Mission erfolgreich: Körper unterworfen

Traditionelles "Femvertising"

Dabei dürften Modeshows mit ihren auf Schönheit getrimmten, dressiert über Laufstege laufenden Püppchen - analog gilt das natürlich auch zunehmend für Männermode - mit das Unfeministischste sein, was man sich vorstellen kann; jedenfalls dann, wenn man sich Emanzipation als eine Bewegung zur Selbstbestimmung vorstellt, nicht zur Anpassung. Dabei ist nur das Wort "Femvertising" neu, die Idee dahinter nicht:

Es gab immer wieder geschickte Versuche, gezielt Frauen als Käuferinnen anzusprechen, etwa schon, als die Zigarettenindustrie ihre Glimmstengel in den 1920er Jahren als "Freiheitsfackeln" (Torches of Freedom) bewarb. Rauchen war damals für Frauen verpönt. Im Zuge der zweiten Welle des Feminismus in den 1960ern gab es dann auch besonders schlanke Zigaretten für Frauen.

Eine Erfolgsfrau

Das Bild einer jungen Hürdenläuferin wie Pamela Dutkiewicz ist natürlich an sich schon feministisch: Eine Frau, die diszipliniert und hart arbeitet, um zu immer neuen Höhen zu gelangen; die wörtlich wie bildlich immer mehr Hürden nimmt; die im Wettbewerb nicht nachgibt, um Zehntel- oder gar nur Hundertstelsekunden schneller als die - bis auf Weiteres allerdings nur weibliche - Konkurrenz zu sein. Wenn diese Frau dann auch noch das System Sport kritisiert, was könnte emanzipatorischer sein?

Also wurde ich immer wieder auf die Waage gestellt und alles wurde dokumentiert. Für mich war das eine absolute Erniedrigung. Es war mir peinlich. Und da hat es auch angefangen, dass ich sehr unregelmäßig gegessen habe. Ich wusste beispielsweise, mittwochs werde ich gewogen. Also habe ich schon einmal den ganzen Mittwoch lang nichts gegessen und wenig getrunken - spart ja auch Gewicht.

Pamela Dutkiewicz

Vom Leistungswillen zur Essstörung

Dass ausgerechnet eine Leichtathletin furchtbare Angst davor hat, auf einem Pressefoto könnte man irgendwo ein Speckröllchen sehen, hätten viele wohl für unmöglich gehalten. Übergewicht im medizinischen Sinne, wie es der Zeit-Artikel suggeriert, dürfte aber eher nicht vorgelegen haben; vielmehr eine Essstörung, die so weit ging, dass die junge Frau sich eine Zeit lang nur von einem Apfel am Tag und Tee ernährte.

Wie hat die Sportlerin ihr Dilemma schließlich aufgelöst? Sie versuchte es mit verschiedenen Ernährungsberatern. Bei einem habe sie innerhalb eines halben Jahres einige Kilo abgenommen, in den folgenden eineinhalb Jahren jedoch nicht mehr. Das hat ihr nicht gereicht. Die Veränderung kam erst durch einen Bänderriss, jedoch anders, als man sich das vielleicht denken würde: "Aber das war mein Segen - weil ich endlich Zeit hatte."

Gesund! Was für eine Enttäuschung

Diese Zeit nutzte Pamela Dutkiewicz weiter zur Problemsuche in sich selbst. Ein ausführlicher medizinischer Test ergab, dass sie körperlich gesund war. Darüber war sie "super enttäuscht". Danach geriet sie aber an ein Team von einem Arzt und einem Ernährungswissenschaftler, die ihre Ernährung anpassten: Nur drei Hauptmahlzeiten statt wie vorher drei Haupt- plus zwei Nebenmahlzeiten am Tag; dafür durfte sie morgens essen, was sie wollte, sogar Schokolade, die es bei ihr seit Jahren nicht gegeben habe.

Man wundert sich, dass mit dieser Umstellung endlich gelang, was viele Jahre zuvor nicht möglich gewesen war: Die Leichtathletin verlor zehn Kilo, scheinbar ganz von selbst: "Ich habe nie gedacht, dass man bei meinem Körper mal Bauchmuskeln sehen würde. Endlich bin ich selbstbewusst, wenn ich auf der Bahn stehe."

Ein neunjähriger Kampf mit sich selbst

Ein sage und schreibe neunjähriger innerer Kampf war gewonnen; der Körper war besiegt und der Vorstellung unterworfen. Das Ist-Bild war dem Soll-Bild angepasst. Der große Gewichtsverlust und die Fähigkeit, auf der Startbahn endlich konzentriert zu sein, mögen den Einen oder die Andere allerdings an den Einfluss von Medikamenten denken lassen. Doch darum soll es hier nicht gehen.

Denken wir noch einmal an das Femvertising, das die Botschaft transportierte: Akzeptiere dich so, wie du bist. Dieses sollte Frauen gerade dabei helfen, die starke Fokussierung auf ihren Körper zu überwinden. Die in klassischen sowie sozialen Medien vielfach gelobte Erfolgsgeschichte der Leichtathletin geht jedoch in einer ganz andere Richtung: Kämpfe so lange gegen deinen eigenen Körper, bis du dem Ideal entsprichst, so dünn wie möglich zu sein.

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