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Mission erfolgreich: Körper unterworfen

Hürdenläuferin Pamela Dutkiewicz bei den Olympischen Spielen in Rio. Bild: Mfb222/CC BY-SA-4.0

Was haben Leichtathletik und Feminismus miteinander zu tun?

Die junge Hürdenläuferin Pamela Dutkiewicz wurde vor Kurzem dafür gefeiert, dass sie über den Leistungsdruck in der Leichtathletikwelt geschrieben hat. Beispielsweise wurde ihr bereits im März verfasster Artikel "Der Kampf mit meinem Körper" [1] unlängst auf Zeit Online aufgegriffen (Sie fühlte sich zu fett [2]). Dort wird daraus eine Geschichte über den Umgang von Frauen mit Übergewicht.

Frauenbilder in den Medien

Erinnern wir uns an die Diskussion über Frauenbilder in den Medien, beispielsweise in der Werbung. Berühmt geworden ist Doves "Self Esteem"-Kampagne, mit der Frauen dazu ermutigt werden sollten, ihren Körper zu akzeptieren (hier ein Beispiel für Mädchen [3]). Das Modelabel Lane Bryant bewarb unter der Überschrift "#ImNoAngel" [4] erotische Unterwäsche für Frauen mit Rundungen.

Nike Women thematisierte mit "Better for it" [5] die Neigung mancher Frauen, sich permanent mit anderen zu vergleichen. Und auch Slipeinlagen können feministisch sein, wenn Always mit "#LikeAGirl" [6] positive Frauenbilder darstellt.

Feminismus oder Konsumkultur?

Es geht dabei vordergründig um Emanzipation - der Funktion von Werbung nach aber natürlich ums Konsumieren von Produkten, die zu einem besonders schönen, attraktiven und/oder reinen Körper führen sollen. Ob man so den traditionellerweise hohen Stellenwert des Äußeren für Frauen überwinden kann, darf bezweifelt werden. Dann bräuchte ja schließlich auch niemand mehr die beworbenen Mode-, Sport- und Beauty-Produkte zu kaufen.

Auf die Spitze getrieben hat dieses "Femvertising" kein Geringerer als der Modepapst Karl Lagerfeld. Dieser ließ die Top-Models für die Frühjahr-Winter-Kollektion 2015 von Chanel in einem gespielten Protestzug feministische Slogans skandieren [7] (oder wurde doch nur eine Aufzeichnung abgespielt?). Auf die Frage, ob er Feminist sei, würde er vielleicht antworten: Im Frühjahr/Sommer 2015 schon. Es hat sich mit Sicherheit in barer Münze ausgezahlt.

Traditionelles "Femvertising"

Dabei dürften Modeshows mit ihren auf Schönheit getrimmten, dressiert über Laufstege laufenden Püppchen - analog gilt das natürlich auch zunehmend für Männermode - mit das Unfeministischste sein, was man sich vorstellen kann; jedenfalls dann, wenn man sich Emanzipation als eine Bewegung zur Selbstbestimmung vorstellt, nicht zur Anpassung. Dabei ist nur das Wort "Femvertising" neu, die Idee dahinter nicht:

Es gab immer wieder geschickte Versuche, gezielt Frauen als Käuferinnen anzusprechen, etwa schon, als die Zigarettenindustrie ihre Glimmstengel in den 1920er Jahren als "Freiheitsfackeln" [8] (Torches of Freedom) bewarb. Rauchen war damals für Frauen verpönt. Im Zuge der zweiten Welle des Feminismus in den 1960ern gab es dann auch besonders schlanke Zigaretten [9] für Frauen.

Eine Erfolgsfrau

Das Bild einer jungen Hürdenläuferin wie Pamela Dutkiewicz ist natürlich an sich schon feministisch: Eine Frau, die diszipliniert und hart arbeitet, um zu immer neuen Höhen zu gelangen; die wörtlich wie bildlich immer mehr Hürden nimmt; die im Wettbewerb nicht nachgibt, um Zehntel- oder gar nur Hundertstelsekunden schneller als die - bis auf Weiteres allerdings nur weibliche - Konkurrenz zu sein. Wenn diese Frau dann auch noch das System Sport kritisiert, was könnte emanzipatorischer sein?

