"Mir hänn' nix zu verberge!"

Mit Funkpiraten auf Beutefahrt in Ludwigshafen

Der Ortstermin der Piratenpartei im pfälzischen Ludwigshafen vergangenen Donnerstag stand unter einem guten Stern: Strahlender Sonnenschein und ungewöhnlich milde Temperaturen luden zu Beginn der Adventszeit noch zum Spazieren oder sogar einem Kaffee im Freien ein. Trotzdem erschien kein weiterer Journalist. Das kann am tristen Grau der Stadt oder auch am Thema gelegen haben: Die Piraten wollten demonstrieren, dass Funküberwachungskameras nicht nur denen nützen können, die sie installieren, sondern jedem beliebigen Dritten.

Praktischerweise hat die Ludwigshafener Filiale der Drogerie-Marktkette Ihr Platz ein Angebot dazu und wirbt im Schaufenster für seine "Mini-Funk Überwachungskamera IR-8103" von JAY-tech: "nur 3,2 cm groß!" Das Teil ist für 59,99 Euro zu haben. Das scheint mir ziemlich happig - im Mai hat bei eBay eine solche Kamera 28,15 Euro den Besitzer gewechselt.

Die Drogeriekette "Ihr Platz" hat Funk-Überwachungskameras im Angebot. Alle Fotos: Joachim Jakobs.

Weiter soll sich der Kunde für diese Leistungsmerkmale begeistern:

  • 2,4 GHz drahtloser Empfang
  • Nachtsicht bis ca. 3 Meter
  • eingebautes Mikrofon
  • bis zu 100 Meter Empfang im Freien
  • Kanal-Auto-Scan
  • Für den Innen- und Außenbereich geeignet, Tag und Nacht
Die Piraten Sebastian Hochwarth, Roman Schmitt, Kai Sturm und Jochen Schäfer (v.l.n.r) greifen die Signale von Funk-Überwachungskameras ab.

Vom Treffpunkt am "Bismarckcenter" aus marschieren wir zu fünft zu unseren Zielen: zunächst zu einer Bäckerei in der Fußgängerzone. Dort fährt der rheinland-pfälzische Landesvorsitzende der Piraten Roman Schmitt sein Notebook hoch, klemmt den Scanner per USB-Kabel an und startet die Software zum Abgreifen der Videodaten. Es flimmert ein paar Sekunden und dann sehen wir auf dem Bildschirm, welcher Kunde grade was an der Kasse bezahlt oder auch die Leute, die sich vor dem Laden aufhalten. Das Schwierigste an unserem Spaziergang ist die Dokumentation der "Beute" im Bild: Zunächst erklärt mir Roman Schmidt, dass es mit dieser Software nicht möglich ist, ein Bildschirmfoto eines permanenten Datenstroms zu machen. Deshalb versuche ich, den Bildschirm mit einer Digitalkamera abzufotografieren. - Daher die störenden Spiegelungen auf den "Bildschirmfotos".

Auch während ich den Bildschirm in der Bäckerei fotografiere werden wir von der Überwachungskamera beobachtet.

Am Eingang der Bäckerei wirbt der Hersteller, die Roos Electronics bv in Holland, mit einem Aufkleber für seine "Camera Observation Systems".

Achille Falvo ist stolz auf die Leistungsfähigkeit seiner Überwachungskameras.

Jochen Schäfer, Kreisvorsitzender der Piraten vermisst einen Hinweis auf die Videoüberwachung: "Der ist vorgeschrieben!" Drinnen steuern Roman Schmitt und ich den Mann hinter der Kasse an. Es ist Bäckereiinhaber Achille Falvo. Schmitt zeigt ihm die Beute auf seinem Rechner: Die eine Kamera ist auf den Eingangsbereich gerichtet, die andere auf die Kasse. Falvo strahlt übers ganze Gesicht - er ist sichtlich stolz auf die eingesetzte Technik: "Ich weiß!" Er glaubt aber nicht, dass jemand zuschauen würde, wie er sich an seiner Kasse anmeldet, um das dann mal selbst zu versuchen: "Die Kasse wird mehrmals täglich geleert. Wer wird denn für 200 oder 300 Euro einbrechen?" Die Kunden finden die Videoüberwachung gut - einhellig: "Mir hänn' nix zu verberge!" sagt ein Älterer und ein Jüngerer ergänzt: "Ludwigshafen ist nicht die Stadt, in der man auf Videoüberwachung verzichten könnte. - Es gibt zu viele eingeworfene Schaufenster." Mit meinen Fragen komme ich mir ein wenig vor wie ein Außerirdischer - den Kunden steht im Gesicht geschrieben: "Was willst Du denn hier? Wir können nicht bezahlen, nur weil Du störst!?" Die Begeisterung der Anwesenden über die Aktion scheint ähnlich groß zu sein, wie die der nicht erschienenen Journalisten.

