Mit einem e wie elektronisch wird alles gut

Die EU macht zum Sondergipfel des Europäischen Rates ganz auf eEurope, jetzt auch mit einer Initiative eLearning

Die EU-Kommissare werden fleißig und sind nach Ausrufung der eEurope-Initiative des Präsidenten Romano Prodi im letzten Dezember eilig dabei, alle möglichen e-Programme aufzustellen, um die Bürger ins Informationszeitalter zu bringen (Alle und alles ans Netz). Am 22. und 23. März findet ein Sondergipfel des Europäischen Rates in Lissabon unter dem Titel "Beschäftigung, Wirtschaftsreform und sozialer Zusammenhalt - ein Europa der Innovation und des Wissens" statt, mittlerweile liegt zum Treffen sogar ein Zwischenbericht über die bislang erzielten Fortschritte vor, die vor allem darin bestehen, dass die Mitgliedsstaaten sich weitgehend einig sind, die Initiative zu unterstützen und Prioritäten festzulegen. Im Juni soll bereits der Aktionsplan vorliegen.

Eine fast schon beängstigende Eile hat also unsere EU-Politiker erfasst, die Europa jetzt nach vorne in die globale Informationsgesellschaft katapultieren wollen. So will, wohl um den Fortschritt zu beschleunigen, die EU-Kommission beispielsweise die Top Level Domain .eu erhalten. EU-Kommissar António Vitorino stellte unlängst seine Pläne zur Eindämmung des Cybercrime vor. Mittlerweile hat sich auch die für Erziehung und Kultur zuständige Kommissarin Viviane Reding in den e-irgendetwas-Sog ziehen lassen und eine Initiative eLearning - wie denn sonst? - lanciert.

Als Hauptgrund für die allgemein beklagte Rückständigkeit Europas nennt Reding neben dem langsamen Einführen des Internet in den meisten Mitgliedsstaaten das "Qualifikationsdefizit in den Informations- und Kommunikationstechnologien." Bis zum Jahr 2002 sollen europaweit 1,6 Millionen qualifizierte IT-Experten fehlen. Schwerpunkt der EU-Programme der nächsten sieben Jahre im Bereich allgemeine und berufliche Bildung sollen mit "lebenslangem Lernen" und "Nutzung der neuen Technologien" für ein Anheben des Wissens sorgen. Ausgestattet werden diese Programme mit 3,5 Milliarden Euro, was einer Erhöhung um 30 Prozent gegenüber dem vorherigen Programmabschnitt bedeute. Profitieren sollen davon zwei Millionen EU-Bürger, vorwiegend Jugendliche, um "neue Kompetenzen" zu erwerben, aber auch um Fremdsprachen zu erlernen, "was ihre Beschäftigungsperspektiven nur verbessern kann."

Ansonsten übernimmt Frau Reding mit eLearning die Vorgaben von eEurope. Bis 2001 sollen alle Schulen Zugang zu multimedialen Inhalten im Internet besitzen, alle Lehrer und Schüler sollen auf Informationsquellen und Unterrichtshilfsmittel zugreifen können. Alle Lehrer sollen bis 2002 computer- und internetkompetent sein, alle Klassen einen "Hochgeschwindigkeitszugang zum Internet" besitzen. Wie das gemacht und finanziert wird, bleibt vorerst noch ein Geheimnis. Ende 2003 sollen bereits alle Schüler "umfassende IT-Kenntnisse" besitzen, wenn sie die Schule verlassen. Das seien "besonders ehrgeizige Ziele", meint Reding, die von den Mitgliedsstaaten zusätzliche Anstrengungen verlangen. Ganz ähnliches hatte bereits die für Beschäftigung zuständigen Kommissarin Anna Diamantopoulou unlängst als eigene Initiative verkündet (Jeder soll IT-Kompetenz erwerben können).

Aber auch im Bereich der digitalen Dienste und der Bildungssoftware sollen Fortschritte erzielt werden: "Die Informationsgesellschaft in Europa muss europäische Inhalte verkörpern." dazu aber sei eine Partnerschaft mit der Industrie und natürlich eine Konferenz über dieses Thema notwendig. Reding schlägt auch vor, die Initiative durch Aktionen der Kommunikations- und Medienerziehung begleiten zu lassen. So soll den Jugendlichen der Unterscheid zwischen Information und Werbung, zwischen und Wirklichkeit sowie zwischen Virtuellem und Wirklichem deutlich gemacht werden. Da wird es dann ja nahezu philosophisch zugehen. Zunächst aber wird man diese Unterschiede einmal an den Initiativen selbst überprüfen können.