Also wurde ich immer wieder auf die Waage gestellt und alles wurde dokumentiert. Für mich war das eine absolute Erniedrigung. Es war mir peinlich. Und da hat es auch angefangen, dass ich sehr unregelmäßig gegessen habe. Ich wusste beispielsweise, mittwochs werde ich gewogen. Also habe ich schon einmal den ganzen Mittwoch lang nichts gegessen und wenig getrunken - spart ja auch Gewicht.

Pamela Dutkiewicz [10]

Vom Leistungswillen zur Essstörung

Dass ausgerechnet eine Leichtathletin furchtbare Angst davor hat, auf einem Pressefoto könnte man irgendwo ein Speckröllchen sehen, hätten viele wohl für unmöglich gehalten. Übergewicht im medizinischen Sinne, wie es der Zeit-Artikel suggeriert, dürfte aber eher nicht vorgelegen haben; vielmehr eine Essstörung, die so weit ging, dass die junge Frau sich eine Zeit lang nur von einem Apfel am Tag und Tee ernährte.

Wie hat die Sportlerin ihr Dilemma schließlich aufgelöst? Sie versuchte es mit verschiedenen Ernährungsberatern. Bei einem habe sie innerhalb eines halben Jahres einige Kilo abgenommen, in den folgenden eineinhalb Jahren jedoch nicht mehr. Das hat ihr nicht gereicht. Die Veränderung kam erst durch einen Bänderriss, jedoch anders, als man sich das vielleicht denken würde: "Aber das war mein Segen - weil ich endlich Zeit hatte."

Gesund! Was für eine Enttäuschung

Diese Zeit nutzte Pamela Dutkiewicz weiter zur Problemsuche in sich selbst. Ein ausführlicher medizinischer Test ergab, dass sie körperlich gesund war. Darüber war sie "super enttäuscht". Danach geriet sie aber an ein Team von einem Arzt und einem Ernährungswissenschaftler, die ihre Ernährung anpassten: Nur drei Hauptmahlzeiten statt wie vorher drei Haupt- plus zwei Nebenmahlzeiten am Tag; dafür durfte sie morgens essen, was sie wollte, sogar Schokolade, die es bei ihr seit Jahren nicht gegeben habe.

Man wundert sich, dass mit dieser Umstellung endlich gelang, was viele Jahre zuvor nicht möglich gewesen war: Die Leichtathletin verlor zehn Kilo, scheinbar ganz von selbst: "Ich habe nie gedacht, dass man bei meinem Körper mal Bauchmuskeln sehen würde. Endlich bin ich selbstbewusst, wenn ich auf der Bahn stehe."

Ein neunjähriger Kampf mit sich selbst

Ein sage und schreibe neunjähriger innerer Kampf war gewonnen; der Körper war besiegt und der Vorstellung unterworfen. Das Ist-Bild war dem Soll-Bild angepasst. Der große Gewichtsverlust und die Fähigkeit, auf der Startbahn endlich konzentriert zu sein, mögen den Einen oder die Andere allerdings an den Einfluss von Medikamenten denken lassen. Doch darum soll es hier nicht gehen.

Denken wir noch einmal an das Femvertising, das die Botschaft transportierte: Akzeptiere dich so, wie du bist. Dieses sollte Frauen gerade dabei helfen, die starke Fokussierung auf ihren Körper zu überwinden. Die in klassischen sowie sozialen Medien vielfach gelobte Erfolgsgeschichte der Leichtathletin geht jedoch in einer ganz andere Richtung: Kämpfe so lange gegen deinen eigenen Körper, bis du dem Ideal entsprichst, so dünn wie möglich zu sein.