Wir gehen noch zu einem Comic-Laden in der angrenzenden Bahnhofstraße. Währenddessen erscheint immer wieder mal die Bäckerei von Achille Falvo. Vor dem Comic-Laden angekommen, stellen wir fest, dass der erst am Nachmittag öffnet. Die Kamerasignale sind aber so stark, dass sie uns gleich auf zwei Kanälen über eine Distanz von gut 100 Metern erreichen.

Ladeninhaber und Kunden glauben an die Notwendigkeit videoüberwachter Ladenlokale. Und die Presse interessiert sich auch nicht übermäßig. Wo also ist das Problem?

In Müllers Wirtshaus erläutern mir die Piraten anschließend ihre Sorgen: "Die Menschen werden ständig an Bahnhöfen, Flughäfen, Tankstellen, öffentlichen Plätzen und Ladenlokalen fotografiert - das ist ihnen angesichts von Bildern auf Youtube und Facebook nicht unangenehm; sie gewöhnen sich daran", sagt Jochen Schäfer und ergänzt: "Womöglich sind sie dann auch noch bereit, sich beim Kleiderkauf ablichten zu lassen, um die Fotos direkt an Ort und Stelle zu Facebook hochzuladen." Pirat Kai Sturm spinnt den Faden weiter: "Es könnte bequem sein, die Bewegungen von Händen, Gesichtern und Augen in 3D von vier Kameras erfassen zu lassen, um sich dadurch in einem "Interaktiven Schaufenster" rund um die Uhr selbst bedienen zu können." Das erinnert mich an die "virtuelle Plakatwand" des Einzelhändlers Tesco: Koreaner, die auf eine S-Bahn warten, können einen Code von einer Plakatwand ins Telefon abtippen, statt einkaufen "zu gehen". Die Ware wird nach Hause geliefert. "Tippen"! - Wie archaisch!

Um das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu schärfen, kommt Landesvorsitzender Roman Schmitt die Idee das Kamera-Signal eines Einzelhändlers ins Internet stellen. Vorbilder gibt’s dafür bereits: Jede Menge Überwachungs-Bilder werden laufend im Internet aktualisiert; kommen genügend Signale zusammen, könnte man eines Tages eine beliebige Person bequem vom heimischen Wohnzimmersessel aus beim Spazieren durch die Innenstadt beobachten.

Der Landesvorsitzende Roman Schmitt verweist auf die künftige Entwicklung. Die Miniaturisierung der Technik werde anhalten. Dadurch seien auch fliegende Kameras möglich, deren Objektive den Facetten-Augen von Insekten nachempfunden und nur noch wenige Millimeter dick seien. Dadurch sei es möglich, ein Blickfeld von 280 Grad dreidimensional zu erfassen.

Eine andere Idee ist, eine solche Videodrohne aus dem Supermarkt über der Stadt kreisen zu lassen und dabei nicht nur selbst Bilder aufzunehmen, sondern gleichzeitig auch die Daten aus anderen Strömen abzugreifen. Und sie womöglich anschließend auf einem beliebigen Smartphone zu präsentieren.

Mit entsprechender Gesichtserkennung kombiniert, würde dies zur vollständigen Deanonymisierung in der Öffentlichkeit führen, so die Piraten.

Nach dem Termin gehe ich ein wenig benommen nach Hause - mir schwirrt der Kopf angesichts der Vorstellung, dass ich künftig abgelichtet werden könnte, wann immer ich den Schädel zur Tür rausstrecke. Und erhoffe mir Entspannung mit der Lektüre der vergangenen Ausgabe der "Rheinpfalz am Sonntag" - der hiesigen Regionalzeitung.

Mit der Entspannung wird das aber nichts: Unter der Rubrik "Am Wochenende" berichtet die Zeitung über einen Schwarm von "Quadrocoptern" - selbststeuernde Hubschrauber in der Größe eines Autoreifens mit vier Rotoren, die im Verbund künftig selbstständig nicht nur Hindernisse überwinden können sollen. Wenn eine genügend große Anzahl Autoreifen zusammenkommt, sollen die gemeinsam mit künstlichen Armen auch noch Katastrophenopfer aus dem Schutt ziehen. Ich schließe die Rollläden, mach' das Licht aus und lege mich im Dunkeln schlafen in der Hoffnung dabei unbeobachtet zu sein.

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