnwellensensor die Wahrheit vielleicht unausweichlich machen. Zumindest kann sich Stanley Yang von NeuroSky dies vorstellen, fragt sich bloß, ob die Menschen mitmachen: "Der Contentprovider könnte einfach Bilder zeigen, die die Fragen repräsentieren, und unser Sensor würde die Reaktionen aufzeichnen. Man kann mit den Gehirnwellen nicht lügen."

Ein amerikanischer Psychiater ist denn auch schon lange dran, das von ihm entwickelte EEG als Lügendetektor durchzusetzen. Mit seinem "brain fingerprinting" könne man auch zeigen, ob eine Person an einem Ort des Verbrechens war oder eine bestimmte Personen getroffen hat. Natürlich soll es auch dazu dienen, potenzielle Terroristen zu entlarven (Ein Gehirnscan als Lügendetektor). An der lukrativen Heimatschutzfront scheint man bei NeusoSky noch nicht zu arbeiten, man will es eher mit den breiten Anwendungen versuchen. Auf der hand liegt eine Anbindung an Computerspiele. Mit dem EEG wird die Stimmung erfasst und der Spielverlauf an diese angepasst: "Das ist, als würde man einen Tanzpartner haben, der deinen Vorgaben folgt", schwärmt Yang.

Angeblich hat auch eine amerikanische Spedition Interesse an der Technik gezeigt. Die Fahrer tragen hier bereits Headsets, so dass ein Sensor auch noch integriert werden könnte. NeuroSky will jedenfalls mit dem Hirnwellensensor eine Anwendung entwickeln, um den Grad der Wachheit oder Ermüdung bei Angestellten wie Lastwagenfahrern, Piloten oder Sicherheitskräften festzustellen. Aber man denkt auch an medizinische Anwendungen, beispielsweise zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen durch Biofeedback.

Noch freilich sind das alles nur Projekt. Aber mit weiter schrumpfenden Sensoren und besseren Programmen dürften tatsächlich zahlreiche Anwendungen entstehen. Wie üblich wird über solche neurotechnologischen Entwicklungen, die weit über die Medizin hinausgehen, noch kaum nachgedacht. Sie erweitern nicht nur die Möglichkeiten der Menschen, es sind auch als eine Art Gehirn-Plug-in Eingriffe in die Person, was sich spätestens dann zeigen wird, wenn solche Sensoren für Fahrer oder Piloten vorgeschrieben oder für Aufrichtigkeitstests eingesetzt werden. Datenschutz oder informationelle Selbstbestimmung werden dann auch für neuronale Signale und Hirnwellen relevant, zumal wenn sich über neurotechnologische Vernetzung auch die Perspektive des Mind Hacking eröffnet. (Florian Rötzer)

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