Anpassung wird belohnt

Es scheint wirklich nicht einfach zu sein, eine Frau zu sein. Selbst eine Leichtathletin muss nicht nur schnell sein; nein, man muss auch ihre Bauchmuskeln sehen können. Das System, das den Menschen so viel Stress, Leistungsdruck und Demütigungen am laufenden Band zumutet, wird nicht grundlegend kritisiert, sondern über das Lob der Erfolgsgeschichte sogar instandgehalten. Eine kritische Reflexion sucht man vergebens.

Man fühlt sich an die erfolgreiche Popmusikerin Beyoncé erinnert, die einerseits in ihrem Video "Pretty Hurts" [11] eben diese Demütigungen und den Kampf gegen den eigenen Körper auf dem Weg zum Erfolg kritisiert und Perfektion als Krankheit bezeichnet, andererseits aber mit Schönheitskliniken Geld verdient.

Kampf der Frauen gegeneinander

Ein Zwiespalt wird auch in ihrem Song "Flawless" deutlich, in dem sie die feministische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie zu Wort kommen lässt: "We raise girls to see each other as competitors - not for jobs or for accomplishments, which I think can be a good thing, but for the attention of men." Wenn Frauen also miteinander um den besten Job oder Erfolg kämpfen, so wie Pamela Dutkiewicz, so wie Beyoncé, so wie Adichie, dann sei das eben eine gute Sache.

Es darf bezweifelt werden, dass damit das emanzipatorische Projekt des Feminismus vorangetrieben wird. Vielmehr dürften viele junge Frauen, die ebenfalls den sehnlichsten Wunsch zum Abnehmen haben, bei dem von Dutkiewicz erwähnten Ernährungs-Team nun Tür und Tor einrennen. Dieses wird sich über die Gratiswerbung freuen.

Der persönliche Erfolg der Sportlerin ist damit freilich nicht geschmälert. Von der Rezeption in den Medien sollte man aber doch etwas kritische Distanz erwarten dürfen. Es ist ja nicht so, als gäbe es kein Problem mit Magersucht, die in Einzelfällen sogar tödlich verläuft.

Magersucht als gesellschaftliches Problem

Laut wissenschaftlichen Studien [12] sind ca. ein Prozent aller Frauen von einer Anorexia nervosa im klinischen Sinne betroffen, nach den neueren Kriterien des DSM-5 von 2013 wahrscheinlich doppelt so viele. Die Häufigkeit bei Männern ist noch lange nicht klar. Vereinzelt finden Studien für sie ähnliche Zahlen, laut anderen Untersuchungen sind Frauen aber zehnmal so häufig davon betroffen.

Dabei sind diejenigen, die die Symptome des Störungsbildes zeigen, die eine Diagnose bekommen oder bei denen es so ernst ist, dass sie sogar im Krankenhaus behandelt werden, nur die Spitze des Eisbergs. Viel mehr Menschen haben Probleme mit ihrem Körperbild oder ihrem Essverhalten. Und gerade diesen ist mit dem Lobgesang auf das Abnehmen, mit der Verherrlichung des Wettbewerbs beileibe kein Gefallen getan.

Immer mehr Wettbewerb

Denken wir zum Schluss noch kurz über diesen Wettbewerb nach. Worum geht es in der Leichtathletik eigentlich? Um das Übertreffen der anderen: höher, weiter oder schneller zu sein als die Konkurrenz. Im Zweifel unterscheiden minimale Unterschiede darüber, wer aufs Siegertreppchen darf und wer nicht. Und diese Unterschiede hängen nicht nur von der Disziplin und Aufmerksamkeit der Athletin ab, sondern auch von dem Können des Trainers oder der Trainerin, vorhandenen Trainingsmöglichkeiten, physiotherapeutischer wie psychologischer Betreuung und und und …

Manche werden vielleicht sagen, es sei sinnlos, diesem Wettlauf um Medaillen ein ganzes Leben unterzuordnen - aber dass freie und vernünftige Menschen das Recht haben, sich dafür zu entscheiden. Wie frei ist man jedoch für die Entscheidung, wenn man schon als Kind, vielleicht im Alter von zehn Jahren, in dieses System kommt? Wenn die wesentlichen Bezugspersonen - man denke an Freunde/Freundinnen, Trainer/Trainerinnen - zum Sport gehören? Wenn dieser die primäre Bestätigungsquelle für eine heranwachsende Person ist? Kurzum, wenn man nichts anderes kennt?

