Mit dem Taxi nach Damaskus

Gebet einer Bäuerin in der Omayyaden-Moschee. Bild: Nadina Schirin Khammas

Leben in der syrischen Hauptstadt, die umgeben von Krieg ist

Nadina ist 1984 in Damaskus geboren und unterrichtet in Berlin Deutsch für Ausländer. Ihr subjektiver Bericht will kein politisches Statement sein, sondern zeigt eine Facette der Realität.

Es ist ein unbeschreiblicher Gefühlsmischmasch. Endlich, nach so langer Zeit, fahre ich wieder nach Hause. Denn es ist mein Zuhause.

Die Medien kreieren ein Bild des Grauens. Und auch wenn ich versuche, unterschiedliche Quellen zu berücksichtigen, ist es schwierig, die Puzzleteile zu einem Bild zusammenzusetzen. Es geht nicht. Denn jedes Teil gehört zu einem anderen Puzzle, zu anderen Interessen.

Dementsprechend bin ich also gemischter Gefühle. Und unglaublich froh, mal wieder Damaszener Luft und Wasser zu atmen und zu trinken. Meine Stadt hat sich nicht viel verändert. Sie ist voller. Aber nicht lauter oder chaotischer als früher.

Die Checkpoints sind neu. In fast regelmäßigen Abständen gibt es diese. Soldaten kontrollieren die Autoinsassen und öffnen jeden Kofferraum. Ich bin kein Fan von Soldaten und Waffen. Aber ich fühle mich sicher. Die Soldaten sind wachsam - die meisten -, aber nicht angespannt. Manche schauen uns verwundert an, es waren lange keine Touristen mehr in der Stadt. (Ich bin zwar keine Touristin, sehe aber mit meinen dunkel blonden Haaren und blauen Augen auch nicht "klassisch" arabisch aus.) Wenn sie nicht verwundert sind, sind sie freundlich und nett.

Und so sind alle in der Stadt. Möglicherweise verkläre ich die Situation, aber mir kommen die Damaszener noch freundlicher und herzlicher vor, als ich sie in Erinnerung habe. Gastfreundschaftlich, nett und höflich sind sie. Die Grundstimmung ist gut, einige mögen resigniert sein - aber nach sechs Jahren Krieg ist dies wohl auch einfach nur natürlich.

Ich genieße meine Zeit. Ich liebe es durch den vollen Basar zu laufen, den schönsten überhaupt. Souq al Hamidye. Am Eingang: Taschenkontrolle. Auch das ist neu. Die Leute schieben sich an den Geschäften mit schrill-neon-bunten Kleidern vorbei. Meine Schwester kauft Mitbringsel in einem Geschäft mit typisch Damaszener Handwerk und Antiquitäten.

Ich nutze die Zeit, stehe vor dem Eingang und mache Bilder vom bunten Treiben und Porträts von den Frauen, die im Geschäft nebenan einkaufen. Sie sehen alle aus wie immer. In wenigen Tagen ist das Opferfest, schnell müssen noch neue Kleider für die Kinder gekauft werden und Süßigkeiten für die Gäste.

Ich sehe keine Angst in ihren Gesichtern, aber eine Müdigkeit oder Erschöpfung. Dies fällt mir jedoch erst auf, als ich meine Bilder später in Ruhe betrachte. Ich weiß nicht, ob dieser Ausdruck die allgemeine Situation widerspiegelt oder ob es die Sommerhitze ist, die das Einkaufen manchmal unerträglich macht.

Straßenszene in der Altstadt. Bild: Nadina Schirin Khammas

Zwischen den typischen Damaszenern fällt auf, dass es einige gibt, die sich auf Grund ihrer Kleidung aus der Masse herausheben. Die Kleidung, die sie tragen, ist typisch fürs Land. Ja, nicht verwunderlich. In einigen "Vororten" von Damaskus herrscht Krieg, viele sind in die Stadt geflüchtet.

Die Omayyaden-Moschee ist ein weiteres Lieblingsziel. Dieser geschichtsträchtige Ort ist fast schon magisch. Im Inneren ruhen sich alle vom Gedränge im Basar aus, beten, schlafen, stillen Babys, sitzen nur da und genießen die Kühle in dem großen Gebetsraum. Kinder spielen: fangen, verstecken.

Auch hier nur kleine Spuren des Krieges. Der große Innenhof ist abgesperrt. Wir fragen warum: Die Besucher sollen nicht gefährdet werden. Wie könnte dies passieren? Na ja, ab und an ist was reingeflogen...

