Mit einem Wiki ein Buch schreiben

Der Rechtswissenschaftler Lawrence Lessig will vorbildlich für seine Visionen vom Umgang mit geistigem Eigentum das "kollektive Wissen" für eine Neuauflage eines Buches aktivieren

Der Rechtswissenschaftler Lawrence Lessig von der Stanford University ist nicht nur einer der maßgeblichen Kritiker einer Wissensgesellschaft, die nach seiner Ansicht durch exzessiven Schutz des geistigen Eigentums ihre Grundlagen gefährdet und Kreativität erstickt. Der Experte für Internetrecht versucht auch schon lange, Initiativen in Gang zu bringen und zu fördern, die Alternativen umsetzen. Dazu gehört beispielsweise das Urheberrechtsmodell Creative Commons (Naturschutzgebiete für geistiges Eigentum).

Lawrence Lessig. Bild: Stefan Krempl

Lessig will mit der Creative Commons-Lizenz, unter die er natürlich auch sein neuestes Buch mit dem programmatischen Titel "Free Culture" gestellt hat, erreichen, dass die Autoren/Künstler selbst ihre Werke vermarkten und gleichzeitig die nicht-kommerzielle Nutzung ihrer Werke ermöglichen können. Nur durch die Möglichkeit, Inhalte für private Zwecke nutzen und verwenden zu können, entstehe eine kreative Kultur, die sich weiter entwickelt ("End the Occupation of Iraq and Manhattan").

Obwohl oder weil die digitale Technik es leichter als jemals macht, Inhalte aufzunehmen, zu verändern, mit anderen Inhalten zu verbinden (remix) und mit diesen zu experimentieren, versuchen die Medienkonzerne die Inhalte strenger als jemals zuvor zu schützen und ihre Nutzung bis ins Detail zu regeln. Bislang sind die Politiker den Interessen der Konzerne weitgehend gefolgt und haben die gesetzlichen Regelungen zum Schutz des geistigen Eigentums Zug um Zug verschärft. Lessig ist der Meinung, dass die Gesetzgeber nicht verstehen, dass sie damit letztlich Fortschritt und Innovation behindern können.

Um seine Kritik an den lähmenden Folgen der Copyright-Fesseln ein positives Beispiel entgegenzusetzen, beginnt Lessig im Februar 2005 mit einem neuen Projekt. Vor fünf Jahren ist sein Buch Code and other Laws of Cyberspace bei Basic Books erschienen (Wer regiert den Cyberspace?). Damals gab es noch den Internetboom mit den großen Erwartungen an die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Virtualisierung und die Haltung, das Internet möglichst frei von Regulierung zu halten. Lessig versuchte in seinem Buch aufzuzeigen, dass die Regulation des Cyberspace nicht nur über Gesetze geschieht, sondern bereits grundlegend durch Standards, Software und Hardware erfolgt.

Auf dieser Ebene werden durchaus politisch steuerbare Entscheidungen getroffen, weswegen Lessig davor warnte, die technische Entwicklung allein der Wirtschaft zu überlassen und so u.a. Techniken zum Schutz des geistigen Eigentums einzuführen, die nur kurzfristige Profitinteressen sichern. Offenheit, Freiheit und Kreativität sind für Lessig die Eigenschaften des Internet, die technisch und rechtlich gesichert werden müssten. Diese Werte und Normen in den Code oder in die Architektur des Cyberspace einzubauen, wäre für ihn auch eine wichtige Aufgabe des Staates.

Als eine Art Weihnachtsgeschenk teilte Lessig am 24.12. mit, dass er mit der Genehmigung von Basic Books eine Neuauflage seines Buches erarbeiten wolle. Ziel sei es nicht, ein ganz neues Buch zu schreiben, sondern den vorhandenen Text zu aktualisieren und zu korrigieren. Das aber soll auf eine Weise geschehen, die für seine Vision einer kreativen, weil offenen Wissensgesellschaft vorbildlich ist.

Ab Februar wird Lessig eine erste überarbeitete Version von "Code" in einem Wiki zugänglich machen. Für jedes Kapitel soll es thematische Experten geben, die dafür zuständig sind, die von freiwilligen Mitarbeitern erhaltenen Korrekturen und Ergänzungen einzuarbeiten. Wenn alles gut geht, will Lessig dann im Juni auf der Basis des vorhandenen Textes die Version 2 von "Code" erarbeiten. Das endgültige Buch ist also nicht wirklich ein kollaboratives Werk, sondern die Mitwirkung mit der interessierten Internetgemeinschaft ist nur ein Zwischenstadium, das der Vertiefung, Erweiterung oder Veränderung dient. So kann der einzelne Autor "sein" Werk vielleicht auf eine Weise verbessern, die ihm sonst nicht möglich wäre. Was aber bietet Lessig seinen potenziellen Mitarbeitern an?

Lessig sagt, er werde das Wiki auf unbegrenzte Zeit weiter führen und unter eine Creative Commons-Lizenz stellen, so dass hier die Gedanken weiter entfaltet werden können und auch eine wirklich kollektive Arbeit ist. Auch das gedruckte Buch wird unter dieser Lizenz im Herbst veröffentlicht werden. Vorschuss und Honorar spendet Lessig Creative Commons. Er hofft, dass das Buch vom "kollektiven Wissen" des Internet profitiert. Ob das überhaupt funktionieren kann, könne man nicht wissen, aber wenn dies der Fall sein sollte, so Lessig, dann könnte dies sehr interessant sein. Aber auch so ist es interessantes Experiment im Hinblick auf eine kollektive Kreativität, die das Internet auf einzigartige Weise ermöglicht. (Florian Rötzer)

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