Mörder und Götter

Die Krays - Teil 2

Teil 1: Könige der Unterwelt

Im März 1965 gaben die Krays zwei Reportern der Sunday Times ein Interview. Die durch Boothby alarmierten Juristen des Blatts sorgten dafür, dass in dem Artikel nichts über die kriminellen Aktivitäten der beiden Herren stand. Gewalt, Betrug, Zuhälterei und Pornofilme wurden durch Lokalkolorit ersetzt. Die Times berichtete deshalb über zwei farbige Charaktere aus dem East End, die bereits Teil der Londoner Folklore seien. Zum ersten Mal wurden in Verbindung mit den Krays Worte wie "Mythos" und "Legende" gebraucht. Damit begann ihr Aufstieg zu Helden des Pop. Der Artikel sprach sogar davon, dass sie in Verbindung mit dem Boothby-Fall "entdeckt" worden seien wie irgendein Starlet oder ein Schlagersänger.

Popstars

Francis Wyndham arbeitete für das Magazin der Sunday Times, wollte auch über Gangster schreiben und bat vier führende Familien um ein Gespräch. Nur die Krays antworteten. Sie kamen sogar persönlich vorbei. Wyndam war fasziniert, als er sich zwei Charakteren gegenüber sah, die direkt aus einem Dickens-Roman zu kommen schienen. Die Photos zum Artikel sollte David Bailey beisteuern. Bailey, der berühmteste Modephotograph der 60er (und das Vorbild für die Hauptfigur in Antonionis Blow-up), war ein Perfektionist. Die besten Bedingungen boten die Studios der Zeitschrift Vogue. Also lichtete Bailey die beiden Villains da ab, wo er sonst Supermodels photographierte.

Der Times wurde das irgendwann zuviel, sie verzichtete auf Wyndhams Artikel. Bailey arbeitete gerade an seiner "Box of Pin-ups", einer Sammlung mit Photos berühmter Persönlichkeiten der Sixties. Das inzwischen berühmt gewordene Doppelportrait der Krays nahm er mit auf. Bald konnte man es zusammen mit Bildern von Michael Caine, Peter O’Toole, Marianne Faithfull, Mick Jagger und den Beatles kaufen. Die Rückseite des Photos mit den Krays war mit dem von der Times abgelehnten Wyndham-Text versehen. Er erklärte sie zur "East-End-Legende", verglich sie mit Jesse James und anderen: "Sich in der Gegenwart der Zwillinge aufzuhalten bedeutet, sich in die Atmosphäre (lakonisch, üppig, gefährlich) eines frühen Bogart-Films zu begeben." Das Doppelportrait tauchte später auf dem Cover der Taschenbuchausgabe von John Pearsons The Profession of Violence (1972) auf, einem Kultbuch, das - obwohl sehr kritisch - ebenfalls dazu beitrug, dass die Krays Popstars wurden.

Die beiden Bücher von Pearson (2001 erschien noch The Cult of Violence) sind die besten, die man über die Krays lesen kann. Wir verdanken sie auch den beiden Gangstern. Die Krays waren sehr angetan von der Idee eines Verlegers, ein Buch über sie zu veröffentlichen - und noch mehr von dem Gedanken, dass man aus dem Buch einen Film machen könnte. Schreiben sollte das Buch John Pearson, der Autor von The Life of Ian Fleming. Das erste Treffen zwischen den Krays und ihrem Biographen fand 1967 in einem stattlichen Landhaus statt, vor dem ein hellblauer Rolls-Royce geparkt war. Beides hatte ihnen ein Freund zur Verfügung gestellt, weil im Film Gangster ein Landhaus und eine Nobelkarosse hatten. Pearson bemerkte Regs verletzte Hand und fragte, wie das geschehen sei. Die Antwort wurde später zum geflügelten Wort: "Gärtnern." Tatsächlich hatte er acht Tage zuvor Jack McVitie umgebracht und sich dabei mit einem Küchenmesser am Daumen verletzt. Dieser Mord war der Anfang vom Ende.

Jack "The Hat" McVitie

Ron sah das allerdings ganz anders. Wenn man ihn noch fragen könnte, würde er wahrscheinlich sagen, dass alles die Schuld von Frances Shea war, Regs zehn Jahre jüngerer Vorzeigefreundin für die Hetero-Phasen. Ron konnte Frances nicht leiden. Aber Reg hatte die Tendenz, sich in Frauen zu verlieben, die ihm Briefe ins Gefängnis schickten. Frances schrieb ihm regelmäßig, als er wegen der McCowan-Sache in Untersuchungshaft saß. Das war kurz nachdem Ron bekanntgemacht hatte, dass er der schwule Gangsterfreund Lord Boothbys war. Reg war besorgt, dass man auch ihn für homosexuell halten könnte. Noch im Gefängnis brachte er Frances dazu, seinen Heiratsantrag zu akzeptieren.