Direkt neben dem Haupteingang liegt, in einem kleinen bescheidenen Mausoleum "Salah al Din" - und, zu unserer großen Überraschung: Scheich Buti. Nicht nur Nachbar und guter Freund der Familie, sondern auch ein wichtiger Geistlicher und bekanntes Gesicht in ganz Syrien. Ein wunderbarer Mensch. Zu Beginn der Unruhen vermittelte er zwischen den Gruppierungen. Zwei Jahre nach Kriegsausbruch wurde er umgebracht. Das Video seiner Ermordung wurde mir damals geschickt. Furchtbar.

Gemeinsam beten mein Vater, meine Schwester und ich die "Fatiha" - ich denke dabei auch an meinen Opa, an dessen Grab wir nicht fahren können. Zu gefährlich. Obwohl es nicht weit weg ist.

Hinter der Moschee: mein Lieblingsabschnitt des Souqs. Augen zu, einatmen. Es riecht nach frisch gemahlenem Kaffee, Gewürzen und dem ganz eigenen Geruch der Altstadt. Und Jasmin, aus den kleinen Geschäften, in denen sie einem jedes Parfüm zusammenmischen, das man haben möchte.

Weitere Narben des Krieges sehe ich kaum in der Stadt. Ein paar Autos mit Schussspuren. Es gibt kein offensichtliches Elend auf der Straße. Nicht mehr bettelnde Menschen als vorher, was mir für so eine große Stadt schon immer erstaunlich wenig vorkam. Berlin hat mehr Menschen auf der Straße, und in Kreuzberg kann man keine 30 Minuten in einem Straßencafé sitzen, ohne nicht mindestens dreimal um ein paar Cents gebeten zu werden. Woran das liegt? Ich muss gestehen, dass ich nun anderes erwartet hatte.

Als wir einen Abend bei Drinks und Bier auf einer Dachterrasse im christlichen Viertel sitzen, wird es ein bisschen gruselig. Durch die Musik und die Gespräche um uns herum höre ich den Krieg. Es donnert in der Ferne. Ich kenne diese Geräusche nicht und kann sie nicht genauer beschreiben. Es hört sich an wie dumpfe Explosionen… vielleicht auch Schüsse dazwischen? Die Musik wird etwas lauter gedreht und dann könnten die Geräusche auch einfach ein Teil dieser sein. Ist plötzlich gar nicht mehr so eindeutig. Ich schaue in die andere Richtung, dort, wo sich die Stadt glitzernd den Berg hochzieht. Ich liebe diesen Anblick. Plötzlich fliegt da etwas, in hohem Bogen. Mit Sicherheit keine Sternschnuppe, mehr weiß ich nicht.

Die Taxifahrer, mit denen wir reden, meinen alle, dass Bashar bleiben muss - es gibt halt keine Alternative. Mehr zu fragen, traue ich mich nicht. Nicht weil ich direkt Angst habe, sondern auch, weil ich den Fahrern nicht zu direkte Fragen stellen will. Sie in Verlegenheit oder Schwierigkeiten bringen will und auch nicht, dass sie lügen müssen. Davon haben wir alle nichts. Ich kann nicht einschätzen, ob und wie offen über den Krieg und die Situation gesprochen wird.

Den Sohn des Besitzers der Dachterrassen-Bar fragen wir, wie es denn möglich ist, dass nach sechs Jahren Krieg alles läuft, dass die Cafés und Restaurants voll sind und - wie er uns erzählt, in der vergangen Woche gleich drei neue Lokale eröffnet haben. Auch die Dachterrasse (und das dazugehörige Restaurant) gibt es erst seit Beginn des Sommers... Keiner wisse so recht, wie es funktioniert, aber mit Allahs Hilfe geht es.

In Geschäften in der Altstadt hängen Aushänge: "Aushilfe gesucht".

Zweimal knallt es laut in der Nähe unserer Wohnung. Ich bin wohl die Einzige, die zusammenzuckt. Was es ist, weiß ich nicht. Es steigen keine Rauchwolken auf und ich höre keine Sirenen. Aber es ist Krieg, wird mir in diesen Momenten klar.

In der letzten Nacht wache ich rechtzeitig auf, um den Singsang der vielen Minarette zuhören, die über die frühmorgendliche Stille der Stadt zum Gebet rufen. Meine liebste Tageszeit. Ich möchte noch nicht wieder zurück nach Berlin. (Nadina Schirin Khammas)

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