Moderne Massentierhaltung und kapitalistische Lebensmittelproduktion

Bild: US Environmental Protection Agency / Public Domain

Die Erfordernisse kapitalistischen Wirtschaftens schaden Menschen und Tieren

Verkeimtes Hühnerfleisch1, Gammelfleisch, das ungenießbar ist2, verdorbene Wurstwaren an der Grenze zum lebensgefährlichen Sondermüll3 - die Empörung über die moderne Massentierhaltung und Lebensmittelproduktion, die regelmäßig gesundheits- bis lebensbedrohliche Produkte erzeugen, ist immer wieder groß, ebbt aber dann bis zum nächsten Skandal ebenso schnell ab.

Die mediale Kritik macht es sich oft leicht: Von verantwortungslosen Unternehmern über mangelhafte staatliche Kontrollen bis zu geldgierigen Gaunern reichen die Vorwürfe - sieht man nur auf die Personen und den jeweils aktuellen Einzelfall, mag das alles stimmen, nur: Warum tritt das Phänomen verdorbener tierischer Produkte, die offensichtlich ohne Rücksicht auf Tiere wie Konsumenten produziert und auf den Markt geworfen werden, so massenhaft, so regelmäßig, so systematisch auf?

Die Systematik des Phänomens legt schon mal die Vermutung nahe, dass ein hoher Anreiz im herrschenden ökonomischen System besteht, Landwirtschaft bzw. Lebensmittelproduktion auf eine Weise zu betreiben, die diese Folgen regelmäßig mit einschließt. Und der Inhalt dieses Anreizes stellt auch kein Geheimnis dar: Die angewandten, tier- wie gesundheitsschädlichen Methoden scheinen eine sichere Gewähr dafür zu bieten, dass der Hauptzweck der herrschenden Produktionsweise, der Geldüberschuss über die Produktionskosten, auch "Profit" oder, in der kapitalfreundlicheren Softversion, "Gewinn" genannt, möglichst effektiv erreicht wird.

Das war nicht immer so, im Gegenteil: Viele tausend Jahre lang haben die Menschen Landwirtschaft betrieben, indem sie die natürlichen Wachstumszyklen der ihnen als Nahrungsmittel dienenden Nutztiere zum selbstverständlichen Ausgangspunkt ihrer Tierzucht genommen haben. Vielleicht versuchte man, Gewicht und Schlachtreife positiv zu beeinflussen, indem der Bauer entsprechendes Futter reichte oder die Aufzuchtbedingungen verbesserte - aber die Natur des Lebens, der tierische Lebenszyklus waren das vorausgesetzte Fact der gesamten landwirtschaftlichen Produktion.

Der Zweck der Bauern bestand auch nicht in der Maximierung ihres Gewinns, um mittels rastloser Kapitalexpansion zum Marktführer zu werden, sondern ihren Lebensunterhalt zu sichern, für die Kinder zu sparen, die Altersvorsorge sicherzustellen, sich gehobene Konsumgüter und Vergnügungen leisten, vielleicht auch, etwas Vermögen bilden zu können, das einen der Sorge um die Unsicherheiten des wirtschaftlichen Alltags, die gerade die Landwirtschaft mit ihren qua Wetter, Jahreszeiten und Schädlingsbefall erratischen Produktionsbedingungen prägte, ein Stück weit enthob.

Kapitalistische Agrarwirtschaft und Lebensmittelproduktion gehen anders

In ihrer "Endausbaustufe" stellen sie einfach Sektoren der Kapitalakkumulation dar, die von den Investoren dahingehend verglichen werden, wo ihr Geldkapital am rentabelsten eingesetzt und kontinuierlich vermehrt werden kann. Die verbliebenen Landwirte mutieren in wachsendem Maße, zusätzlich gefördert durch eine jahrzehntelang auf Wachstum gepolte Politik, zu kapitalintensiven Großproduzenten, die nur mit Kredit die ständig erforderlichen Effizienz- und Ertragssteigerungen noch bewältigen können und nähern sich hierüber der kapitalistisch betriebenen Agrarindustrie an.

