Mindestens 56.000 Tote im Jemen-Krieg

Angriff auf Sana'a. Bild: fahd sadi/ CC BY 3.0

Der Druck auf Saudi-Arabien wird öffentlich erhöht. Pentagon-Chef Mattis stellt ein Ultimatum

Es sind nicht 10.000 Tote, wie ständig als fester Bestandteil jeder Meldung zum Krieg im Jemen behauptet wird, sondern mindestens 56.000, wie das Team des Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED) ermittelt hat.

Quelle der Organisation sind hauptsächlich Berichte in den jemenitischen Medien und "in geringerem Ausmaß" aus internationalen Medien. Offenbar hat man die Toten, die nach einem Kampf am Boden oder nach Luftangriffen gemeldet wurden, zusammengezählt, wie es der Bericht des seit vielen Jahren tätigen britischen Kriegsberichterstatter Patrick Cockburn im Independent verstehen lässt.

Bei Acled würde man, wie Cockburn im Gespräch mit dem für die Recherchen zuständigen Analysten Andrea Carboni erfahren hat, die Glaubwürdigkeit "sorgsam prüfen und konservativ vorgehen". Bei widersprüchlichen Angaben werde die niedrigere Zahl verwendet. Allerdings berücksichtige man eher die Angaben der Opfer als die derjenigen, die für den Angriff verantwortlich sind.

Eine alte Zahl mit willkommenem Effekt

Die stets gemeldete Zahl der 10.000 Opfer stamme von einem ungenannten UN-Vertreter, der sie 2017 gemacht habe und sich dabei auf eine Statistik des jemenitischen Gesundheitsministeriums bezogen habe. Dabei sei es geblieben. Es handle sich dabei lediglich um zivile Tote, das Gesundheitsministerium sei nicht in einem Zustand, der verlässliche Zahlen liefern könne und die Zahl sei veraltet; der Krieg tobt seither weiter.

Für die beiden von den USA, Großbritannien und Frankreich unterstützen Kriegsführer Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate hat die viel zu niedrig angesetzte Zahl einen willkommenen Effekt, weil sie das wahre Ausmaß der Angriffe versteckt.

Ohnehin sind bei den bisher gezählten 56.829 Toten nicht diejenigen berücksichtigt, die aufgrund der den Krieg begleitenden Maßnahmen - die willentlich herbeigeführte Versorgungsnot -, sterben, weil sie durch Mangelernährung zu schwach sind, um sich gegen Krankheiten zu wehren.

In den letzten Tagen gab es eine neue Welle in der Berichterstattung, die auf die Mangelernährung, die besonders Kinder trifft, mit drastischen Bildern aufmerksam macht.

Neue Aufmerksamkeit

Bislang konnten Saudi-Arabien wie auch die Vereinigten Arabischen Emirate darauf bauen, dass der Jemenkrieg wenig Aufmerksamkeit fand, sehr viel weniger als beispielsweise die Kriegsopfer in Syrien, die durch syrische und russische Offensiven verursacht werden. Dass sich kaum Journalisten im Kriegsgebiet im Jemen aufhalten, kam den beiden Golfstaaten und ihren Unterstützern ebenfalls entgegen. Der Krieg im Jemen wurde oft als "vergessener Krieg" bezeichnet.

Seit Saudi-Arabien mit dem Killerkommando, das in Istanbul den gut vernetzten und für den Kronprinzen unangenehmen Journalisten Khashoggi aus der Welt schaffte, für riesigen Wirbel sorgte, wird das Königreich in der internationalen Öffentlichkeit anders betrachtet. Es hieß in der Folge, dass nun auch der Jemenkrieg anders unter die Lupe genommen werde und damit die Kriegsführung.

