"Mit allen Möglichkeiten an der Seite der aserbaidschanischen Geschwister"

Rot: Türkisch (einschließlich Azərbaycan türkcəsi und Turkmenisch). Karte: TP

Armenien vs. Aserbaidschan: Greift Erdoğan in den Krieg ein?

Seit gestern ist der Krieg zwischen Armenien, Arzach (Bergkarabach) und Aserbaidschan wieder heiß: Der Regierung von Arzach zufolge kamen mindestens 16 Soldaten ums Leben, als Aserbaidschan das Gebiet bombardierte. Die Zahl der Verletzten soll dreistellig sein. Die armenische Regierung berichtet darüber hinaus von toten Zivilisten. Aserbaidschan spricht von einer "Gegenoffensive", die "armenische Militäraktivitäten" stoppen soll.

Kriegsrecht verhängt

Nach dem Wiederaufflammen der Kämpfe ordnete der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan die Generalmobilmachung an und verhängte das Kriegsrecht. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen des Landes begründete er diese Maßnahmen damit, dass man "vor einem umfassenden Krieg im Südkaukasus" stehe, weil "das autoritäre Regime in Aserbaidschan dem armenischen Volk erneut den Krieg erklärt" habe. Aserbaidschan erklärte kurz darauf ebenfalls das Kriegsrecht und verhängte nächtliche Ausgangssperren in größeren Städten und in Gebieten, die an Armenien und an die Arzach-Demarkationslinie grenzen.

Wladimir Putin, der Präsident von Armeniens faktischer Schutzmacht Russland, telefonierte nach dem erneuten Ausbruch des Krieges mit Paschinjan und meinte danach, das "Wesentliche" sei jetzt, "dass die Kampfhandlungen beendet werden". Anders äußerte sich Recep Tayyip Erdoğan, der Staatspräsident der Schutzmacht Aserbaidschans: Er twitterte nach einem Telefonat mit dem aserbaidschanischen Staatspräsidenten Ilham Aliyev, Armenien sei eine Bedrohung für die ganz Region und "die türkische Nation" stehe "mit all ihren Möglichkeiten an der Seite ihrer aserbaidschanischen Geschwister".

Das Aserbaidschanische wird aufgrund seiner Geschichte zwar etwas anders geschrieben als das Türkische, ist aber im Grunde ein türkischer Dialekt. Auf Aserbaidschanisch selbst heißt es "Azərbaycan türkcəsi" ("Aserbaidschan-Türkisch") oder umgangssprachlich einfach "Türk dili" (Türkisch). Aber während die Türken im engeren Sinne ganz überwiegend Sunniten und Aleviten sind, sind 85 Prozent der Aserbaidschaner Schiiten.

Iran will vermitteln

Trotzdem steht Teheran nicht so eng an der Seite Bakus wie Ankara: Aus dem Außenministerium des schiitischen Gottesstaates heißt es, man verfolge die Kampfhandlungen "mit großer Sorge" und rufe "beide Seiten auf, Zurückhaltung zu üben, den Konflikt umgehend zu beenden und die Verhandlungen wieder aufzunehmen". Im Iran lebt sowohl eine armenische als auch eine aserbaidschanische Minderheit. Die armenische ist mit etwa 100.000 Personen allerdings deutlich kleiner als die der Aseri-Türken, die 16 Prozent der Bevölkerung des 82-Millionen-Einwohner-Landes stellen und den Nordwesten des Iran dominieren (siehe Karte).

Der nun wieder aufgebrochene Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan begann Ende der 1980er, als es nach Unabhängigkeitsforderungen der armenischen Mehrheit in Bergkarabach zu Pogromen in Sumgait kam, in deren Folge viele Armenier aus Aserbaidschan flüchten. Am 2. September 1991 erklärte sich das autonome Gebiet für unabhängig, worauf aserbaidschanische Truppen einmarschierten und von armenischen Kräften zurückgeschlagen wurden. Diese besetzten aus militärischen Gründen auch einen Korridor zwischen Armenien und Bergkarabach, der jedoch nicht nur aus den zwei 1929 an Aserbaidschan abgetretenen, sondern gleich aus sieben überwiegend von Aseris besiedelten Landkreisen bestand. Bis man 1994 einen Waffenstillstand schloss, wurden bei den Auseinandersetzungen etwa 530.000 Aserbaidschaner aus von Armeniern kontrollierten Gebieten und 250.000 Armenier aus Aserbaidschan vertrieben.

Autonome Gebiete sollten im Falle eines Austritts der Republik aus der Sowjetunion per Volksabstimmung über ihren Status entscheiden

Die Frage der völkerrechtlichen Gültigkeit der Abspaltung Bergkarabachs von Aserbaidschan ist weniger eindeutig, als sie auf den ersten Blick scheint: Als am 28. Mai 1918 die "Demokratische Republik Armenien" ausgerufenen wurde, die sich flugs der Entente anschloss, da war das ihr im Vertrag von Sèvres zugebilligte Gebiet durch Deportation und Massenmord schon so weitgehend "gesäubert", dass kaum mehr Armenier dort lebten (vgl. Mit Stöcken im Anus tot liegen gelassen). Entsprechend schwach war der Widerstand, den der junge Staat trotz der Hilfe britischer Truppen Atatürks Konsolidierungsfeldzug entgegensetzen konnte. Schließlich teilten sich im Vertrag von Kars die Türkei und die Sowjetunion das Territorium.

Letztere integrierte das verbliebene armenische Siedlungsgebiet als eigene Republik. 1929 schlug Stalin den Osten dieser armenischen Sowjetrepublik dem benachbarten und damals ebenfalls zur Sowjetunion gehörigen Aserbaidschan zu. Der Korridor um Kelbajar und Lachin wurde direkt integriert, der Rest, das heutige Bergkarabach, wurde autonome SSR ohne territoriale Verbindung zur Armenischen SSR. Ein am 3. April 1990 erlassenes Sowjetgesetz "Über das Verfahren der Entscheidung von Fragen, die mit dem Austritt einer Unionsrepublik verbunden sind" enthielt aber eine Schutzklausel für autonome Gebiete, die im Falle eines Austritts der Republik aus der Sowjetunion per Volksabstimmung über ihren Status entscheiden sollten - was in Bergkarabach 1991 geschah. (Peter Mühlbauer)