Der Lebenszyklus der jeweiligen Tiergattungen stellt für die Erwirtschaftung der die wachsenden Kredit- und Investitionsvolumina rechtfertigenden Erträge nun ein natürliches Hindernis dar, das durch bloßen Technikeinsatz allein nicht überwunden werden kann. Der entscheidende Hebel besteht daher nicht in den üblichen Produktionsmethoden des Kapitals, sondern ist in der Geschwindigkeit von dessen Kapitalumschlag zu sehen: Durch entsprechende Futtermittel, räumliche Bedingungen und chemisch-pharmazeutische Zusatzstoffe muss der tierische Lebenszyklus abgekürzt und zugleich die relative Fleischmenge erhöht werden, die die jeweilige Tierart an ihrem Körper ansammelt.

Es sollen mehr verwertbare Tierkörper, also im Konkurrenzvergleich mehr verwertbares Schlachtgewicht produziert, die Produktivität des eingesetzten Kapitals gesteigert werden, aber zugleich muss vor allem die Reifungsgeschwindigkeit der Tiere schneller werden, damit der gleiche Kapitalvorschuss in einer Periode öfter verwendet werden und hierüber die Gewinnmasse pro eingesetztem Kapital gesteigert werden kann.

"Zeit ist Geld!" - dieser Schlachtruf jeder kapitalistischen Branche bedeutet für die Lebensmittelproduktion, dass die unzähligen Lachse, Schweine, Hühner, Milchkühe und anderen, als lebende Objekte, Rohmaterial des Verwertungsprozesses angesehenen Nutztiere schneller reifen und gleichzeitig möglichst ein Mehr an verwertbaren Produktelementen (Fleisch, Milch, Eier etc.) liefern müssen. Der gezielte, auf die Identifikation und Vermehrung gewünschter bzw. die Unterdrückung unerwünschter Merkmale abzielende Eingriff in das Genmaterial, das "Genome Editing"4, stellt darüber hinaus neue, zusätzliche Möglichkeiten bereit, bestimmte, profitabler verwertbare Varianten von Nutztieren zu erzeugen, die dann als Privateigentum des jeweiligen Unternehmens "patentiert" werden. Erste Erfolge wurden hierbei insbesondere in der Lachsproduktion erzielt.

Melkkarussell in Sachsen. Bild: Gunnar Richter, Namenlos.net / CC-BY-SA-3.0

Von diesem Standpunkt aus sind die armseligen Kühe mit ihren monströsen Eutern, die beispielsweise in 5 Jahren so viel Milch liefern, wie früher in 10-20 Jahren, eine zweckmäßige Verbesserung der Kapitalverwertung, die auf den periodenübergreifenden Gesamtprofit im Verhältnis zum immer wieder eingespeisten Kapitalvorschuss als Prozessergebnis einer mehrstufigen Umschlagperiode, also auf die Umschlagsgeschwindigkeit des Kapitals als Mittel der Steigerung der Profitmasse abzielt.

Dass dabei die Milchkühe nur noch als lebende Milchmaschinen und -lager dienen, die sich kaum mehr bewegen können und nach wenigen Jahren sterben, ist für das Kapital als herrschendes ökonomisches Prinzip ohne jeden Belang: Das ist Resultat seines Standpunkts, der sich für den konkreten Reichtum und damit auch für die Natur von dessen tragenden Elementen nicht bzw. nur insoweit interessiert, als diese für die abstrakte Geldsumme relevant ist, die mit Milch, Fleisch etc. zu verdienen ist. Tiere sind hier Rohstoff der Kapitalverwertung und - als fertiges Lebensmittel - Träger von Tauschwert, der in Abhängigkeit von der Rentabilität des Kapitaleinsatzes einen kleineren oder größeren Gewinn einschließt.

