Mit Seltenen Erden in die grönländische Unabhängigkeit

Nicht nur schmilzt das grönländische Eis immer schneller, es wird auch dunkler und reflektiert das Sonnenlicht weniger, wie die Nasa berichtet. Bild: Nasa

Grönland sucht einen Weg in die vollständige Unabhängigkeit von Dänemark. Für die Regierung in Nuuk könnten die Erzvorkommen auf der Insel den finanziellen Spielraum dazu eröffnen

Europa ist bereit, Grönland mit entsprechenden Verträgen und Investitionen einen Weg dahin zu eröffnen, doch auch China versucht Zugriff auf diese wichtigen Ressourcen zu erhalten. Der kürzlich erfolgte Besuch des chinesischen Präsidenten in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen hatte schon etwas Erstaunliches an sich.

Nicht, weil es in der Stadt noch irgendetwas Exotisches an sich hätte, wenn chinesische Reisegruppen durch die gemütlichen Straßen flanieren. Sondern vielmehr, weil sich der oberste Vertreter eines Landes mit über einer Milliarde Einwohner ausgerechnet das kleine Dänemark als Ziel ausgesucht hatte. Nicht ohne Grund freuten sich daher nahezu alle Politiker und Geschäftsleute des Landes - gleichwohl war fast jedem klar, dass der eigentliche Grund für den Besuch nicht im beschaulichen Dänemark liegt, sondern vielmehr in dessen arktischen Überseegebiet Grönland.

Ein Großteil des grönländischen Regierungshaushalts wird aus der Staatskasse Dänemarks bestritten. Die größte Insel der Welt verfügt zwar über reiche Fanggründe vor seiner Küste, doch allein aus dem Export von Fisch oder dem zunehmenden Tourismus lässt sich eine endgültige Unabhängigkeit für die knapp über 50.000 Einwohner nicht finanzieren. Das sich jedoch seit einigen Jahren konstant zurückziehende Eis legt neue Möglichkeiten frei.

Die nun zugänglich werdenden Rohstoffe stellen eine bislang unerreichbare Einnahmequelle dar. Chinesische und europäische Unternehmen stehen bereit den reichlich vorhandenen Schatz aus Kupfer, Zink und vor allem Seltenen Erden zu heben. Für die grönländische Regierung in Nuuk bedeuten die Funde allerdings auch ein Dilemma. Stellt sich damit doch auch die Frage, wer den Zuschlag erhalten soll. Denn ein Tausch der dänischen Zahlungen mit Überweisungen aus Peking oder Brüssel soll es nicht geben.

Laut einer Einschätzung der Seltenerden-Explorationsgesellschaft Greenland Minerals and Energy könnten auf der Insel die weltweit größten Vorkommen an Seltenen Erden lagern. So zumindest legten es neueste Untersuchungen nahe, wie Firmenchef Ole Ramlau-Hansen kürzlich der Presse mitteilte.

Die grönländische Regierung ist vor einigen Jahren dazu übergegangen, mehr und mehr Abbaugenehmigungen an verschiedene ausländische Unternehmen zu vergeben. Insbesondere europäische, amerikanische, kanadische und australische Minengesellschaften konnten bereits Fuß fassen. Für China stellt Grönland damit nicht nur eine interessante Möglichkeit dar, an die begehrten Rohstoffe heranzukommen. Diese in der Arktis liegenden Vorkommen stellen auch eine gefährliche Konkurrenz dar, ist China doch derzeit quasi Monopolist beim Abbau von Seltenen Erden. Etwa 98 Prozent aller Seltenen Erden kommen derzeit aus chinesischen Minen. Peking hat der grönländischen Autonomieregierung daher etwa 180 Mio. Euro angeboten, die in den Bau der für den Abbau dringen benötigten Häfen, Flughäfen und Straßen gesteckt werden sollen.

In Brüssel wird diese Entwicklung durchaus skeptisch betrachtet. Nicht ohne Grund ist daher der Europäische Kommissar für Industrie, Antonio Tajani, kürzlich nach Nuuk gereist, um dort eine entsprechende Übereinkunft über den europäischen Zugang zu den wertvollen Industriemetallen zu erhalten. Im Rahmen eines anvisierten Partnerschaftsabkommen zwischen Brüssel und Nuuk bietet die EU 218 Mio. Euro für denselben Zweck wie die chinesische Regierung. Gegenüber der Presse sagte Tajani:

Diese Kooperation bietet eine Win-Win-Lösung für beide Seiten. Für Europa bedeutet es, dass wir sicherstellen können, dass die europäische Industrie weiterhin eine führende Rolle in neue Technologien und Innovation spielen kann.

Der an der Universität von Grönland forschende Wissenschaftler Damien Degeorges erklärt:

Die Arktis ist wärmer als jemals zuvor. Nicht nur wegen der Klimaveränderung, sondern auch wegen des Auftritts globaler, nicht in der Region beheimateter Mächte an dieser neuen Grenze der internationalen Beziehungen.

In der dänischen Hauptstadt mehren sich daher die Stimmen, die vor einer allzu engen Bindung an Peking warnen. Zwar sei klar, dass die Vergabe von Abbaulizenzen eine innergrönländische Angelegenheit sei, bei der Dänemark seit Einführung des Autonomiestatus keine Mitsprache habe. Es bestehe jedoch die Sorge, dass sich durch den chinesischen Einfluss die Wettbewerbsbedingungen verzerrten. Doch sowohl in Dänemark als auch auf Grönland bestehe ein Konsens darüber, dass Peking einen Beobachterstatus im Arktischen Rat erhalten solle.

Der Regierung in Nuuk stellt sich damit zunehmend die Frage, wie sie auf das immer größer werdende Interesse aus Europa und China reagieren soll. Für den grönländischen Transportminister Jens B. Frederiksen ist klar, dass durchaus die Gefahr besteht, den jährlichen Scheck aus Dänemark mit einem Scheck aus Peking auszutauschen. Trotzdem sagt er auch, dass Grönlands Regierung global orientiert sei und mit jedem verhandeln werde, der bereit sei, mit ihr zusammenzuarbeiten. "Ich kann nicht sehen, warum wir nicht mit China kooperieren sollen, wenn unsere Interessen übereinstimmen." Verschiedene grönländische Abgeordnete haben darüber hinaus zu bedenken gegeben, dass die Vorstellung, grönländische und westliche Interessen seien identisch, nicht zwangsläufig stimmen müsse.

Der Streit um den Zugang zu den grönländischen Rohstoffen ist damit in eine neue Phase eingetreten. Grönland ist sich seiner guten Verhandlungsposition dabei durchaus bewusst. Zu gewinnen gibt es eine Menge für Kalaallit Nunaat, das "Land der Menschen": vollständige politische und finanzielle Unabhängigkeit von der ehemaligen Kolonialmacht Dänemark. Doch auf der anderen Seite warten unter Umständen eine neue Abhängigkeit und darüber hinaus beträchtliche Umweltbelastungen. Denn der Abbau der Rohstoffe findet in einer der sensibelsten Regionen der Welt statt. Wenn es schief geht, könnte nichts gewonnen werden, aber alles verloren - sowohl die eigene Unabhängigkeit, als auch die Unversehrtheit der arktischen Natur auf der Insel.

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