Minneapolis: Ein toter Schwarzer, ein weißer Polizist, ein echtes Video und zwei gefälschte Bilder

Screenshot aus dem Dokumentationsvideo

Nach dem Tod von George Floyd bei einem Polizeieinsatz ist es in der bevölkerungsreichsten Stadt Minnesotas zu schweren Unruhen gekommen

Am 25. Mai rief ein Ladenmitbesitzer in Minneapolis die Polizei, nachdem der gebürtige Texaner und ehemalige Rapper George Floyd mit einer 20-Dollar-Banknote zahlte, die der Geschäftsmann für gefälscht hielt. Die daraufhin entsandten vier Beamten trafen Floyd in seinem Auto an, aus dem er ihren Angaben nach trotz ihrer Aufforderung nicht aussteigen wollte. Dieser Aufforderung soll er sich auch "körperlich widersetzt" haben. Außerdem machte Floyd auf sie den Eindruck, unter "Drogeneinfluss" zu stehen. Ob dies zutraf, ist bislang ebenso wenig bekannt wie die konkreten Anhaltspunkte, anhand derer die Beamten diesen Eindruck gewannen.

Fest steht dagegen, dass sich der Polizist Derek Chauvin danach mindestens sieben Minuten lang auf seinen Hals kniete. Etwa vier Minuten davon bewegte sich der mit Handschellen gefesselte 46-Jährige nicht mehr. Ein anderer Polizist, Tou Thao, stand daneben und hielt Passanten zurück.

"Ich bin grade dabei, auf dieselbe Weise zu sterben"

Mit einem Mobiltelefon aufgenommene Videos dieser Festnahme, zeigen, wie Floyd "Bitte" und "Ich kann nicht atmen" ruft. Ein Passant meint darauf hin zur Polizei: "Sie haben ihn doch schon am Boden liegen, lassen Sie ihn doch atmen." Ein anderer meint: "Einer meiner Homies starb auf dieselbe Weise", worauf hin Floyd verlautbart: "Ich bin grade dabei, auf dieselbe Weise zu sterben".

Chauvin, den die damals als Bezirksstaatsanwältin zuständige demokratische Präsidentschaftsbewerberin Amy Klobuchar trotz mehrerer Brutalitätsvorwürfe in der Vergangenheit nicht angeklagt hatte, sagt dem 46-Jährigen darauf hin, er solle sich entspannen - und ein anderer Polizist fragt: "Was wollen Sie?"

Floyd wiederholt nun, dass er nicht atmen könne und konkretisiert: "Bitte, das Knie in meinem Hals, ich kann nicht atmen!" Dem folgt die Aufforderung eines Polizisten, aufzustehen und sich in das Auto zu begeben. Ob diese Aufforderung an Floyd oder an Chauvin gerichtet ist, ist unklar. Floyd sieht sie aber offenbar als an sich gerichtet an und meint: "Ich werde … ich kann mich nicht bewegen … Mama … mein Bauch tut weh, mein Hals tut weh, alles tut weh." Dann bittet er um Wasser und darum, ihn nicht umzubringen.

Nun machen Passanten die Polizei darauf aufmerksam, dass Floyd aus der Nase blutet und sich nicht gegen seine Festnahme wehrt. Aus deren Reihen entgegnet es, der 46-Jährigen rede ja, also gehe es ihm gut - was Floyd umgehend dementiert. Danach verstummter er und bewegt sich nicht mehr. Der mit einer gebürtigen Laotin verheiratete Polizist steht aber erst dann auf, als ein Rettungswagen eintrifft, der den Ex-Rapper jedoch nicht mehr wiederbeleben kann.

Zwölf Stunden und 40.000 Retweets

Das Video, das diese Ereignisse dokumentiert, erregte in den USA großes Aufsehen und machte den konservativen Radiomoderator Rush Limbaugh nach eigenen Angaben "so wütend, dass [er] nicht mehr gradeaus sehen konnte". Während Limbaugh harte Strafen für Chauvin forderte, demonstrierten andere auf der Straße gegen Polizeigewalt - und manche davon nutzten das Ereignis als Anlass für Plünderungen und Brandstiftungen in Minneapolis.