Dieses Prinzip setzt sich in der Lebensmittelverarbeitung fort: Der Zweck einer maximalen Verwertung der angelieferten Tierprodukte drückt sich im Interesse der Produzenten aus, möglichst die gesamte Rohstoffmenge der Kapitalvermehrung zu verwerten und, da biologische Waren verderben können, möglichst umgehend in klingende Münze zu verwandeln. Damit ist in der scharfen Konkurrenz, die diesen Sektor der Warenproduktion zumeist kennzeichnet, das Motiv zum Warenbetrug in das ökonomische Zielsystem der Produzenten systematisch eingebaut.

Nicht immer findet die fertige Ware ihre Abnehmer und droht, die in ihr inkorporierten Kosten mitsamt dem Gewinn durch den biologischen Verfall ihrer Qualität und Genießbarkeit zu vernichten. Und nicht immer ist das gesamte angelieferte, leicht verderbliche Rohprodukt verwertbar. Dann wird geschönt, gemischt, umgepackt, gestreckt - in aufgehübschter Form und täuschend appetitlicher Präsentation wird die Ware nicht weiter auffallen und schon noch verkauft werden.

Das klingt alles schon irgendwie widerlich und ist es auch: Die Hühner, Schweine, Kühe müssen schneller verwertet werden können, und dies in relativ wachsender Anzahl im Verhältnis zum fixen Kapital, das als Mastgebäude, Fütterungsanlagen etc. für ihre (Massen)produktion nötig ist und der ständigen Ergänzung und Erneuerung bedarf, da die Konkurrenz bekanntlich nicht schläft und die Produzenten des Fixkapitals ihr Geschäft mit ständigen technischen Neuentwicklungen machen, die den Erstkäufern einen Wettbewerbsvorsprung verschaffen sollen.

Marx nennt dies im zweiten, dem Zirkulationsprozess des Kapitals gewidmeten Band seines Hauptwerks die "Steigerung der Umschlagsgeschwindigkeit des Kapitals": Das gleiche Kapital wirft z.B. in einer Produktionsperiode viermal anstatt dreimal Profit ab, wenn die Hühner noch schneller zur Schlachtreife gelangen, was die Profitmasse proportional zur Verkürzung der Produktionszeit erhöht. Daher werden Pharmazie und Chemie ebenso massenhaft wie rücksichtslos in Anschlag gebracht - sie sollen helfen, die unnatürliche, daher krankheitsfördernde Dichte des zusammengepferchten, platz- und damit kostensparend gelagerten potenziellen Warenkapitals - und nichts anderes sind die armen Tiere nun - zu kompensieren und zugleich zum unnatürlichen Wachstum der Schlachttiere beizutragen, das sich jetzt nicht mehr ihren biologischen Entwicklungsprozess, sondern dem kapitalistischen Eingriff verdankt, der sich rücksichtslos aller wissenschaftlich-technisch verfügbaren Ingredienzien bedient.

Dabei leistet sich die Branche selbstbewusst den Widerspruch, dass die Pharmazie ausgerechnet die negativen Folgen der gerade (auch) mit pharmazeutischen Mitteln bewirkten Steigerung des Fleischpotenzials der jeweiligen Tiergattung abmildern soll - ein im Prinzip zirkulärer, endloser Prozess, der ein Einfallstor für das Bestreben der Pharmaindustrie und Biotechnologie bietet, die Lebensmittelproduktion immer mehr zum zentralen Experimentierfeld und nachgelagerten Sektor ihrer High-Tech-Präparate, Apparaturen und digitalen Prozesssteuerungs- und -überwachungsmechanismen umzuformen.

Die landwirtschaftlichen Produzenten, die unter diesen Bedingungen überhaupt noch als - mehr oder weniger - traditionelle Bauern unterwegs sind, geraten immer mehr zum schwächsten Glied einer beinharten mehrstufigen Verwertungskette, die von den kreditgebenden Banken und die die Futtermittel und effizienzsteigernden, digitalisierten Mast- und Steuerungstechnologien bereitstellenden Konzerne über die Großabnehmer des Handelskapital mit ihren Preisdiktaten bis zu den sogenannten "Endverbrauchern" reicht, die von alledem nichts mitkriegen und oft auch nichts mitkriegen wollen.

