Mit Klappentext im Wespennest

Die neue Netzliteratur, Teil 2

Literatur und Internet haben gemeinsam, dass ihnen die Schriftsprache sehr wichtig ist. Und doch kommen sie hierzulande, wie im ersten Teil (vgl. Ahmadinedschad als Schwein) am Beispiel bloggender Autoren dargelegt wurde, nicht so recht zusammen. Diesmal soll der Frage nachgegangen werden, was eigentlich aus den zahlreichen Ankündigungen diverser Verlage, Magazine und Foren geworden ist, die Literatur im Netz zu fördern.

Anstatt ins große Lamento einzustimmen, Google Books, das Projekt Gutenberg und andere zerstörten die althergebrachte Buchkultur, könnten sich die Verlage mal wieder an die in den neunziger Jahren häufig zu hörende Ankündigung erinnern, es gelte die Möglichkeiten des Netzes zu nutzen, um Literatur wieder voran zu bringen.

Was war nicht alles zu hören von Romanen, die im Internet entstünden und die man – Kapitel für Kapitel – dort lesen oder downloaden könnte; von verbesserter Interaktion zwischen Autor und Leser; von grenzüberschreitender Vernetzung der Autoren untereinander; von demokratischer Mitbestimmung der Leser bei der Entstehung eines Werkes; von direkter Literaturkritik usw. Gut, es ist was entstanden: ein bisschen „Book-on-demand“, einige europäische Literaturseiten, die jenseits der üblichen Einmischungen diverser Goethe-Institute zustande kamen, einige Preise für Literatur im Netz (vgl. what if - visionen der informationsgesellschaft) sowie allerlei unabhängige Mailinglisten, Rezensions- und allgemeine Literaturforen - über die Verlagsseiten im Netz kann man getrost schweigen.

Egal ob bei literaturwelt.de, carpe.com, u-lit.de, berlinerliteraturkritik.de, bluetenleser.de, literaturcafe.de und wie die einschlägigen Portale alle heißen oder bei Rezensionsforen wie literaturkritik.de und titel-forum.de – die Angebote im Netz werden umfang- und detailreicher. Besonders literaturkritik.de hat es in letzter Zeit geschafft, die universitäre mit der journalistischen Buchkritik zu verschränken und darüber hinaus halbwegs aktuell auf Diskussionen über literarische Highlights und Tiefpunkte einzugehen und gelegentlich auch noch Mailwechsel mit Schriftstellern zu dokumentieren.

Auch das altehrwürdige Berliner Zimmer, immerhin schon seit 1998 „Salon im Netz“, bietet vieles von dem, was man von Netzliteratur erwarten kann: Mailingliste, Chat, Downloads, Blog, Theorie, Rezensionen, News und Informationen sowie vor allem Links, Links und noch mal Links. Wer hier nichts Interessantes findet, ist selber schuld, und doch werden im Berliner Zimmer auch die Grenzen deutlich. Übersichtlichkeit sieht anders aus, Komplexität braucht manchmal jemanden, der sie reduziert, viele Links bedeuten nicht immer auch gute Links. Um eine Perle zu finden, muss man sich im Berliner Zimmer gelegentlich durch zig unleserliche Magisterarbeiten klicken.

Viel zur Literatur im Netz bieten auch die einschlägigen Magazine wie Bücher und Literaturen, wobei auffällig ist, wie selten dort Schriftsteller selbst zu Wort kommen. Spiegelt Literaturen-Online fast eins zu eins das jeweilige aktuelle Heft wieder, so versucht sich der Internetauftritt von „Bücher“ zumindest an ergänzenden Online-Formaten. Doch das eigens eingerichtete Blog enttäuscht rasch: Zwar erscheinen hier gelegentlich auch Fortsetzungsgeschichten mehr oder weniger namhafter Autoren – zuletzt war Juli Zeh dran –, es handelt sich dabei aber um Beiträge, die auch im Magazin zu lesen sind. Ansonsten bloggt fast ausschließlich der Chefredakteur selbst, es gibt kaum Kommentare, Diskussionen finden so gut wie nicht statt.

Ähnliches gilt für das inhaltlich immer wieder überraschend gute volltext.net, das hübsch-schräge österreichische Wespennest und selbstredend für das behäbige Börsenblatt – Onlinemagazin für den deutschen Buchhandel. Interaktion ist anderswo, neue Formate, um Literatur online anders zu fassen, sucht man hier vergeblich.

Schade, denn woanders stößt man überraschend auf genau diese Formen: Sei es im taz-blog, beim auf Hörbücher spezialisierten vorleser.net, bei den pragmatischen Buchzusammenfassungen auf getabstract.com oder im liebevoll erstellten Buchhändlerblog aci.blogg.de. Immer wieder erstaunlich gut können auch Kurzrezensionen und Tipps auf buecher.de, perlentaucher.de und selbst auf Amazon.de und ebay.de ausfallen, besonders dann, wenn dort Schriftsteller selbst verfasste Klappentexte online stellen, bevor das dazu gehörende Buch erschienen ist. Einer dieser Klappentexte sorgte jüngst für tagelange, aufgeregte Diskussionen. Und zwar zuerst in den Literaturforen aus aller Welt, und erst danach in den Feuilletons der Zeitungen.

Dem US-Autor Thomas Pynchon ist dieses Kunststück gelungen, einem Phantom, das sich seit fast 40 Jahren vor der Weltöffentlichkeit verbirgt und dem die Anonymität des Internet zu liegen scheint wie sonst kaum jemandem. Jagen Sie seinen Namen mal durch eine Suchmaschine, lassen die Kommerzseiten unberücksichtigt und schauen dann, auf welch irrsinnig-wunderschönen Seiten Sie überall landen. Das Ergebnis wird Sie überraschen. Denn die Pynchon-Sites zeigen eines ganz deutlich: Literatur im Netz kann sehr gut funktionieren, wenn sie schnell, überraschend, kreativ und unglaublich verstörend ist. Dann ist sie fast so stark wie in einem guten Buch.

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