Mode als Tarnung für die Massenüberwachung des öffentlichen Raums?

Überwachungskameras mit Gesichtserkennung, mit denen Menschen identifiziert und verfolgt werden können, breiten sich nicht nur aus Sicherheitsgründen aus.

Überwachungskameras breiten sich in den öffentlichen Räumen aus und werden zunehmend aufgerüstet mit Gesichtserkennungsprogrammen. Das ermöglicht es den Sicherheitsbehörden, Menschen auf ihren Wegen zu verfolgen, auch wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, Gesuchte zu entdecken, auch wenn sie in anderen Städten auftauchen. An den Grenzen werden Ein- und Ausreisende ebenfalls zunehmend mit biometrischer Gesichtserkennung erfasst.

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In Deutschland macht sich gerade Saarlands Innenminister Klaus Bouillon (CDU) für Gesichtserkennung bei der Videoüberwachung öffentlicher Plätze stark. Begründung wie immer der Kampf gegen den Terrorismus, der auch hier wieder gewinnen dürfte. Erhellend auch, wie der Minister, derzeit stellvertretender Vorsitzender der Innenministerkonferenz, mögliche Bedenken gegenüber den erhofften Vorzügen der Technik herunterzuspielen sucht:

"Wenn wir eine Liste mit den meistgesuchten Verbrechern der Welt haben, potenziellen Mördern, dann möge mir einer erklären, warum ich die biometrische Gesichtserkennung nicht einsetzen sollte", sagte Bouillon, der wie üblich argumentiert, dass sich das doch nur gegen dien Schlimmsten der Schlimmen richtet und der brave Bürger nichts riskiert. Vor den Kameras mit der Gesichtserkennungssoftware "laufen da Hunderttausende Leute vorbei und das interessiert die Kamera überhaupt nicht". Das ist nett gedacht für die Naiven, schließlich müssten die Gesichter aller Passanten überprüft werden, die die Kamera also auch "interessieren", zudem werden die Passanten auch ohne Gesichtserkennung schon überwacht und aufgezeichnet, wenn auch mit interesseloser Gleichgültigkeit.

Die chinesischen Städte werden zunehmend mit Überwachungskameras überzogen, die mit Gesichtserkennung ausgestattet sind, um den öffentlichen Raum zu überwachen und Menschen zu identifizieren. Die pakistanische Stadt Islamabad wurde ebenfalls mit 1950 Kameras ausgestattet, die gemäß dem chinesischen Programm für Sichere Städte mit Gesichtserkennung ausgerüstet werden. Dazu gehört ein bombensicheres Kontrollzentrum, 500 km verlegte Glasfaserkabel und ein eLTE 4-G-Netzwerk sowie ein schnelles Eingreifkommando. Dazu kommen Kameras auf Drohnen. Beobachtet werden nicht nur Kriminelle oder Terroristen, sondern auch Verkehrssünder, Fahrzeugschilder werden ebenfalls gescannt.

In einem Smart City-Projekt der chinesischen Stadt Yinchuan wird das Gesicht mit dem Bankkonto verbunden, so dass Menschen, die in Busse einsteigen, mit der Gesichtserkennung ihre Fahrkarte zahlen. In einem Bahnhof in Peking soll mit Gesichtserkennung das Check-in beschleunigt werden. In der Touristenstadt Wuzhen mit einem historischen Park hat der Internetkonzern Baidu ein Gesichtserkennungsprogramm eingeführt. Wer Gast eines Hotels ist, wird beim Eintreten fotografiert. Das Bild wird in einer zentralen Datenbank gespeichert. Nur die Menschen werden zu den Touristenattraktionen zugelassen, die erkannt werden.

Auch für den Zugang zu Bankautomaten wird in China mit Gesichtserkennung experimentiert, in Internetcafes wird damit kontrolliert, ob die Besucher über 18 Jahre alt sind. Vermehrt verfolgen Überwachungskameras mit Gesichtserkennung in Geschäften die Kunden. Sie werden nicht nur überwacht, um Diebe zu ertappen oder mögliche wiederkehrende Diebe zu erkennen, die Erkennung von Kunden soll zusammen mit einem Profil ihrer Präferenzen auch den Umsatz steigern. Und Gesichtserkennung wird wohl auch für den Zugang zu den eigenen Geräten oder zur smarten Wohnung immer wichtiger werden. Wer sein Gesichts verbirgt, wird zwar nicht erkannt, aber deshalb auch ausgeschlossen.

Chinesische Wissenschaftler der Shanghai Jiao Tong University glauben auch, sie hätten ein KI-Programm entwickelt, das aus den Gesichtszügen erkennt, ob eine Frau gute oder schlechte Charaktereigenschaften hat. Noch problematischer wird es, wenn sie wie alte rassistische Theorien meinen, sie könnten anhand von Gesichtszügen ausmachen, ob jemand ein Krimineller ist. Das Programm wird mit Gesichtern von Kriminellen und Nicht-Kriminellen trainiert, was schon voraussetzt, dass es hier einen Unterschied geben soll. Das ist schon deswegen absurd, weil Kriminalität weit gefächert ist und sich auch von Staat zu Staat unterscheiden kann. Am Nasen-Mund-Winkel, am Augenabstand oder an der Lippenform sollen Gesichtserkennungsprogramme dann die Kriminellen aus der Masse herauspicken. Dabei seien die Menschen, die Gesetze beachten, einander ähnlicher als Kriminelle, deren Gesichter stärker variieren sollen.