Vorher hatten sich in Sozialen Medien zwei gefälschte Bilder viral verbreitet: In einem davon, das auf den Rapper Ice Cube zurückgeht, trägt der Weiße Derek Chauvin, der auf dem Schwarzen Floyd kniete, eine Kappe mit der Aufschrift "Make Whites Great Again" - eine Abwandlung von Donald Trumps und Ronald Reagans Wahlkampfslogan "Make America Great Again". Twitter versah dieses gefälschte Foto etwa zwölf Stunden und 40.000 Retweets nach dessen Auftauchen mit einem Warnhinweis, dass es zur Kategorie "manipulierte Medien" gehört.

Ein anderes manipuliertes Foto zeigt einen als Derek Chauvin gekennzeichneten Mann mit einem Unterstützerschild auf einer Wahlveranstaltung für Donald Trump. Allerdings handelt es sich dabei nicht um Chauvin (der bei dieser Veranstaltung auch gar nicht zugegen war), sondern um einen ganz anderen Polizisten, wie Bob Kroll, der Chef der Polizeigewerkschaft von Minneapolis, klarstellte.

Anhänger von Donald Trump werfen Twitter vor, viel zu langsam auf diese beiden Fälschungen reagiert zu haben und deshalb eine Mitverantwortung an den Plünderungen und Brandstiftungen zu tragen. Diese, so die Argumentation, hätten Schwarze noch zorniger gemacht als das Video und zu Straftaten hingerissen. Eine sonst eher auf Seiten der Trump-Gegner verwendete Argumentation, die von Befürwortern von Redefreiheit und Selbstverantwortung kritisch gesehen wird.

Eine Tatsache ist allerdings, dass Twitter einige Tage vorher eine Warnung des Präsidenten vor Missbrauchsmöglichkeiten bei der Briefwahl sehr viel schneller mit einem "Faktencheck" versehen hatte. Diesen Faktencheck, bei dem der Dienst auf Berichte der Washington Post und des ebenfalls sehr Trump-kritischen Nachrichtensenders CNN verlinkt hatte, musste der Kurznachrichtendienst inzwischen selbst korrigieren, nachdem das Wall Street Journal aufdeckte, dass dieser Fehlerhinweis zur - vorsichtig formuliert - nicht ganz unkomplexen und unkomplizierten Wahlpraxis in verschiedenen US-Bundesstaaten selbst Fehler enthielt.

Trump will "nicht zulassen, dass Verbrecher das Andenken an George Floyd entehren"

Der "Faktencheck" unter diesem Tweet gilt als Anlass für die gestern Nacht unterschriebene Präsidentendirektive, mit der die Macht von Twitter und Facebook eingeschränkt werden soll. Die gut durchdachte Gestaltung der Maßnahmen deutet aber darauf hin, dass man sich so ein Vorgehen in der Administration schon länger überlegt hat und das Donald Trump den "Faktencheck" nur als willkommenen Startschuss nutzte (vgl. "Section 230 war nicht dazu gedacht, eine Handvoll Unternehmen zu Titanen wachsen zu lassen").

Nach der Unterzeichnung dieses Dekrets warf Twitter dem Präsidenten öffentlich vor, "die Zukunft von Freiheiten im Internet und der Online-Rede zu gefährden" und markierte einen seiner Tweets als "Gewaltverherrlichung".

In diesem Tweet meint Trump zu den Plünderungen und Brandstiftungen in Minneapolis, er werde "nicht zulassen, dass Verbrecher das Andenken an George Floyd entehren" und habe Tim Walz, dem demokratischen Gouverneur von Minnesota, "gesagt, dass das Militär ganz an seiner Seite steht. Gebe es "Schwierigkeiten", werde man "die Kontrolle übernehmen". Dann reimt er: "when the looting starts, the shooting starts" und sagt "Thank you!" (Peter Mühlbauer)