Mission erfolgreich: Körper unterworfen

Anpassung wird belohnt

Es scheint wirklich nicht einfach zu sein, eine Frau zu sein. Selbst eine Leichtathletin muss nicht nur schnell sein; nein, man muss auch ihre Bauchmuskeln sehen können. Das System, das den Menschen so viel Stress, Leistungsdruck und Demütigungen am laufenden Band zumutet, wird nicht grundlegend kritisiert, sondern über das Lob der Erfolgsgeschichte sogar instandgehalten. Eine kritische Reflexion sucht man vergebens.

Man fühlt sich an die erfolgreiche Popmusikerin Beyoncé erinnert, die einerseits in ihrem Video "Pretty Hurts" eben diese Demütigungen und den Kampf gegen den eigenen Körper auf dem Weg zum Erfolg kritisiert und Perfektion als Krankheit bezeichnet, andererseits aber mit Schönheitskliniken Geld verdient.

Kampf der Frauen gegeneinander

Ein Zwiespalt wird auch in ihrem Song "Flawless" deutlich, in dem sie die feministische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie zu Wort kommen lässt: "We raise girls to see each other as competitors - not for jobs or for accomplishments, which I think can be a good thing, but for the attention of men." Wenn Frauen also miteinander um den besten Job oder Erfolg kämpfen, so wie Pamela Dutkiewicz, so wie Beyoncé, so wie Adichie, dann sei das eben eine gute Sache.

Es darf bezweifelt werden, dass damit das emanzipatorische Projekt des Feminismus vorangetrieben wird. Vielmehr dürften viele junge Frauen, die ebenfalls den sehnlichsten Wunsch zum Abnehmen haben, bei dem von Dutkiewicz erwähnten Ernährungs-Team nun Tür und Tor einrennen. Dieses wird sich über die Gratiswerbung freuen.

Der persönliche Erfolg der Sportlerin ist damit freilich nicht geschmälert. Von der Rezeption in den Medien sollte man aber doch etwas kritische Distanz erwarten dürfen. Es ist ja nicht so, als gäbe es kein Problem mit Magersucht, die in Einzelfällen sogar tödlich verläuft.

Magersucht als gesellschaftliches Problem

Laut wissenschaftlichen Studien sind ca. ein Prozent aller Frauen von einer Anorexia nervosa im klinischen Sinne betroffen, nach den neueren Kriterien des DSM-5 von 2013 wahrscheinlich doppelt so viele. Die Häufigkeit bei Männern ist noch lange nicht klar. Vereinzelt finden Studien für sie ähnliche Zahlen, laut anderen Untersuchungen sind Frauen aber zehnmal so häufig davon betroffen.

Dabei sind diejenigen, die die Symptome des Störungsbildes zeigen, die eine Diagnose bekommen oder bei denen es so ernst ist, dass sie sogar im Krankenhaus behandelt werden, nur die Spitze des Eisbergs. Viel mehr Menschen haben Probleme mit ihrem Körperbild oder ihrem Essverhalten. Und gerade diesen ist mit dem Lobgesang auf das Abnehmen, mit der Verherrlichung des Wettbewerbs beileibe kein Gefallen getan.

Immer mehr Wettbewerb

Denken wir zum Schluss noch kurz über diesen Wettbewerb nach. Worum geht es in der Leichtathletik eigentlich? Um das Übertreffen der anderen: höher, weiter oder schneller zu sein als die Konkurrenz. Im Zweifel unterscheiden minimale Unterschiede darüber, wer aufs Siegertreppchen darf und wer nicht. Und diese Unterschiede hängen nicht nur von der Disziplin und Aufmerksamkeit der Athletin ab, sondern auch von dem Können des Trainers oder der Trainerin, vorhandenen Trainingsmöglichkeiten, physiotherapeutischer wie psychologischer Betreuung und und und …

Manche werden vielleicht sagen, es sei sinnlos, diesem Wettlauf um Medaillen ein ganzes Leben unterzuordnen - aber dass freie und vernünftige Menschen das Recht haben, sich dafür zu entscheiden. Wie frei ist man jedoch für die Entscheidung, wenn man schon als Kind, vielleicht im Alter von zehn Jahren, in dieses System kommt? Wenn die wesentlichen Bezugspersonen - man denke an Freunde/Freundinnen, Trainer/Trainerinnen - zum Sport gehören? Wenn dieser die primäre Bestätigungsquelle für eine heranwachsende Person ist? Kurzum, wenn man nichts anderes kennt?

Keine Zeit zur Reflexion

Bezeichnenderweise schreibt Pamela Dutkiewicz über ihre Laufbahn vor dem Bänderriss: "Sonst habe ich immer von Saison zu Saison gelebt und habe eigentlich immer an dem festgehalten, was ich gemacht habe, um mir die Chance auf die nächste Saison nicht zu verbauen." Es schien keinen Moment des Innehaltens gegeben zu haben, keinen geistigen Raum dafür, ein paar Schritte weiterzudenken als bis zu den nächsten Wettkämpfen.

Damit erinnert ihre Schilderung an das Schicksal der Turnerin Isabel in Sam de Jongs preisgekröntem Kurzfilm "Magnesium". Ihr steht bei der Qualifikation für die Europameisterschaft eine Schwangerschaft im Weg. De Jong, der selbst eine Vergangenheit als Schlittschuhläufer hat und den harten Konkurrenzdruck an der Amsterdamer Filmakademie miterlebt hat, zeichnet seine Figur ebenfalls ohne Fähigkeit zur Selbstreflexion, nur vom Gedanken an den Wettkampf getrieben.

Nur Erfolg wird belohnt

Natürlich muss eine Geschichte wie die von Dutkiewicz erfolgreich enden, um solch eine Medienwirkung zu entfalten. Für eine Verliererin hätte unsere Gesellschaft bestenfalls Mitleid, wahrscheinlich aber vor allem Häme übrig. Die Rezeption verrät wahrscheinlich mehr über unser Denken als über ihr Leben.

Wird es jetzt weniger Leistungsdruck im Sport geben? Werden sich weniger Mädchen auf die Waage stellen und auf die Zahlen schauen, als hinge das Schicksal der Welt davon ab? Werden weniger ihren Körper disziplinieren, um das Meiste aus sich selbst zu holen? Werden weniger heranwachsende Menschen sich selbst mit anderen vergleichen und es furchtbar finden, sich selbst als "das Andere" wahrzunehmen?

Wohl kaum.

Man kann die Erfolgsgeschichte der Leichtathletin loben und teilen; man kann aber auch derjenigen, die es nicht schafft, zu verstehen geben, dass sie so in Ordnung ist, wie sie ist. Ernsthaft.

Hinweis: Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" des Autors.

(Stephan Schleim)

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