Mit 3D-Druckern die Obdachlosigkeit und das Leben in Slums beenden?

Ein Doppelhaus wurde bereits fertiggestellt. Bild: New Story

Eine US-Stiftung "druckt" die erste Siedlung für Arme in Mexiko

Fast 900 Millionen Menschen leben nach UN Habitat in Slums oder in Unterkünften, die nicht menschenwürdig sind. Aber auch in den reichen Ländern spricht man von einer wachsenden Wohnungslosigkeit, weil es nicht genügend erschwinglichen Wohnraum auch für Geringverdiener in den Gebieten gibt, in denen Arbeitsmöglichkeiten vorhanden sind. In den besonders teuren Städten nimmt die Obdachlosigkeit zu. Eine amerikanische Stiftung, die seit 2014 Unterkünfte für notleidende Familien in Lateinamerika baut, verspricht nun die Lösung. New Story hat ein Projekt mit Icon, Hersteller von 3D-Druckern, begonnen, eine Ansiedlung von 50 neuen Häusern in Mexiko zu bauen bzw. sie auszudrucken.

New Story will damit ein Zeichen setzen und demonstrieren, dass sich mit relativ wenig Geld - über das wir freilich nicht informiert werden - angeblich allen Menschen eine feste Behausung mit einer Größe verschafft werden kann, die über eine Minimallösung oder ein tiny house hinausgeht, wie es sich derzeit manche zum (vorübergehenden) Austritt aus der Überflussgesellschaft bauen.

Für die erste 3D-gedruckte Siedlung musste freilich der 10 Meter lange 3D-Drucker Vulcan II aus den USA nach Tabasco in Südmexiko gebracht werden. Das hat länger als gedacht gedauert. Zunächst gab es am zuerst geplanten Ort Schwierigkeiten, das Land zu erhalten. Dann traten an der Grenze Schwierigkeiten auf. Die unbekannte Technik ins Land zu lassen, was ein Vierteljahr gedauert haben soll. Der neue Ort stellte auch neue Anforderungen. Es ist ein Erdbebengebiet, also mussten die Häuser möglichst erdbebensicher ausgelegt werden. Und dann trat noch ein Problem auf: Der Drucker kam zur Regenzeit an, keine optimale Bedingung. Aber er kann die Feuchtigkeit messen und die Mischung der ausgedruckten Betonstreifen daran auch während der Veränderungen am Tag anpassen.

Die Materialien zum Druck sollen aus der Umgebung stammen, Abfall soll keiner entstehen. Hervorgehoben wird, dass Häuser innerhalb von 24 Stunden gedruckt werden. Mit einer Technik können viele Strukturen hergestellt werden: Fundament, Wände, Abdichtung, innere und äußere Ummantelung, Feuchtigkeitsbarriere, bearbeitete Oberflächen etc. Zudem gebe es große Freiheit und Flexibilität für die Gestaltung.

Ausgedruckt wurden die ersten beiden eingeschossigen Häuser mit Flachdächern gleichzeitig. 24 Stunden seien dafür notwendig gewesen, allerdings verteilt auf mehrere Tage. Der Drucker kann allerdings nur die Böden und die Wände "drucken", die übrigen Baumaßnahmen wurde durch die lokale Hilfsorganisation Echale a Tu Casa ausgeführt, die ebenfalls für arme Menschen Unterkünfte schafft und dabei Jobs für die lokale Bevölkerung schafft. Die Häuser haben eine Grundfläche von etwa 46 Quadratmeter mit einem Wohnzimmer, zwei Schlafräumen, einer Küche und einem Bad. Das ist nicht viel, aber die Räume sind im Unterschied zu den selbst gebauten Slumunterkünften trocken, gegen Erdbeben gesichert und haben Strom und fließendes Wasser und sind an die Kanalisation angeschlossen.

Der 3D-Drucker von Icon. Bild: New Story

Land und Infrastruktur wie Strom, Straßenanbindung und Kanalisation stellt die lokale Verwaltung zur Verfügung. Sie wählt dann auch die Familien aus, die einziehen dürfen. Sie sollen durchschnittlich monatlich weniger als 80 US-Dollar an Einkommen haben, aber 20-30 Prozent ihres Einkommens zahlen, um ein Haus zu ihrem Eigentum zu machen. Vorgesehen sind 400 Pesos Abzahlung monatlich über sieben Jahre. Dann gehören die Häuser den Familien. Die Gelder werden in einen Investmentfonds eingezahlt, später sollen die Familien entscheiden können, was damit geschehen soll. Auffällig ist, dass die realen Kosten nicht genannt werden. In ländlichen Gegenden mögen die Bodenpreise zu vernachlässigen sein, Infrastruktur ist schon eine andere Sache. Selbst wenn das die Gemeinden stellen, bleiben die Restkosten, die von der Stiftung getragen werden.

Wie viel es kostet, ein Haus auszudrucken und den Rest von Handwerkern ausbauen zu lassen, wäre mithin schon interessant zu wissen. Wird auch die Möblierung gestellt? Behauptet wird, dass das Drucken billiger und schneller sei, als wenn man ein Haus mit herkömmlicher Technik und Bauarbeitern errichtet. Auch wenn das stimmt, wäre die Frage, ob dadurch nicht Arbeitsplätze wegfallen und mehr Armut geschaffen wird, die man ja gerade lindern will. Und ob die Wohnungslosigkeit gerade in boomenden Städten mit explodierenden Bodenpreisen durch das Ausdrucken von kleinen Einfamilienhäusern gelöst werden kann, ist ziemlich unwahrscheinlich. Abgesehen davon, ob die möglichst billig ausgedruckten Häuser auch so schick eingerichtet werden wie die ersten Musterhäuser.

New Story hat mit der lokalen Verwaltung auch noch ausgehandelt, dass die Bewohner der Mustersiedlung durch den Masterplan "Zugang zu grünen Räumen, Parks, Angeboten der Kommune und grundlegender Infrastruktur" haben. Das mag auf dem Land in Tabasco möglich sein, aber in Mexico City wird das schon anders aussehen. Zudem könnte die Idee die weitere Zersiedlung und Versiegelung des Bodens fördern, auch nicht unbedingt eine positive Entwicklung. Eine neue Technik löst nicht wirklich die Probleme, wenn die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen nicht verändert werden. Sie wird aber neue Zwänge einführen, die politische, wirtschaftliche und soziale Folgen haben. (Florian Rötzer)