Die Hochzeit des Jahres

Geheiratet wurde im April 1965. Im East End war es die "Hochzeit des Jahres". Unter den Gästen befanden sich berühmte Boxer, Diana Dors, die Regisseurin Joan Littlewood und David Bailey, dem die Zwillinge erst vor ein paar Wochen Modell gesessen hatten. Er machte die Hochzeitsbilder. Eines davon (Ronnie, Reggie und Frances im Wohnzimmer in der Vallance Road) wurde 2007 in der National Portrait Gallery im Rahmen einer Ausstellung mit berühmten Pressephotos gezeigt. Den Krays hätte das sicher gefallen.

Für Reg war es Zeit, bei seiner Mutter auszuziehen. Weil er glaubte, das seinem Ruf schuldig zu sein, mietete er für sich und Frances eine Luxuswohnung am Marble Arch, die beide nicht wirklich wollten und wo sie todunglücklich waren. Sie wollten zurück ins East End. Ron hatte sich inzwischen ein im "marokkanischen Stil" eingerichtetes Apartment in Cedra Court zugelegt, einem jener luxuriösen Wohnblocks, an denen man bereits ablesen konnte, dass Teile des East End dabei waren, von der gehobenen Mittelschicht übernommen zu werden. Reg mietete die Wohnung unter der von Ron. Das war weder klug noch sehr zartfühlend. Bald ging er immer häufiger nach oben, wo Ron seine Sexpartys feierte. Frances verbrachte die Nacht allein, hörte durch die Decke Stimmen und Gelächter und in den Morgenstunden, wie die männlichen Gäste nach Hause gingen. Nach acht Wochen floh sie zu ihren Eltern. Ihrer Mutter erzählte sie, dass sie noch Jungfrau und dass ihr Gatte ein Perverser sei. Die Mutter erzählte das weiter. Als man im East End zu tuscheln begann, reichte eine Serviererin eine Vaterschaftsklage gegen Reg ein. Das wirkt wie ein verzweifelter Vertuschungsversuch des Mannes, der nicht schwul sein wollte.

Reg und Frances kamen nicht voneinander los. Reg fuhr täglich zum Haus der Sheas, die ihn nicht einließen. Also blieb er auf der Straße, wo Frances sich durch das geöffnete Schlafzimmerfenster mit ihm unterhielt. Oft stundenlang. Frances versuchte zweimal, sich umzubringen und wurde jeweils im letzten Moment gerettet. Während Reg bemüht war, sein nicht existierendes Eheglück zu retten, hegte Ron, der paranoide Schizophrene, weiter Mordgedanken. Auf seiner Feindesliste standen inzwischen auch die Richardsons. Einen Grund dafür gab es eigentlich nicht, weil man sich kaum in die Quere kam.

Mord im Blind Beggar

Blind Beggar

Charlie und Eddie Richardson betrieben auf der anderen Seite der Themse, in Südlondon, einige Schrottplätze, einen Pharmazie-Großhandel und eine Reihe von Schwindelfirmen. Als sie anfingen, ein paar wenig einträgliche Clubs in einem besonders tristen Viertel von South London zu übernehmen, erledigten sie sich selbst. In den Morgenstunden des 8. März 1966 trafen sie auf eine lokale Bande, die Widerstand leistete. Ein Gangster wurde erschossen. Es gab mehrere Verletzte. Eddie Richardson wurde mit einer Schusswunde ins Krankenhaus eingeliefert. Fast alle Mitglieder der Richardson-Bande waren an der "Battle of Mr. Smith’s Club" beteiligt gewesen, und dafür gab es auch Beweise. Die Bande war am Ende.

George Cornell

Bis heute wird darüber gerätselt, warum Ron Kray und sein Leibwächter Ian Barry am 9. März 1966, kurz vor fünf Uhr abends, den Blind Beggar betraten. In dem Pub stand George Cornell und trank sein Bier (was man dort noch immer tun kann). Cornell war einer der Folterknechte der Richardsons und das einzige wichtige Bandenmitglied, das nicht festgenommen, auf der Flucht oder im Krankenhaus war. Vielleicht wollte Ron der Bande den Rest geben. Vielleicht wollte er sich dafür rächen, dass Cornell ihn angeblich "that fat poof" genannt hatte (dieser fette Schwule). Oder er wollte einfach nur wissen, wie es ist, wenn man jemanden tötet (später erzählte er seinen Freunden, dass er dabei einen Orgasmus gehabt habe). Ron war kurzsichtig und schoss fast so schlecht, wie er Auto fuhr. Er trat so nah an Cornell heran, dass sogar er treffen musste. Cornell sagte "Schau mal, wer da ist." Dann schoss ihm Ron Kray in die Stirn.