Politische Reaktionen: Pentagon stellt ein Ultimatum

In den letzten Tagen kam es denn auch zu politischen Reaktionen. In den USA fordert Außenminister Pompeo in einem öffentlichen Statement die Einstellung der Kriegshandlungen. Er erwähnte allerdings an erster Stelle die Raketenangriffe der Houthis und dann erst folgt der Appell, dass auch die von Saudi-Arabien geführte Koalition ihre Luftangriffe im Jemen stoppen müsse.

Als Zeitrahmen schlägt Pompeo vor, dass es im November unter Leitung des UN-Sondergesandten Martin Griffiths zu Beratungen kommen müsse. Sein Ministerkollege vom Pentagon, James Mattis, ließ dagegen mit einem Ultimatum aufhorchen. Binnen 30 Tage soll es zu einem Waffenstillstand und Friedensgesprächen kommen, wird er wiedergegeben: "Wir wollen alle auf Grundlage eines Waffenstillstandes am Verhandlungstisch sehen."

Auch Frankreich schlägt neue Töne an

In der französischen Tageszeitung Le Monde dominierte der Jemen heute bis Mittag den Webauftritt. Neben Berichten zur humanitären Katastrophe wurde auf einen veränderten Ton der französischen Regierung aufmerksam gemacht. Berichtet wurde, dass Verteidigungsministerin Florence Parly nun deutlich gemacht habe, dass der Militäreinsatz, den Saudi-Arabien mit seiner Koalition im Jemen gegen die Houthis führe, "ausweglos" sei und es dringend an der Zeit sei, dass er beendet würde.

Ob das im Haus Saud zum Umdenken führt? Ob der Druck tatsächlich zu Veränderungen führt, die für die jemenitische Bevölkerung eine deutliche Verbesserung der Situation bedeutet?

Krisenmanagement mit vielen Hebeln

Für Zweifel daran gibt es viele Gründe. Einmal weil die Interessen Saudi-Arabiens und seiner Verbündeten, wie zuletzt Georg Meggle an dieser Stelle ausführte (Der wahre Grund des Jemen-Kriegs?), am Jemen enorm sind - es gibt Hinweise auf riesige Erdölvorkommen.

Zum anderen, weil auch ansonsten die geschäftlichen Verbindungen, zum Beispiel der Waffenhandel mit Saudi-Arabien, so beschaffen sind, dass man dem Partner nicht wirklich in Parade fahren will. Wie die geschäftlichen Rücksichten aussehen, demonstrierten kürzlich Macron wie auch Putin.

Ein wichtige Rolle, um mit Saudi-Arabien vorsichtig umzugehen, spielt die Front gegen Iran, die ja auch beim Jemenkrieg ein ganz wichtiger Faktor ist. Am 4. November wird, wie es der "Countdown" auf der Homepage des US-Außenministeriums ankündigt, die nächste Runde schwerwiegender Sanktionen gegen Iran eröffnet. Der Druck auf Saudi-Arabien verhält sich dazu relativ. Man kann mit gutem Grund annehmen, dass er an der Oberfläche bleibt.

Die PR-Maschine

Mit Oberfläche ist die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit gemeint. Es kommt ganz darauf an, wie Saudi-Arabien nun ein "Einlenken" im Jemen-Krieg verkauft. Dass das Haus Saudi mit seinem Medienimperium nicht nur über gute "Sendeanstalten für gut kalibrierte Botschaften" verfügt, ist nur ein Teil der gut geölten PR-Maschinerie, mit der die absoluten Herrscher arbeiten können.

Dazu kommen Think Tanks in Washington, die wiederum auch Einfluss auf europäische Wahrnehmungen haben, wie es das idyllische Bild des "Reformprinzen Mohammed Bin Salman" auch in französischen und deutschen Medien vorführte.

Nicht zuletzt wird mit viel Geld viel Druck gemacht, wie es ein Guardian-Bericht offenlegt. Dort wird dargelegt, wie Vertreter des Königreichs auf die UN-Organisation OCHA einwirkten, um die "humanitären Großtaten" Saudi-Arabiens im Jemen herauszustellen.