Mocha oder Expresso?

Wie Yahoo unseren Wortschatz erweitert

Um Skriptsprachen-Angriffen vorzubeugen, verändert Yahoo in den Emails seiner Kunden heimlich sicherheitskritische Begriffe. Die Resultate dieser Filteraktionen finden mittlerweile Eingang in den allgemeinen Wortschatz.

Mocha oder Espresso? Für Yahoo ist das keine Frage des Geschmacks, sondern eine der Sicherheit. Ein Mocha ist eben nicht nur ein leckerer starker Kaffee mit Kakao, sondern auch der interne Projektname der Javascript-Entwickler für ihre Skript-Sprache. Bei älteren Netscape-Versionen konnte "mocha:" deshalb alternativ zu "javascript:" genutzt werden - Grund genug für Yahoo, den Begriff in den Mails seiner Kunden gegen "Espresso" auszutauschen.

Doch damit nicht genug: Wer in einer Email an einen Yahoo-Nutzer von der "freedom of expression" - der Redefreiheit - spricht, muss damit rechnen, dass sein Gegenüber sich über eine "freedom of statement" wundert. Insgesamt werden nach Informationen des Need to Know-Newsletters sieben Begriffe gegen mehr oder weniger gut passende Synonyme ausgetauscht. Auch Yahoo.de-Nutzer sind davon betroffen, wenn sie ihre Mails über das Web-Interface abrufen. Wer sich dagegen auf sein Mailprogramm verlässt, kann auch weiter ungehindert Mocha genießen.

Offenbar ist der betreffende Filter bereits seit rund zwei Jahren aktiv - erstmals erwähnt wurde er in einem ZDNet-Artikel im September 2000. So richtig gemerkt hat es aber in der Zeit - mit Ausnahme der üblichen Bug-Jäger - keiner. Ganz im Gegenteil: Mittlerweile finden einige der Yahoo-Veränderungen sogar Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch. Insbesondere der Austausch des Begriffs "eval" gegen "review" hat dabei zu seltsamen Blüten geführt. Um ganz sicher zu gehen, tauscht Yahoo nämlich auch Wortkombinationen aus, an denen "eval" am Ende steht. So wird etwa aus dem mittelalterlichen "medieval" ein kryptisches "medireview".

Ein bisschen auffälliger als der Unterschied zwischen Mocha und Espresso ist das schon. Doch unzählige Yahoo-Nutzer haben offenbar ihrem Gegenüber mehr Fachwissen als sich selbst zugetraut und den Begriff ungefragt übernommen. Google kennt mittlerweile 1150 Fundstellen für "medireview". Indische Tageszeitungen, Geschichtswissenschaftler, Freunde mittelalterlicher Musik und Dark Wave-Fans - alle sprechen statt vom Mittelalter nur noch von der Mittelkritik.

Glaubt man der Website der St. Francis Lutheran Church, hat sogar die ehrwürdige New York Times einmal "medireview" benutzt. Oder hat sie nicht? Eine Archiv-Suche klärt auf: Nein, sie hat nicht.

Aber offenbar hat der Pater Webmaster sich den Artikel zu seinem Yahoo-Account schicken lassen und ihn dann unwidersprochen ins eigene Netzangebot übernommen. Schließlich korrigiert man ja keine New York Times-Artikel. Und wer Sonntag für Sonntag Wein zu Blut werden lässt, wird sich auch nicht wundern, wenn aus dem Mocha plötzlich ein Espresso wird. (Janko Röttgers)

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