Modernisierungsprojekte von US-Atomwaffen verzögern sich

Test einer B61-12. Bild: USAF

Betroffen sind die neuen B61-Atombomben, die auch über die nukleare Teilhabe nach Deutschland kommen sollen, und die neuen taktischen Trident-Nuklearsprengköpfe

Die "Modernisierung" der Atomwaffen in den USA scheint inmitten des nuklearen Wettrüstens, in das die USA, Russland und China längst eingetreten sind, ins Stocken zu geraten. Von fünf Modernisierungsprogrammen sind bislang zwei betroffen. Eigentlich hätte die Auslieferung der neuen Trident D5-Nuklearsprengköpfe mit geringer Sprengkraft bereits Ende des Jahres erfolgen und die Produktion der neuen B61-12-Atombomben 2020 beginnen sollen.

Nach Auskunft von Charles Verdon von der National Nuclear Security Administration (NNSA), berichtet Defense News, komme es bei den B61-12-Bomben zu einer Verzögerung von 18 Monaten. Sie sollen die älteren B61-Bomben ersetzen, die im Rahmen der so genannten nuklearen Teilhabe in Deutschland und anderen Nato-Staaten wie der Türkei oder Italien stationiert sind. Die Produktion des nuklearen Sprengkopfs W76-2 für die Trident D5-Marschflugkörper hatte zwar bereits zu Beginn des Jahres begonnen, wie die NNSA meldete, aber scheint auch in Schwierigkeiten geraten zu sein, was zu einer ähnlich langen Verzögerung führt.

Die Probleme sollen mit zugekauften Teilen in beiden Waffen zu tun haben. Nach Stresstests stünde in Frage, ob sie die 30 Jahre überstehen können, die als Lebensdauer veranschlagt werden. Weil man kein Risiko laufen wollte, habe man entschieden, erst einmal einen Ersatz zu suchen und dann mit der Produktion fortzufahren. Möglicherweise ginge das dann doch schneller als die 18 Monate, mit denen man rechnet.

Im Kongress hatten demokratische Abgeordnete, die zunächst der "Modernisierung" zugestimmt und Gelder bewilligt hatten, Kritik an den neuen Sprengköpfen W76-2 geäußert. Die Absicht war, deren Auslieferung durch Sperrung der Gelder noch zu verhindern (Streit um taktische Atomwaffen). W76-2 sind taktische Atomwaffen mit geringerer Sprengkraft, wie sie seit 2002 und auch im letzten Nuclear Posture Review (NPR) gefordert wurden (Im Taumel des Wettrüstens).

Die neuen Sprengköpfe für die Trident-Interkontinentalraketen haben den Vorteil, dass im Unterschied zur nuklearen Teilhabe die USA alleine über ihren Einsatz entscheiden können, sie würden auch unterschiedliche Angriffs- und Reaktionsmöglichkeiten eröffnen (Flexibilität) und als Bunkerbrecher dienen. Sie sollen auch nach der Aufrüstungslogik der Eskalation zur Deeskalation notwendig sein (Pentagon: (Erst)Einsatz von Atomwaffen kann hilfreich sein). Letztlich hat auch diese Entwicklung bereits das INF-Abkommen unterhöhlt, das sich nur auf bodengestützte Mittelstreckenraketen bezog, aber nicht die seegestützten einbezog. Gefährlich sind taktische Atomwaffen, die es beispielsweise in der Form der B61-Bomben mit kleineren Sprengköpfen - der kleinste soll eine Sprengkraft von 0,3 kt haben - längst schon gibt, deswegen, weil damit spekuliert wird, dass deren Einsatz noch unterhalb der Schwelle eines Atomkriegs liegen könnte, also keinen Gegenschlag auslösen müsste.

Die Suche nach neuen Teilen für die Sprengköpfe verzögert nicht nur die Produktion, was möglicherweise doch noch einen Einspruch des Kongresses ermöglichen würde, sie könnte die Atomwaffen auch deutlich teurer werden lassen. Kingston Reif von der Arms Control Association, vermutet auch, dass deswegen weitere Modernisierungsprogramme von Atomwaffen verzögert oder gestrichen werden könnten.