Blind Beggar

Als Reg davon erfuhr, organisierte er eine Wohnung, in der sich sein Bruder verstecken konnte. Ron betrank sich dort, während er seine Platten mit Churchills Kriegsreden hörte. Bald konnte er wieder auftauchen. Im Blind Beggar soll es ungefähr 30 Zeugen gegeben haben. Niemand war zu einer Aussage bereit. Einmal auf den Geschmack gekommen, schoss Ron weiter um sich. Dabei gab es mehrere Verletzte. Es war ein offenes Geheimnis, dass Ron Kray Cornell getötet hatte. Zu beweisen war es vorerst nicht, und die Polizei gab sich auch keine besondere Mühe. Ron genoss jetzt, wie es in Gangsterkreisen heißt, mehr "Respekt" als je zuvor (das heißt, er war noch gefürchteter als zuvor). Anfangs war der Mord gut für das Geschäft, weil niemand Ron einen Wunsch abschlagen konnte. Aber auf lange Sicht zahlt es sich nicht aus, wenn die Freunde (wie Leslie Payne) mehr Angst vor einem haben als die Feinde. Von Zeit zu Zeit muss auch der brutalste Gangster zeigen, dass er gut zu seinen Leuten ist. Das ist in jedem Film so, und Ron Kray kannte alle Gangsterfilme. Vielleicht war es also eine PR-Maßnahme, als er beschloss, seinen alten Freund Frank Mitchell zu befreien.

Der verrückte Axtmörder

Mitchell saß jetzt in Dartmoor, wo sich der Direktor für seine Entlassung stark machte. Weil fest mit einer Begnadigung gerechnet wurde, hatte Mitchell viele Privilegien. Bei Arbeitseinsätzen im Moor hatte niemand etwas dagegen, wenn er ausgedehnte Spaziergänge unternahm. Eine Befreiung war also völlig unnötig. Trotzdem schickte Ron am 12. Dezember 1966 zwei Männer zu einem Pub in Dartmoor. Dort erschien Mitchell und stieg ins Auto. Dann fuhren die Drei davon. Das war die Befreiung. Das größte Problem bestand darin, dass keiner der beiden Befreier einen gültigen Führerschein hatte. Bevor sie das Fluchtauto mieten konnten, musste erst eine Fahrerlaubnis besorgt werden. Mitchell stand geistig auf der Entwicklungsstufe eines kleinen Kindes. Passend zum Anlass trug er eine schwarze Strumpfmaske. Seine Retter überredeten ihn, sie abzunehmen, um nicht unnötig aufzufallen.

Mitchell wurde in eine vorbereitete Wohnung im East End gebracht. Er sollte es so machen wie Boothby und einen Brief an die Times schreiben, in dem er von den 18 Jahren berichtete, die er nun schon im Gefängnis saß. Dann würde er begnadigt werden. Das war der Plan. Die Times druckte den Brief tatsächlich ab, aber die Begnadigung ließ auf sich warten. Ronnie auch. Der beste Freund des "verrückten Axtmörders" hielt sich gerade wieder versteckt. Er litt unter Depressionen und fühlte sich verfolgt. Schon lange konnte er nicht mehr allein schlafen, weil er Angst vor der Dunkelheit hatte (er hatte auch Angst vor Mäusen). Jede Nacht trank er sich bewusstlos; wie üblich zu Churchills Kriegsreden. Auch wie üblich musste Reg sich allein um den Schlamassel kümmern, den Ron angerichtet hatte. Der Riese Mitchell wollte nicht mehr länger in seinem Versteck eingesperrt sein und zu Violet in die Vallance Road gehen (mit seiner Strumpfmaske, damit ihn niemand erkennen würde), um mit ihr seine Probleme zu besprechen. Um ihn zu beruhigen, besorgte ihm die Firma eine Frau, die Bardame Lisa, die für 100 Pfund in bar bereit war, ihm ein paar Tage Gesellschaft zu leisten. Mitchell verliebte sich in Lisa und wollte sie nicht gehen lassen.

