Mobbing auf Rundfunkgebührenzahlerkosten?

Ronja von Rönne ist der neue Rainald Goetz

Die Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt wird dieses Jahr vielleicht so interessant wie seit 32 Jahren nicht mehr: Damals hatte sich der 29-jährige Sounds-Leserbriefschreiber Rainald Goetz mit einer Rasierklinge die Stirn aufgeschnitten, während er las - und damit viel Aufmerksamkeit erregt. 2015 gibt es die Aufmerksamkeit für eine Autorin bereits im Vorfeld: Sie begann am 8. April, als die 23-jährige Wettbewerbsteilnehmerin Ronja von Rönne in einem brillant geschriebenen kleinen Text für die Tageszeitung Die Welt die These aufstellte, dass es einer bestimmten Spielart des Feminismus heute weniger um Gerechtigkeit als um Aufmerksamkeit geht.

Dieser Text erzeugte bei den Angesprochenen auf Twitter die erwartete Schnappatmung in 140 Zeichen - was für noch deutlich mehr Aufmerksamkeit für von Rönne sorgte. Angesichts des Ausmaßes, in dem über sie debattiert wurde, wäre es ein Wunder gewesen, wenn nicht auch Personen auf die Autorin aufmerksam geworden wären, mit denen sie nicht assoziiert werden möchte. Das ist unvermeidlich und geht jeder Person so, die einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Juristisch dagegen vorgehen kann man nicht, weil die Redefreiheit in einem Rechtsstaat auch für Personen gelten muss, deren Meinung man nicht teilt.

"Aktivisten" verschiedenster Couleur nutzen solchen "Beifall von der falschen Seite" trotzdem häufig, um Personen, bei denen ihnen die Argumente ausgegangen sind, zu diskreditieren. Im Fall Ronja von Rönne twitterte eine "mlle_krawall" am 28. Mai: "Diese Autorin wird Ihnen empfohlen von dem Jury-Vorsitzenden des Bachmannpreises und dem Ring Nationaler Frauen." Letzteres ist eine NPD-nahe Organisation, die sich in der Vergangenheit immer wieder für Sachen begeisterte, die ganz und gar nicht NPD-nah sind.

Bachmannpreis-Design 2015. Foto: ORF - Landesdirektion Kärnten

All das wäre nur bedingt bemerkenswert gewesen, wenn sich hinter dem Usernamen "mlle_krawall" nicht eine Mitarbeiterin der ARD-Tagesschau verbergen würde. Und zwar nicht irgendeine, sondern die Social-Media-Koordinatorin der ARD-Tagesschau, die mit Gebührengeld bezahlt wird, das jedem Bürger mit festem Wohnsitz monatlich als "Demokratieabgabe" entzogen wird. Bei der ARD ist man trotzdem der Auffassung, dass die Bürger nicht für Anna-Mareike Krause Guilty-by-Association-Mobbing zur Kasse gebeten werden, weil deren Krawallaccount bei Twitter "privat" sei.

Was danach kam, das könnte man fast mit dem buddhistischen Konzept des "Karma" umschreiben (zumindest in der Art und Weise, wie es in der Fernsehserie My Name is Earl dargestellt wird): Der Blogger Don Alphonso sah sich nämlich an, wer "mlle_krawalls" Assoziation zu von Rönne so alles aufgriff - und endete bei einem "Antifa-Pfarrer" Hans Christoph Stoodt, der unter Rückgriff auf ein Lied aus der französischen Revolutionszeit twitterte: "'Adel ist was für die Laterne' Ça ira, #Bachmannpreis, Ça ira, von Rönne!"

Der Orginaltweet enthält noch zwei fehlerhaft gesetzte Akzentzeichen, eine fehlerhafte Großschreibung und eine fehlenden Leerstelle. Inzwischen wurde er gelöscht - angeblich nicht von Stoodt selbst, sondern von Twitter, wo ihn zahlreiche User als Mordaufruf gemeldet hatten. Welche strafrechtlichen Konsequenzen er für den "Antifa-Pfarrer" haben wird, ist noch offen. Für Rechtsextreme, die in der Vergangenheit Gewaltaufrufe mit dem Verweis auf Liedzitate zu rechtfertigten versuchten, hatten Richter eher wenig Verständnis.

Von Rönne selbst postete auf Facebook, sie wolle nicht "zu einer Galleonsfigur für die Meinungsfreiheit hochstilisiert werden", ließ dann aber Sätze folgen, die sie genau dazu machen dürften: Darin spricht sie sich "für die Freiheit, dummes Zeug zu reden", aus - und dagegen "alles wörtlich zu nehmen, wörtlich zu lesen, Stricke aus Buchstaben zu drehen" und die ARD-Krawallmamsell zu entlassen (was viele Kommentatoren gefordert hatten).

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