Mission erfüllt

Mathias Bröckers im Literarischen Salon der Uni Hannover

Zweifel müssen erlaubt sein und Fragen gestellt werden - auch und gerade angesichts der schrecklichen Ereignisse des 11. Septembers. Und Fragen und Zweifel meldet der Journalist Mathias Bröckers an. Seit September in der mittlerweile bei Folge 33 angelangten Telepolis-Serie “The WTC Conspiracy". Und am vergangenen Montag auf einem Vortrag vor gut 130 vorwiegend studentischen Zuhörern im Literarischen Salon der Universität Hannover.

Auch an diesem Abend ging es natürlich um das, was der 47-Jährige provokant “die größte Weltverschwörung aller Zeiten" nennt. Und dahinter verbergen sich keineswegs als konspirative Gruppe die Leute um Usama bin Ladin, sondern ... Nun, wenn das mal so einfach wäre. Viel zu einfach haben es sich nach Meinung des ehemaligen Kulturchefs der “taz" jedenfalls die Medien gemacht, die beinahe geschlossen die Version der US-Regierung sofort übernommen hätten, und die jetzt erst langsam anfingen, die amtliche Lesart aus dem präsidialen Hause Bush skeptisch zu hinterfragen.

Das Material, mit dem Bröckers die gängigen Erklärungsversuche zerpflückt oder - wie er es nennt - dekonstruiert, stammen dabei vorwiegend aus dem Internet. Kleine Nachrichten-Fundstücke, auf die er in den Online-Ausgaben internationaler Zeitungen stößt. Und die er anschließend zusammenfügt zu einem neuen Ganzen, das zwar selbst wie eine gleichsam Gegen-Verschwörungstheorie klingt, aber dennoch konsequent der Aufklärung verpflichtet bleibt.

Erstaunlich für den, der nicht mit der Materie befasst ist, sind vor allem die vielen offenen Fragen rund um die Anschläge. “Fünf Minuten nach dem Einschlag des ersten Flugzeugs", sagt Bröckers, “war die Theorie 'Bin Ladin' in der Welt, einen Tag später kamen die Namen der vermutlichen 19 Hijacker hinzu, und ihr konspiratives Terror-Netzwerk 'al-Qaida'." Zu diesem Stand vom 12. September seien seitdem keine weiteren Belege über die Verbindung der Hijacker mit “al-Qaida" hinzugekommen. Bis auf das für ihn eher zweifelhafte Bin-Laden-Video.

Ganz im Gegenteil: Sieben von acht Flugschreibern blieben seltsamerweise verschwunden. Eine in Millionen Dollar Höhe kurz vor den Anschlägen erfolgte gezielte Finanzspekulation an der Börse habe Insiderwissen vorausgesetzt, dies sei aber als Spur nicht weiterverfolgt worden. Genau so wenig wie die Behauptung, dass der vermeintliche Haupttäter Mohammed Atta auf der Gehaltsliste des pakistanischen Geheimdienstes ISI stünde, “dem stabilsten Brückenkopf und Partner der CIA in der Krisenregion".

Mysteriös blieben auch die guten geschäftlichen Verbindungen zwischen den Familien Bush und Bin Laden, wobei letztere die von ihrem Sprössling Usama angeblich so gehassten US-Militäranlagen in Saudi-Arabien miterbaut habe. Ein Milliardengeschäft für das Bin-Laden-Bauunternehmen. Und neben all diesen Fakten und Spekulationen, die ausführlich in der Serie “The WTC Conspiracy" nachzulesen sind, präsentierte Bröckers an diesem Abend im Literarischen Salon noch gar sonderbare Anekdoten. So habe, erzählte er, der jahrelang mit der Verfolgung von Usama Bin Ladin befasste FBI-Agent John O'Neill wenige Wochen vor dem Anschlag seinen Job hingeworfen, weil er sich bei seinen Ermittlungen vom CIA und dem US-Außenministeriums behindert fühlte. Anfang September wurde er Sicherheitschef ausgerechnet im World Trade Center und dann am 11.9. Opfer des Anschlages.

Ja, an diesem Abend durfte tatsächlich fröhlich und bisweilen gewaltig spekuliert werden, auch unter den Zuhörern, die sich nicht nur in der anschließenden Diskussion daran gern beteiligten. Und die sich sogar auf das doch zweifelhafte Unternehmen einließen, die Zahl der Toten des World-Trade-Center-Anschlags mit den zivilen Opfern des Afghanistan-Krieges zu vergleichen.

Skepsis gegenüber dem Skeptiker Bröckers kam also kaum auf, eher wurde nach weiteren Belegen seiner Thesen gefragt. Und so war Bröckers mit dem Verlauf der Veranstaltung auch sichtbar zufrieden: “Wenn es mir gelingt, die herrschende Verschwörungstheorie zu dekonstruieren, dann habe ich meine Mission erfüllt." Das ist ihm ohne Zweifel gelungen. Und eine Mission zu haben, ist ja schließlich auch was Feines.

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