Ein weiterer unsympathischer Nebeneffekt der ganzen Malaise besteht deshalb darin, dass z.B. im Falle der chilenischen Lachsfarmen5 das Fleisch der Lachse so massiv von Antibiotika verseucht ist, dass ein Ausbruch einer riesigen Lachsgruppe wie kürzlich schon die Wasserqualität des umgebenden Ozeans in Frage stellte: Die angeblichen "hochwertigen" Nahrungsmittel entpuppten sich in ihrer Masse als gefährliche Zusammenballung von Schadstoffträgern, die die Meeresumwelt bedrohten.

Aquakultur in Chile. Bild: Gordon Leggett / CC-BY-SA-4.0

Irgendwie der totale Wahnsinn, sicher, aber betriebswirtschaftlich streng rational: Lachse, die dank Chemie doppelt so schnell wachsen und doppelt so groß geraten, wie es ihrer Natur entspricht, steigern den Profit hinsichtlich Rate und Masse - mehr ist auch nicht bezweckt. Und da die Konkurrenz nicht schläft und sich über diese Methoden der Kostpreis und damit die Konkurrenzfähigkeit am Markt bestimmt, wird immer weiter "optimiert", bis die Schwarte kracht...

Da kommt dann schließlich alles zusammen: Die Ignoranz und der schmale Geldbeutel der Konsumenten mit niedrigem Einkommen, die diese immer auf Billigangebote, die sich der maximalen Ausbeutung von Natur und auswärtiger Menschheit verdanken, schielen lässt, aber auch die konsumistische Dummheit derer, die sich zwar bessere Lebensmittel leisten könnten, aber prima hineinsozialisiert wurden in die "Schnäppchen"- und "Wegwerf"-Kultur, wird im Rahmen dieser Produktionsweise mit Waren zufriedengestellt, deren Produktionszweck der mit ihnen zu erzielende Profit ist, was ihrer Qualität entgegensteht, aber ihre Niedrigpreise als Konkurrenzmittel der kapitalistischen Massenproduktion verbürgt.

Insofern ist die Lebensmittelproduktion nur das drastischste Beispiel dafür, dass die Vermehrung von abstraktem Reichtum, von Geld als Kapital, den Gebrauchswert, die qualitativen Eigenschaften einer Ware nur als Voraussetzung, als unumgängliche Hülle für den diese Wirtschaftsweise dominierenden, in der gelungenen Geldvermehrung realisierten Bereicherungszweck ansieht, der in seiner rein quantitativ bestimmten, über die Zwänge der Konkurrenz vermittelten Abstraktheit keine immanente Schranke kennt und zulässt.

Jede Einlassung, die dies nicht thematisiert und nur von den technischen, räumlichen, hygienischen etc. Produktionsbedingungen der modernen Herstellung tierischer Lebensmittel, vom Konsumenten und den mangelhaften politischen Kontrollmechanismen schwadroniert, geht am politisch-ökonomischen Kern des Problems, den Prinzipien und Notwendigkeiten der Kapitalakkumulation vorbei, bei der es auf den in sich maßlosen Prozess der Profitmaximierung, nicht auf die Gebrauchswerte ankommt, die nur - profitabel! - verkäuflich sein müssen, mehr nicht. Und da muss man halt manchmal etwas nachhelfen...

Und so ist der Gebrauchswert dann eben auch beschaffen. Im Falle der Tierprodukte unter den Lebensmitteln geht dies oft schon bis zur Gesundheitsgefährdung. Von den armen Tieren, die nur noch lebendes Kapital, Rohmaterial und zugleich Träger des Verwertungsergebnisses vorstellen, ganz zu schweigen. (Rainer Schreiber)