Misstrauen und fehlende Wertschätzung

Eva Ruth Wemme zur Situation der Roma in Deutschland

Eva Ruth Wemme veröffentlichte im Mai diesen Jahres das Buch "Meine 7000 Nachbarn" im Verbrecher Verlag, in dem sie die Probleme von Roma schildert, die aus Rumänien nach Deutschland ziehen. Angesichts der Flüchtlingsproblematik, der sich Europa derzeit ausgesetzt sieht, gehen die Schwierigkeiten der Roma in Deutschland im Medientrubel teilweise unter. Ein zweiter Blick lohnt sich aber. Der Umgang mit den Roma ist häufig noch von Stereotypen geprägt. Wie sich eine Dolmetscherin aus dem Rumänischen zwischen den verschiedenen Seiten positioniert, erfährt man im folgenden Gespräch.

Auf welche Probleme stoßen Sie in ihrer Arbeit als Dolmetscherin für Roma in Berlin?
Eva Ruth Wemme: Ich stoße, anders als in den üblichen Dolmetschersituationen, hauptsächlich auf die offensichtlichen Probleme meiner Klienten. Im Übrigen dolmetsche ich ja nicht ausdrücklich für Roma, sondern für Neuzugewanderte aus Rumänien.
Was aber das Dolmetschen selbst anbelangt, wird es manchmal durch die Art des Verhältnisses zwischen den Sprechenden erschwert. Zwischen zwei Menschen zu übersetzen, die einander mit Misstrauen und vorgefertigten Erwartungen zuhören, das macht diese Arbeit zu einem diplomatischen Akt. Hin und wieder begegne ich rassistischen Reaktionen oder Provokationen, dann gibt es nichts mehr zu dolmetschen, nur noch zu schützen.
Die Roma aus Rumänien sind seit 2007 EU-Bürger. Doch EU-Bürger ist nicht gleich EU-Bürger. Welche bürokratischen Hürden müssen die Neuankömmlinge im Bundesland Berlin überwinden?
Eva Ruth Wemme: Vielleicht sind die Hürden für Rumänen gar nicht mal mehr so viel schwerer zu nehmen als für andere EU-Bürger, so war es bis vor Kurzem. Inzwischen gilt die volle Freizügigkeit. Aber die einzelnen, notwendigen Schritte - die Voraussetzungen - sind für EU-Bürger, die aus ärmlichen Verhältnissen stammen und eventuell noch den Roma angehören, schwerer zu erfüllen, manchmal gar nicht.
Eine polizeiliche Anmeldung ... das scheint ziemlich einfach. Aber eine (nicht einmal annehmbare) Wohnung mit offiziellem Mietvertrag zu bekommen, ist sehr schwer, oft unerreichbar. Ohne Anmeldung sind alle weiteren Schritte aber nicht möglich. Dann das Problem der Krankenversicherung. Da handelt es sich um eine bürokratische Hürde, die für viele nur sehr schwer zu nehmen ist.
Das Hauptproblem ist nicht die Bürokratie, sondern die prinzipielle Unmöglichkeit für sehr viele, in Deutschland mittelfristig eine stabile Lebenssituation zu erlangen. Sich über Wasser halten, Gelegenheitsjobs, Minijobs - das mag gehen. Sobald aber Ausbildung, Festanstellung etc. angestrebt werden, wird deutlich, dass Herkunft und ethnische Zugehörigkeit die Haupthürde ausmachen.
Sie wollten weg vom Schreibtisch und das Rumänische im Umgang mit Menschen einsetzen. Denken Sie, dass sich viele Stereotypen auflösen könnten, wenn mehr Leute nicht allein in der Presse über Roma läsen, sondern sich in direkten Dialog mit den Menschen begäben?
Eva Ruth Wemme: Manchmal denke ich, dass es so sein könnte. Miteinander zu sprechen könnte ein erster Schritt sein. Dann aber bin ich wieder skeptisch. Vielleicht kann ein Gespräch die schlimmsten Ängste nehmen. Aber es braucht schon deutlich mehr, um die Stereotypen aufzulösen. Zu allererst den Willen, sich die eigenen Vorstellungen und kleinen Rassismen langfristig, konsequent und selbstkritisch vorzunehmen, statt sich blind auf das Fremd- oder Feindbild zu konzentrieren. Auch in einem Gespräch hört man ja hauptsächlich das, was man hören will.
Eva Wemme. Bild: Nane Diehl
In einigen der kleinen Kapitel beschreiben sie bestehende Stereotypen. Gibt es Wege, aus dem Teufelskreis von Diskriminierungen und Selbstbildern zu entkommen?
Eva Ruth Wemme: Einen Kreis zu verlassen, dazu braucht es die Entscheidung, eine andere Richtung einzuschlagen oder wenigstens stehen zu bleiben und sich neu zu orientieren. Vor diese Situation sind alle gestellt, sowohl die "Gadsche" (Nicht-Roma) als auch die Roma. Mit verschiedenen Vorzeichen allerdings, um es einmal harmlos zu formulieren.
