Mit den neuen Allianzen wird der Syrien-Konflikt explosiv

YPG-Selbstdarstellung

Erstmals haben syrische Flugzeuge kurdische Ziele in Hasakah angegriffen und wurden von US-Flugzeugen abgedrängt, während Israel syrische Ziele bombardiert hat

Im Syrien-Konflikt sind mit der Annäherung von Ankara und Moskau bislang festgefahrene Strukturen ins Schwanken geraten. Ankara machte einen Schwenk und scheint nun mit der Assad-Regierung kooperieren sowie Assad als Übergangspräsident respektiere zu wollen. Bislang ein Tabuthema.

Mit der neuen Allianz von Ankara, Moskau, Teheran und Damaskus (Teheran-Ankara-Damaskus: Unheilige Allianz) hat sich offenbar auch China entschieden, die bislang geübte Zurückhaltung aufzugeben und die Assad-Regierung unterstützen zu wollen. Das chinesische Militär will das syrische ausbilden und humanitäre Hilfe leisten. Angeblich geht es darum, eine politische Lösung zu fördern. Man darf vermuten, dass sich das energiehungrige China auch geostrategisch im Nahen Osten etablieren will.

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YPG-Kämpfer in Hasakah.

Damit gerät die brüchige Anti-IS-Allianz der USA noch mehr in Bredouille, denn neben Russland liegen die USA auch mit China in einem dauerhaften Konflikt. Während China seine Kontrolle vor der Küste sichern will und damit den territorialen Konflikt mit den von den USA unterstützten Nachbarstaaten schürt, suchen die USA China ebenso zu isolieren wie Russland. China versteht mittlerweile ebenso wie Russland als Weltmacht und scheint nun gewillt zu sein, sich auch im Nahen Osten wie Russland Geltung zu verschaffen.

Derweil scheint es zwischen Russland und dem Iran zu einem Streit gekommen zu sein. Am 16. August hatte das russische Militär erstmals einen iranischen Luftwaffenstützpunkt vorübergehend benutzt, um von dort aus mit Langstreckenbombern Angriff auf syrische Ziele zu fliegen. Neben dem Iran hat auch Irak den Luftraum für russische Militärflüge geöffnet. Das war ein deutliches Zeichen, dass Russland seinen regionalen Einfluss über Syrien ausdehnen kann, womöglich auch mit Blick auf die Türkei, wo der Luftwaffenstützpunkt Incirlik womöglich für die von den USA geführte Allianz und vor allem für die dort stationierten US-Atombomben mit der Annäherung von Ankara an Moskau, aber auch mit dem gescheiterten Putsch und den Terroranschlägen, zu denen sich der IS nicht bekannt hat, unsicherer wird.

Gestern teilte das iranische Außenministerium vermutlich verärgert mit, dass Russland den Stützpunkt Hamadan nicht mehr nutzt und die Russen gegangen sein. Teheran hat es nicht gepasst, dass Moskau so seine Stärke ausspielen will und die Nutzung medial in Szene setzte. Die Regionalmacht fühlte sich durch die Großmachtgeste wahrscheinlich düpiert. General Deghan war gestern gefragt worden, warum Russland die Nutzung des Stützpunkts bekannt gegeben hat, der Iran aber nicht: "Die Russen sind daran interessiert", antwortete der verschnupfte General, "zu zeigen, dass sie eine Großmacht sind, um ihren Einfluss auf die politische Zukunft Syriens zu garantieren. Natürlich war es eine Demonstration und keine Gentleman-Geste." Russland wollte mehr Flugzeuge in die Region bringen und die Geschwindigkeit und Genauigkeit der Angriffe steigern, so Deghan. Daher mussten sie Flugzeuge näher am Einsatzgebiet auftanken: "Aber wir heben ihnen ganz gewiss keinen Militärstützpunkt gegeben."

Zudem liegen Russland und Iran im Clinch, weil Russland noch nicht die vollständigen Luftabwehrsysteme S-300 geliefert hat, die Iran vor allem zur Abwehr möglicher israelischer Angriffe bestellt hatte. Russische Staatsmedien spielen die Angelegenheit herunter und erklären, der Abzug der russischen Flugzeuge sei einseitig auf eine Entscheidung von Moskau zurückzuführen. Die russischen Flugzeuge hätten bei ihrem zweitägigen Einsatz alle Aufgaben erfüllt, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow. Teheran will nach den Berichten angeblich weiterhin russischem Militär Einrichtungen benutzen lassen.

Die Leidtragenden der neuen Allianzen könnten die Kurden sein. Schon letzte Woche flog die syrische Luftwaffe erstmals Angriffe auf kurdische Kämpfer in der geteilten Stadt Hasakah, wo die YPG nach Kämpfen mit der syrischen Armee und den mit ihr verbundenen Milizen mehrere Stadtviertel einnehmen konnte. Russland verhandelte am Sonntag einen Waffenstillstand zwischen den Kurden und der syrischen Armee, die aber am Montag der YPG eine Verletzung des Waffenstillstands vorwarf. Die YPG wiederum beschuldigte die syrische Armee, die Kämpfe am letzten Mittwoch begonnen zu haben. Nach der YPG hätten sich die meisten Soldaten der syrischen Armee ergeben, die iranischen Hisbollah-Milizen würden jedoch weiter kämpfen.

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YPG-Kämpfer in Hasakah.
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