Im Anhang zum Zwischenbericht über die Fortschritte von eEurope findet sich auch ein Anhang - man traut es sich fast nicht zu schreiben - über die eÖkonomie, eine "erste Analyse" - da haben sie wohl bislang wirklich geschlafen -, wie digitale Technologien die Regeln der Industriegesellschaft verändern. Wählt man die deutsche Version, bemerkt man die Eile der Übersetzung oder das mangelhafte Übersetzungsprogramm und findet man wohl das künftige eDeutsch. Vorbild für die eÖkonomie ist natürlich die US-Wirtschaft mit ihrem kontinuierlichen Wachstum und den sinkenden Arbeitslosenzahlen. Ab 1995 haben sich in den USA, zeitgleich mit der kommerziellen Entdeckung des Web, das Produktivitätswachstum erhöht, wobei das darauf zurückzuführen sei, dass "Unternehmen aus allen Sektoren e-Unternehmen geworden" seien, die durch Umstrukturierung und Nutzung des Internet Kosten reduzieren und Produktivität erhöhen können. Das muss endlich auch in Europa erfolgen: "Der entscheidende Moment, um die Möglichkeiten des Internets auszunutzen, ist jetzt; bald wird es zu spät sein", weil dann der Markt schon besetzt ist.

Das Internet habe zudem in den USA zu einer "Gründungswelle von Firmen" und damit zu mehr Arbeitsplätzen geführt. Weil also die eÖkonomie nach dem Vorbild der USA auf dem Internet und seiner Nutzung aufbaut, müsse auch in Europa eine "kritische Masse an Internet-Nutzungsdichte" entstehen. Bislang seien nur 12 Prozent der Haushalte und 20 Prozent der Bevölkerung an das Internet angeschlossen, auch die Zahl der europäischen Hosts betrage nur ein Drittel der amerikanischen, die häufigst besuchten Websites sind amerikanische. Ein Hauptfaktor für die Nutzungsdichte stelle der Preis für den Internetzugang dar, weswegen die Reduzierung der Preise eine Priorität sei. Im Vorteil sei Europa bislang nur hinsichtlich der mobilen Telefonie, die auch für den Internetzugang im Post-Pc-Zeitalter immer wichtiger werde. Europa habe nicht nur mehr Benutzer der mobilen Kommunikation, auch der europäische Standard GSM habe sich weltweit durchsetzen können und der künftige Vorteil könne darin liegen, ein digitales System zur Verfügung zu haben. Also gibt es doch nicht nur Schwarzes über eEuropas eÖkonomie zu berichten.

Weil es bei dem Sondergipfel auch um den sozialen Zusammenhalt in der neuen eÖkonomie gehen soll, wird im Anhang auch die bereits bestehende digitale Kluft innerhalb Europas thematisiert. Und die ist ganz beachtlich. So variiert die PC-Dichte zwischen 11 und 65 Prozent mit einem Durchschnitt von 35 Prozent und die Internetdichte sogar zwischen 3 und 51 Prozent mit einem Durchschnitt von 12 Prozent. Die digitale Kluft ist natürlich nicht nur eine regionale, sondern auch eine soziale. Während 76 Prozent der Menschen mit einem Einkommen von über 4000 Euro einen PC und 47 Prozent einen Internetzugang besitzen, haben nur 10 Prozent der Menschen mit einem Einkommen unter 500 Euro einen PC und 3 Prozent einen Internetzugang. Ähnlich sieht es bei Handys aus. Abhängig ist die PC-, Handy- oder Internetdichte auch vom Wohnort, d.h. ländliche Gebiete haben eine geringere Dichte als urbane, obgleich der Unterschied hier nicht so hoch ausfällt wie bei den Einkommensklassen, was möglicherweise dafür spricht, dass die Informationsgesellschaft das Stadt-Land-Gefälle allmählich zum Verschwinden bringt.

Will man also wie die EU eine "Informationsgesellschaft für alle" so müssten die regionalen und sozialen Unterschiede abgebaut werden. Doch können die reicheren Mitgliedsstaaten, die in aller Regel bereits nationale Programme eingeleitet haben, mehr Geld in den Aufbau der notwendigen Infrastruktur stecken, was trotz mancher Förderung die Kluft immer größer werden lassen könnte.

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