Misere Arbeitsmarkt - Studieren bis 50

Symbolbild: Pixnio. Lizenz: CC0

In Italien sind die Folgen der Wirtschaftskrise erheblicher, verhängnisvoller und langanhaltender als in anderen Ländern

Während Europa wächst, stagniert Italiens Wirtschaft immer noch. Seit über 15 Jahren hat sich das Pro-Kopf-Einkommen nicht wesentlich verändert. Zwar sind die Arbeitslosenzahlen im Februar 2018 auf 10,9% zurückgegangen, doch die Jugendarbeitslosigkeit steigt stetig an. Sie liegt jetzt bei 32,8%. Nur Griechenland und Spanien stehen schlechter da als Italien. Laut der Gesellschaft für Verbraucherschutz Codacons wird es noch 10 Jahre dauern, bis Italien wieder das Beschäftigungsniveau von 2007 erreicht, als die Arbeitslosenquote 6,1% betrug und die Krise noch nicht begonnen hatte.

Die Stellenagebote sind meistens skandalös: unterbezahlt, projektbasiert, auf wenige Monate oder sogar Wochen begrenzt. Oft antworten Tausende von Bewerbern auf eine ausgeschriebene Stelle. Besonders Akademiker verkaufen ihr Arbeitspotential meist unter Wert. Korruption, Klientel- und Vetternwirtschaft herrschen landesweit, jedoch gibt es immer noch ein starkes Nord-Süd-Gefälle; während es im Norden wieder wirtschaftlichen Aufwind gibt, hält die Konjunktur im Süden nach wie vor an.

Der Arbeitsmarkt ist von Unsicherheit und Prekarität, aber auch von veralteten Vorstellungen geprägt. Niemandem würde es hier einfallen zu protestieren, oder einen unterbezahlten Job einfach nicht anzunehmen; schon gar nicht, wenn es sich um eine öffentliche Anstellung in der Heimatstadt handelt. Es herrscht nach wie vor der Mythos der festen, unbefristeten Anstellung, wobei es ganz gleichgültig ist, auf welchem Niveau und bei welcher Institution oder Firma. Besonders begehrt sind auch bei Akademikern Stellen als Postbote oder als Pförtner. Man hat ja dann ein Leben lang Zeit, sich zum Direktor hochzuarbeiten.

Sind italienische Arbeitnehmer unterwürfige Mitläufer? Nur wenige bäumen sich auf. Manchmal tun sie es, indem sie in ein anderes Land ziehen. Viele junge Italiener wandern etwa innerhalb Europas aus, nach Deutschland, England, Frankreich oder in die Schweiz. Weil die Lage auf dem Arbeitsmarkt so unberechenbar und desolat ist, wohnen viele Italiener bis ins hohe Erwachsenenalter noch bei den Eltern, woraus sich das bekannte Bamboccioni- oder Riesenbaby-Phänomen entwickelt hat.

Das Durchschnittsgehalt eines Italieners liegt bei etwa 1500 € netto pro Monat. Ein Arbeitnehmer im Süden verdient allerdings bis zu 20% weniger als seine Kollegen in Norditalien. In Mittelitalien liegt der Unterschied bei 5%. Auch zwischen den Geschlechtern gibt es Abweichungen: Männer verdienen im Durchschnitt pro Jahr fast 3000 Euro mehr als Frauen. Akzentuiert wird die Misere zweifelsohne auch durch die beschäftigungsfeindliche Steuer- und Abgabenschere.

L.R., 43 Jahre alt, ist Mittelschullehrerin in Perugia. Sie unterrichtet Italienisch und Geschichte, hat einen Diplomabschluss in italienischer Literatur und hat auch einen Masterstudium in Italienisch als Fremdsprache absolviert. Ein Lehrer verdient hier ca. 1200 € netto im Monat (1500 € am Ende seiner Karriere). Der Haken ist, dass es Jahrzehnte dauern kann, bis es zur Festanstellung kommt.

Wie die meisten ihrer Kollegen, hat auch L.R. in den letzten Jahren immer einen befristeten Jahresvertrag erhalten, der jeweils im September beginnt und Anfang Juli endet. In den Sommermonaten muss sie Arbeitslosengeld beantragen, denn die Schule zahlt nichts. Auch kommt die Schule, bzw. das Ministerium nicht für berufliche Weiterbildung, Anfahrtskosten oder Spesen für Schulausflüge und dergleichen auf. L.R. hatte im vergangenen Jahr ein Kurs in Gebärdensprache belegt, den sie vollständig aus eigenen Mitteln gezahlt hat. Meist arbeitet ein Lehrer außerdem sehr viel länger als vertraglich vereinbart - doch die Überstunden bleiben unbezahlt.