Absehbar wird, dass mit jedem Terroranschlag und mit der steigenden Angst vor dem Terror Kameras flächendeckend den öffentlichen Raum in den Städten beobachten und mit Gesichtserkennungsprogrammen, eventuell auch mit Programmen zur Erkennung verdächtigen Verhaltens, die Menschen prophylaktisch identifizieren. Die oben erwähnten Ansätze, mit Gesichtserkennung den Zugang zu Verkehrsmitteln, Einrichtungen, Gebäuden etc. zu regeln, macht das Gesicht des Menschen zum Ausweis und den öffentlichen Raum zu einem Kontrollraum, dem man sich kaum entziehen kann. Vermutlich wird die Durchsetzung des panoptischen Kontrollraums mit einer Ausweitung von Vermummungsverboten einhergehen, beginnend mit Burka- und Verschleierungsverboten.

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Kann man sich vorstellen, dass im öffentlichen Raum die Erkennung von Gesichtern erschwert werden kann, ähnlich wie man Daten verschlüsselt, ohne sein Gesicht vollständig zu verhüllen oder anderweitig auffällig aufzufallen? Als einst das Echelon-Überwachungssystem bekannt wurde, dachte man, man könnte die Suche nach bestimmten Begriffen zumindest verkomplizieren, indem man massenhaft Begriffe in Mails und anderen Sendungen verbreitet. Ein bisschen so hört sich auch das Projekt von Adam Harvey an, das er auf dem CCC-Kongress in Hamburg vorstellte. Sein Ziel ist es, die Erkennungsprogramme durch zu viele Hinweise zu überfluten und die Algorithmen so zu behindern bzw. ungenau zu machen. So könne man sich "kreativ" mit der zunehmenden Überwachung auseinandersetzen. Das hat er schon mit anderen Projekten gemacht, die ähnlich abstrus waren, um Überwachungsmaßnahmen auszutricksen.

Mit dem Projekt Hyperface entwickelt Harvey zusammen mit Hyphen Labs eine Art Tarnmuster auf Kleidung oder anderen Textilien aus Falschgesichtern, die die Erkennungsalgorithmen stören und vom wirklichen Gesicht zu den Falschgesichtern ablenken sollen. Diese sind gemäß den Erkennungsalgorithmen von Gesichtsmustern aufgebaut und sollen diese sozusagen anziehen. Achja, das Projekt zielt natürlich darauf, die visuelle Anonymität zum Geschäft zu machen, wozu vermutlich gehören wird, das Tragen der Tarnmuster zu einem modischen Trend für Geeks zu machen.

Der Guardian hebt in einem Beitrag hervor, dass Harvey für sein Projekt mit einer alten Fotografie von einer Straßenszene vor 100 Jahren warb, auf der alle Menschen noch Hüte trugen: "In 100 Jahren werden wir eine ähnliche Veränderung der Mode und unserer Erscheinungsweise haben. Wie wird das aussehen? Hoffentlich wie etwas, das unsere persönliche Privatheit zu optimieren scheint." Viele Wissenschaftler würden nun versuchen, beispielsweise die oben erwähnten chinesischen Forscher, aus einzelnen Merkmalen Aufschlüsse über die Personen abzuleiten, beispielsweise um Waren besser vermarkten zu können.

Harvey erinnert dies an Francis Galton, der ausgehend von der angeblichen genetischen Vererbung von Eigenschaften der "Rassen" und Personen die Eugenik begründete, um die Menschenzucht zu optimieren, oder mit der Daktyloskopie eine biometrische Methode zur Identifizierung mit entwickelte. Er hätte auch auf die Phrenologie des Kriminologen Cesare Lombroso verweisen können, der etwa anhand von Merkmalen des Schädels und des Gehirns den genetisch bedingten Verbrecher erkennen wollte, was die Nazis in ihrer Rassenlehre weiterführten. Heute würde man wohl gerne präventiv den Terroristen anhand bestimmter Merkmale erkennen können. Für Harvey sind die wirklichen Kriminellen "die Menschen, die diese Idee fortsetzen, nicht die Menschen, die beobachtet werden".

Die Entwicklung von Mustern auf Textilien, die Gesichtserkennungsprogramme stören, ist eine nette, gleichwohl abstruse Idee, vor allem dann, wenn das Gesicht immer mehr dazu benutzt werden muss, um Zugang zu erhalten oder Käufe abzuschließen, zumal der Zwang nicht nur aus Sicherheitsgründen steigt, dass eine Identifikation über Gesichtserkennung erfolgen muss. Interessant wären solche Maskierungstechniken für Maschinenüberwachung für einmalige Aktionen, für den Alltag in einer überwachten Gesellschaft ist es eine vielleicht künstlerische Ablenkung, da es einer anhaltenden politischen Arbeit bedürfte, den Einsatz von bestimmten Überwachungstechniken zu verhindern, um Räume der urbanen Anonymität zu schaffen, die auch eine demokratische Gesellschaft benötigt, die von einseitiger Transparenz zur Optimierung der Sicherheit oder anderer Abläufe untergraben wird. Wir befinden uns hier in einer ähnlichen Situation wie in Vor-Internet-Zeiten mit den Massenmedien. Auch die Massenüberwachungstechniken müssten umgedreht werden, um demokratisch zu sein. (Florian Rötzer)

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