Mit Google Business Photo kommt Street View ins Haus

Nach Maps und Street View zeichnet sich mit Google Business Photo ein weiteres Projekt des Internetunternehmens aus Mountain View ab, das die reale Welt virtualisieren will

Noch sind die Seiten für Google Business Photo nicht freigeschaltet und anders als bei Street View sieht man keine auffälligen Fahrzeuge mit auf dem Dach montierten Kameras durch die Städte fahren. Doch seit geraumer Zeit sucht Google auch in Deutschland freie Fotografen und Agenturen, die das benötigte Bildmaterial beisteuern sollen. Google macht dabei dezidierte Vorgaben, bezahlt aber Nichts. Der Fotograf darf sich bei Google bewerben und durchläuft ein Zertifizierungsverfahren, an dessen Ende er sich als von Google zertifizierter Fotograf bezeichnen darf. Google gibt genau vor, welche Ausrüstung der Fotograf einsetzen darf. Nur Kameras von Nikon und Canon sollen zugelassen sein und auch die Objektiv-Auswahl ist auf bestimmte Muster mit einer Brennweite von 8 mm begrenzt, denn Google liebt das mit dem Fischauge aufgenommene Panorama.

Als Auftraggeber für die Fotografen hat man sich in Kalifornien Restaurantbetreiber und Ladenbesitzer ausgesucht, die man dafür gewinnen will, den Nutzern von Maps oder Street View einen Einblick in ihre Lokale zu geben, damit sich der potenzielle Kunde einen ersten Eindruck verschaffen kann, bevor sie sich auf den Weg in das entsprechende Geschäft begibt. Wie schon bei Street View werden die Innenräume als 360°-Panorama wiedergegeben. Außenpanoramen scheinen in Deutschland jedoch nicht vorgesehen. Einzelne Elemente wie Speisekarten sollen als gesonderte Aufnahme so fotografiert werden, dass sie online lesbar sind.

Abmahnanwälte, die sich auf lückenhafte Angaben in Speisekarten konzentrieren wollen, sollten sich das neue Google-Projekt näher ansehen. Gesichter und KFZ-Kennzeichen stehen leider für einschlägige Recherchen nicht zur Verfügung, denn die löscht Google automatisch. Die Vorgabe, dass das Urheberrecht an den Fotos nicht bei Dritten liegen darf, scheint einer schlampigen Übersetzung geschuldet zu sein, da das Urheberrecht hierzulande im Gegensatz zum amerikanischen Copyright nicht abgetreten werden kann.

Ihre Auftraggeber müssen die Fotografen jeweils selbst suchen. Einen Gebietsschutz scheint es nicht zu geben und bezahlt werden müssen die Fotografen dann auch von den Auftraggebern vor Ort. Als Hilfsmittel für das Verhältnis zwischen dem Auftraggeber und dem Fotografen stellte Google ein Formblatt für eine "Vereinbarung über fotografische Dienstleistungen" zur Verfügung. Wie nicht anders zu erwarten, dienen die Formulierungen dieser Dienstleistungsvereinbarung offensichtlich in erster Linie dazu, Google von Rechten und Ansprüchen Dritter zu befreien. So muss der zertifizierte Fotograf alle Eigentumsrechte an den Fotos einschließlich der gewerblichen Schutzrechte an das auftraggebende Unternehmen übertragen.

Zudem muss er erklären, dass zu keinem Zeitpunkt Urheberpersönlichkeitsrechte, die er möglicherweise an den Fotos hat, geltend macht, bzw. auf diese verzichtet. Des Weiteren muss er alle Urheberpersönlichkeitsrechte an solchen Fotos an das auftraggebende Unternehmen übertragen. Der letzte Punkt scheint, wie oben schon erwähnt, mit deutschem Recht zu kollidieren. Eine entsprechende Anfrage beim für Europa zuständigen Ansprechpartner für Google Business Photo brachte bislang keine Klärung.

Nach den Vorstellungen von Google darf der Fotograf einzelne Aufnahmen zur Eigenwerbung zur Gewinnung weitere Kunden für Google Business Photo in einer nicht exklusiven Lizenz einsetzen.

Aus dem Amerikanischen übersetze Vertragsdetails dürften spätestens dann für Aufregung sorgen, wenn Google die Aufnahme der Bilder ablehnt. Der Fotograf muss dann auf eigene Kosten nacharbeiten und falls Google die Bilder dauerhaft zurückweist, dem Kunden das Honorar zurückzahlen. Google hält sich eine Ablehnung von Bildern grundsätzlich vor. Wenig verwunderlich ist dies, im Falle von pornografischen Aufnahmen, weshalb man Shops für Erwachsenen-Spielzeuge und zahlreiche Videotheken in dieser Welt nicht finden wird. Grenzwertig könnte die Sache jedoch im Falle eines Fachgeschäft für Dessousmode werden.

Für die Fototermine veranschlagt Google einen Zeitaufwand von in der Regel weniger als 2 Stunden. Die Abläufe sind dabei weitgehend standardisiert und nur bei Fotos von sogenannten interessanten Punkten darf er seiner Kreativität freien Lauf lassen. Zu Beginn der Zertifizierung darf der Fotograf nur eingeschossige Lokale fotografieren. Später sind dann auch mehrgeschossige Geschäfte erlaubt. Grundsätzlich ausgeschlossen sind staatliche Gebäude und Museen. Letzte bedient Google ja schon im Google Art Project. Im Anschluss an den Aufnahmetermin muss der Fotograf binnen dreier Werktage seine Bilder dann bei Picasa, bzw. Google+ hochladen.

Google darf sich wohl ernsthaft Hoffnungen machen, am ausgetrockneten Bildermarkt eine ausreichende Zahl hungriger Fotografen zu finden, die sich jetzt anmelden und zertifizieren lassen wollen. Welchen Betrag die Ladenbesitzer und Restaurantbetreiber für die Präsentation bei Google Maps investieren wollen, ist derzeit nicht abzuschätzen. Wie sich die Marktpreise für Innenaufnahmen unter dem Eindruck eines standardisierten Angebots entwickeln werden, ist ebenso ungewiss. Google trägt bei dem ganzen Projekt das geringste Risiko. Wenn Alles klappt, dann hat man eine durchaus interessante Erweiterung von Maps. Ob die Kunden letztlich zufrieden sind, wenn sich auch unerwünschte Besucher das Geschäft schon einmal vorab aus sicherer Entfernung anschauen können, wird die Zukunft zeigen.

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