In Ihrem Buch "Meine 7000 Nachbarn" finden sich poetische Stellen wie folgende: "'Danke', sage ich zu ihr und erwische die übernächste Bahn, die endlich wieder pünktlich fährt, weil Tulipa den Schnee in den Weichen hat endgültig tauen lassen." (Tulipa ist in dem Kontext ein Frauenvorname wie Rose oder Jasmin.) Kann Literatur besser als ein journalistischer Sachbericht die 7000 Nachbarn in Berlin einem Lesepublikum vorstellen?
Eva Ruth Wemme: Das möchte ich nicht behaupten. Aber es ist mein Weg gewesen. Ich habe die Mittel eingesetzt, die ich zur Verfügung habe, um dem Leser eine bestimmte Wirklichkeit erfahrbar zu machen. Ein guter Bericht nimmt seine Leser ja ebenfalls auf seine Weise "an die Hand".
Im Zusammenhang mit dem, was ich sagen wollte, hat sich mir die Idee zu einem sachlichen Bericht grundsätzlich nicht eingestellt. Ich wollte Individuen und ihre Begegnungen beschreiben und damit die Hoffnung zerstreuen, dass es etwas allgemeingültig Wahres über die übrigens nur sehr schwer definierbare Begrifflichkeit "Roma" zu erfahren und sinnvoll zu formulieren ist. Auch im Zusammenhang der "Neuzuwanderung" nicht. Gute journalistische Sachliteratur gibt es allerdings auch zu diesem Thema. Ich selbst bin ja gar keine "Expertin", da gibt es andere.
Die kleinen Geschichten, die Sie erzählen, zeigen einen Alltag voll von Sorgen und Engpässen, immer wieder durch positive Entwicklungen aufgelockert. Würden Sie das Buch daher als politischen Appell verstehen, an den Lebensverhältnissen der Roma in Berlin konkret etwas zu ändern?
Eva Ruth Wemme: Nein, das Buch ist kein Appell, dann hätte ich anders formuliert. In Berlin gibt es viele Stellen, die immer wieder mit den Politikern ins Gespräch treten, Berichte liefern, Appelle aussprechen. Darunter - neben Amaro Foro - auch die Kollegen der Anlaufstelle für Neuzugewanderte aus Südosteuropa im Nachbarschaftsheim, bei der ich arbeite. Politik wird nicht mit Büchern gemacht, das wäre naiv zu glauben.
Gab es schon Feedback von den verantwortlichen Stellen?
Eva Ruth Wemme: Die verantwortlichen Stellen kennen meine Kollegen und mich schon länger als das Buch. Man hat das Buch dort bestellt, wirkliche Neuigkeiten sind für die, die dort arbeiten, im Buch nicht enthalten. Die Situation ist bekannt. Das Buch wird aber gern als Präsent für den jeweils höheren Besuch genutzt.
Sie schildern den Roma-Alltag in Berlin, weil Ihr eigener Lebensmittelpunkt dort liegt. Wären denn die Probleme im ländlichen Raum andere? Denken Sie denn, dass Sie eine dezidierte Großstadtperspektive schildern?
Eva Ruth Wemme: Ich habe beschrieben, was ich gesehen habe. Ich glaube, dass man die Situation nicht unbedingt nach Stadt und Land einordnen und unterscheiden kann. Sicherlich gibt es Orte, an denen manche Dinge leichter sind, anderswo ist es schwerer. In Berlin ist die Wohnungssituation schlimm, dafür findet man besser Arbeit. Anderswo ist es umgekehrt. Die meisten Leute, die ich kenne, sind allerdings tatsächlich in Großstädte gezogen. Allerdings gibt es auch eine Migration aufs Land, sogar nach Brandenburg. Wie ich hörte, lebt es sich dort einigermaßen, allerdings auch nur vom Metallsammeln und im besten Falle vom Treppenputzen.
Sie meinten, es wären auch Freundschaften aus Ihrer Arbeit entstanden. Könnten Sie sich persönlich auch eine distanzierte Haltung vorstellen? In Berufen, die mit Menschen zu tun haben, ist das Verhältnis zwischen Nähe und Distanz je neu zu bestimmen. Wie gehen Sie damit um? Welche Grenzen setzen Sie Ihren Klienten?
Eva Ruth Wemme: Ich habe keine grundsätzliche Haltung zu irgendwem, sieht man mal von einer prinzipiellen Freundlichkeit ab. Die Nähe, die sich während der Arbeit herstellt, bestimme ich genauso wie die Klienten. Tatsächlich gibt es ein paar Frauen, zu denen mein Verhältnis freundschaftlich geworden ist. Anderen begegne ich distanzierter. Natürlich gibt es immer das Risiko, dass die Probleme einer Person, die mir näher steht, mich stärker berühren oder mich nicht loslassen. Aber darin sehe ich keinen Makel. Manchmal sehe ich es eher als verpflichtend an, sich von Problemen bestimmter Art auch persönlich beeindrucken zu lassen. Wie sonst sollte sonst jemals etwas in Bewegung geraten, wenn alles einen kalt ließe?
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