Erst im September erfahren Lehrer, ob sie wieder einen Jahresvertrag bekommen oder nicht. Manchmal sind es auch Verträge für einen kürzeren Zeitraum oder nur für wenige Wochenstunden als Vertretungslehrer. In welcher Schule und welche Fächer sie im anstehenden Schuljahr unterrichten werden und wie viel sie folglich verdienen werden, bleibt also bis zum letzten Moment ungewiss. Aus Institutslisten, die alle drei Jahre vom Ministerium erneuert werden, werden nach einem komplizierten Punktesystem irgendwann die Festanzustellenden herausgepickt.

L.R.: "Das Problem ist die Kontinuität im Bildungswesen, weil ein Lehrer seine Klasse nicht über mehrere Jahre begleiten darf. Ich habe weder für mein persönliches noch für mein berufliches Leben mittelfristige oder gar langfristige Perspektiven. Vielleicht ändert sich alles mit der neuen Regierung - obwohl ich das nicht glaube. Unter einer derartigen Situation leidet die Kultur und auch deren Vermittlung. Das spiegelt gewissermaßen die gesamtitalienische Lage wider. Ich habe nie daran gedacht, den Job zu wechseln, obwohl ich gerne Kunstkritikerin geworden wäre. Aber davon kann man hier wirklich nicht leben. Mir fehlt jede finanzielle Sicherheit. Bevor ich Lehrerin wurde, war ich auch Promoter, Babysitter, habe Nachhilfestunden gegeben. Man muss sich anpassen, denn der Arbeitsmarkt ist sehr deprimierend.

Mir wurde zwar angeboten, in den Vereinigten Arabischen Emiraten Italienisch zu unterrichten, aber dazu hatte ich schlicht keinen Mut. Wir Italiener hängen an unserem Land und bleiben gern bei der Familie. Sehr oft ziehen wir es vor, gar nicht zu arbeiten, nur um zuhause bleiben zu können. Dann werden Ingenieure eben zu Kellnern und Mathematiker zu Callcenter-Telefonisten. Mobilität hat hier einen eher geringen Stellenwert.

Ich will mich gar nicht beklagen, denn wie mir geht es den meisten meiner verzweifelten Kollegen. Das schafft allerdings die Voraussetzungen für einen Krieg unter Armen. Das ganze Leben lang bleibt man Aushilfslehrer. Alle haben wir den Wunsch nach mehr Stabilität, denn viele sind ungefähr in meiner Altersklasse. Ich würde mir z.B. gern eine eigene Wohnung kaufen, dafür eventuell einen Kredit aufnehmen. Oder zumindest von zuhause ausziehen, um endlich alleine zu wohnen. Das Ganze bremst meine persönliche und soziale Weiterentwicklung.

Ich hoffe, bald eine Festanstellung zu erhalten. Wenn nicht, werde ich mich neu orientieren müssen. Wenn man so viel in die eigene Bildung und das eigene Wachstum investiert hat, vom Arbeitsmarkt allerdings nie ein positives Feedback erhält, ist man irgendwann einfach müde. Es scheint eine reine Energieverschwendung zu sein. Ein ewiges Warten, ein Aufschub auf unbestimmte Zeit. Obwohl ich meine Arbeit sehr liebe und sie mit Leidenschaft ausübe, kann ich doch nicht selbst bis 50 ein lebenslanger Student bleiben."

Auf die ihr sichtlich unangenehme Frage, ob die öffentlichen Wettbewerbe und Auswahlverfahren für Lehramtsstellen immer sauber verlaufen oder ob Korruption mit im Spiel sei, gibt sie eine ausweichende Antwort: "Persönlich habe ich keine Korruption erlebt. Ich weiß aber, dass sie existiert und ein großes Problem darstellt. Wenn Italien nur endlich die eigene Größe und den Wert seines immensen Kulturerbes erkennen würde und anfangen würde, es geschickter auszunutzen, gäbe es vielleicht noch Hoffnung. Wer weiß, was die neue Regierung bringen wird. Obwohl es eine Protestwahl war. Wir waren sehr desorientiert. Wir sind es immer noch." (Jenny Perelli)

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