Keine Zeit zur Reflexion

Bezeichnenderweise schreibt Pamela Dutkiewicz über ihre Laufbahn vor dem Bänderriss: "Sonst habe ich immer von Saison zu Saison gelebt und habe eigentlich immer an dem festgehalten, was ich gemacht habe, um mir die Chance auf die nächste Saison nicht zu verbauen." Es schien keinen Moment des Innehaltens gegeben zu haben, keinen geistigen Raum dafür, ein paar Schritte weiterzudenken als bis zu den nächsten Wettkämpfen.

Damit erinnert ihre Schilderung an das Schicksal der Turnerin Isabel in Sam de Jongs preisgekröntem Kurzfilm "Magnesium" [13]. Ihr steht bei der Qualifikation für die Europameisterschaft eine Schwangerschaft im Weg. De Jong, der selbst eine Vergangenheit als Schlittschuhläufer hat und den harten Konkurrenzdruck an der Amsterdamer Filmakademie miterlebt hat, zeichnet seine Figur ebenfalls ohne Fähigkeit zur Selbstreflexion, nur vom Gedanken an den Wettkampf getrieben.

Nur Erfolg wird belohnt

Natürlich muss eine Geschichte wie die von Dutkiewicz erfolgreich enden, um solch eine Medienwirkung zu entfalten. Für eine Verliererin hätte unsere Gesellschaft bestenfalls Mitleid, wahrscheinlich aber vor allem Häme übrig. Die Rezeption verrät wahrscheinlich mehr über unser Denken als über ihr Leben.

Wird es jetzt weniger Leistungsdruck im Sport geben? Werden sich weniger Mädchen auf die Waage stellen und auf die Zahlen schauen, als hinge das Schicksal der Welt davon ab? Werden weniger ihren Körper disziplinieren, um das Meiste aus sich selbst zu holen? Werden weniger heranwachsende Menschen sich selbst mit anderen vergleichen und es furchtbar finden, sich selbst als "das Andere" wahrzunehmen?

Wohl kaum.

Man kann die Erfolgsgeschichte der Leichtathletin loben und teilen; man kann aber auch derjenigen, die es nicht schafft, zu verstehen geben, dass sie so in Ordnung ist, wie sie ist. Ernsthaft.

Hinweis: Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" [14] des Autors.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3821826

Links in diesem Artikel:
[1] https://www.wortathleten.de/der-kampf-mit-meinem-koerper/
[2] http://www.zeit.de/sport/2017-08/pamela-dutkiewicz-leichtathletik-wm-huerdensprinterin-gewicht/komplettansicht
[3] https://www.youtube.com/watch?v=c96SNJihPjQ
[4] https://www.youtube.com/watch?v=koSIq5BzXi8
[5] https://www.youtube.com/watch?v=WF_HqZrrx0c
[6] https://www.youtube.com/watch?v=yIxA3o84syY
[7] https://youtu.be/emkZ5rVIv7Q?t=9m15s
[8] http://www.elle.com/culture/g8780/history-of-feminist-ads/?slide=3
[9] http://www.elle.com/culture/g8780/history-of-feminist-ads/?slide=7
[10] https://www.wortathleten.de/der-kampf-mit-meinem-koerper/
[11] https://www.youtube.com/watch?v=LXXQLa-5n5w
[12] https://link.springer.com/article/10.1007/s11920-012-0282-y
[13] https://vimeo.com/67077975
[14] http://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/