Testunglück in Russland

Aber nicht nur in den USA holpert das nukleare Wettrüsten. Wie das Unglück bei einem schief gelaufenen Test eines neuen Raketentyps am 9. August auf einem Testgelände der russischen Marine in der Region Archangelsk am Weißen Meer zeigt, bei dem 6 Mitarbeiter getötet wurden und es kurzzeitig zu einer erhöhten Radioaktivität kam, geht es den Russen nicht anders.

US-Geheimdienstmitarbeiter äußerten gegenüber der New York Times gar die Vermutung, es sei ein neuer Marschflugkörper mit Nuklearantrieb des Typs SSC-X-9 Skyfall (Zirkon) getestet worden sei, der "im Zentrum des Wettrüstens von Moskau mit den USA" stehe. In der oppositionellen Gaseta Novaja wurde dies auch vermutet. Ein Flüssigkeitsraketenantrieb mit einer Isotopenquelle sei ein Nuklearantrieb und letztlich ein "fliegender Tschernobyl-Reaktor" (Weiter Rätselraten über Explosion bei einem Raketenantriebstest).

Bei einem Unfall mit einem Nuklearantrieb, beispielsweise mit einem Minireaktor, hätte deutlich mehr Radioaktivität austreten müssen. Insofern ist das höchst unwahrscheinlich. Bei Pannen von Skyfall-Tests zuvor war keine erhöhte Radioaktivität festgestellt worden. Das Suggerieren, dass es sich um einen Test mit einem Nuklearantrieb gehandelt haben könnte, dürfte eher Versuchen geschuldet sein, Angst zu schüren und das Wettrüsten zu intensivieren. Das Schweigen von russischer Seite passt natürlich dazu. Eher ist anzunehmen, dass es sich tatsächlich um eine Nuklearbatterie, also was von russischen Behörden als Isotopenquelle bezeichnet wurde, oder um radioaktive Temperatursensoren gehandelt haben könnte, die in Triebwerken eingesetzt werden.

Oder es ging gar nicht um einen Marschflugkörper, sondern, wie Mitarbeiter des Rosatom-Forschungszentrums sagten, um Entwicklungen für das russische Weltraumprogramm oder für die Arktis. Für Weltraummissionen, natürlich auch militärischen, werden Nuklearantriebe entwickelt, was auch die Nasa macht, im Übrigen seit ihrer Gründung. Kleine Reaktoren könnten auch abgelegene Stützpunkte etwa in der Arktis mit Energie versorgen, was Russland mit seinem schwimmenden Reaktor realisieren will. Minireaktoren könnten auch dazu dienen, etwa für Laserwaffen die notwendige Energie zu liefern.

Das russische Verteidigungsministerium erklärte, man habe keinen Burewestnik-Marschflugkörper (Skyfall) getestet, sondern ein neues Flüssigkeitstriebwerk, bei dem Atom-Batterien verwendet werden, die die herkömmlichen Batterien ersetzen: "Der eigentliche Zweck der Atom-Batterien ist es, die Energie für einen Lichtbogen bereitzustellen, mit dem der Treibstoff des Boosters gezündet wird", schreibt die staatliche Sputnik News. "Der Treibstoff wird in der Brennkammer des Triebwerks mit einem Oxidationsmittel vermischt und durch den Lichtbogen gezündet. Es wird Schubkraft freigesetzt, die für die Beschleunigung der Rakete benötigt wird." Die Rakete würde schneller beschleunigt, der Antrieb sei nach einem Experten aber auch gefährlicher: "Der Treibstoff und der Oxidans sind aggressiv und explosiv. Für Menschen lebensgefährlich, es kann auch zu Vergiftungen kommen." Die Ursache des Unglücks sei unbekannt. Wiederholt wird, dass Atombatterien "beim Militär, in der Raumfahrt und in der wirtschaftlichen Erschließung entlegener Gebiete, in der Arktis zum Beispiel", benutzt werden.