Mitchell war viel zu groß und zu auffällig, um ihn außer Landes zu schmuggeln. Aber was sonst? Jemand kam auf die Idee, dass er für die Firma so gefährlich geworden war wie ein tollwütiger Hund. Und man wusste, was mit einem tollwütigen Hund zu tun war. Am Abend des 24. Dezember 1966 wurde er unter dem Vorwand, dass man ihn in das Landhaus der Zwillinge bringen werde, wo er mit Lisa Weihnachten feiern könne, in einen Lieferwagen gelockt. Dort wurde er vom Gangsterboss Freddie Foreman und einem seiner Leute erschossen. 1969 wurden Foreman und die Zwillinge deshalb unter Mordanklage gestellt. Es gab keine Leiche und keine Beweise. Alle drei wurden freigesprochen. 1996 veröffentlichte Freddie Foreman seine Autobiographie. Darin und in einer Fernsehsendung gestand er den Mord (das war gut für die Auflage, und Foreman konnte nicht zweimal wegen derselben Straftat angeklagt werden). Den Körper warf er angeblich vor Newhaven ins Meer. Es kann sein, dass er mit der Behauptung jemanden schützen wollte. Bis heute gibt es Gerüchte, dass die Krays einen Bestattungsunternehmer dafür bezahlten, Leichen zu entsorgen. Mindestens zwei weitere Männer aus ihrem Umfeld sind spurlos verschwunden.

Die Beerdigung des Jahres

Reg fuhr fast jeden Abend zum Haus der Sheas und sprach mit Frances. Danach betrank er sich und saß brütend herum. Frances war schon immer sehr nervös gewesen. Reg empfahl ihr die Amphetamine, die er auch selber nahm. Im Juni 1967 wohnte sie bei ihrem Bruder. Dort beging sie ihren dritten Selbstmordversuch. Diesmal mit Erfolg. Nach der Hochzeit des Jahres organisierte Reg die Beerdigung des Jahres, mit zehn Limousinen für die Trauergäste. Im Chingford-Friedhof kaufte er eine Grabstätte, die groß genug für sie beide war. Jedes Mitglied der Firma und zahlreiche Gangster schickten einen Kranz. Reg kaufte drei: darunter ein fast zwei Meter hohes Herz aus roten Rosen, durch dessen Mitte eine Linie aus weißen Rosen lief; das sollte Regs gebrochenes Herz symbolisieren. Bald glaubte er, dass die Sheas an allem schuld waren. Frances’ Eltern hatten ihre große Liebe zerstört. Er fuhr regelmäßig zum Grab, mitunter mehrmals am Tag. Dort weinte er und hielt lange Monologe über ihre unsterbliche Liebe.

Die Heirat war auch ein Versuch gewesen, von seinem wahnsinnigen Zwilling loszukommen. Nach Frances’ Tod brachte Ron Reg wieder ganz unter seine Kontrolle. Das machte er so, wie er es schon immer getan hatte: indem er ihn in seine Gewalttaten mit hineinzog. Bei einer Geschäftsreise nach Afrika hatte er vom Kult der Leopardenmänner gehört und davon, dass neue Mitglieder als Initiationsritual einen Mord begehen mussten. So etwas stellte er sich auch für die Firma vor. Er selbst hatte mit Cornell den Anfang gemacht. Jetzt war sein Bruder an der Reihe.

Reg trank jeden Abend Gin und dazu starken Kaffee, um nicht einzuschlafen. In der ersten Phase erzählte er Rührseliges über sich und Frances. Dann schlug die Sentimentalität in Aggression um. Im East End musste man damit rechnen, dass Reg jederzeit irgendwo auftauchen konnte, um jemanden dafür zur Rechenschaft zu ziehen, dass er angeblich ihn oder seine Frau beleidigt hatte. Er war ein genauso schlechter Schütze wie Ron. Meistens schoss er daneben. Aber mindestens zwei Männern schoss er ins Bein. Ron spornte ihn an. Weil Reg alles egal war, musste sich nun Charlie, der ältere Bruder der Zwillinge, darum kümmern, dass "aufgeräumt" wurde.

Rons Paranoia schien ansteckend zu sein und nun auch Reg erfasst zu haben. Das war beängstigend. Altgediente Bandenmitglieder setzten sich ab und erhielten Morddrohungen. Aber die Firma war auch attraktiv. Im Grunde war es, wie sich vor Gericht zeigte, ein ziemlich trauriger Haufen. Doch der Ruf der Firma war enorm. Die Kray-Bande galt als die gefährlichste des ganzen Landes. Wer ihr angehörte, zahlte die Drinks selten selbst, kam leichter an Frauen heran, hatte ein sicheres Einkommen und konnte sich durch private Schutzgelderpressung etwas dazuverdienen. Ronnie Hart, ein Cousin der Krays, wurde zum Fremdenführer. Besondere Gäste der Zwillinge chauffierte er persönlich zum Blind Beggar, wo Ron George Cornell ermordet hatte.

Mord bei Blonde Carol

Eine im Grunde traurige Figur war auch Jack "The Hat" McVitie, der seine Glatze unter einem Hut verbarg und den supertoughen Villain gab. Um das durchzuhalten, nahm er extrem starke Aufputschmittel ("black bombers"). Er war ein Alkoholiker und Frauenheld. Eine seiner Liebschaften warf er aus dem fahrenden Auto, das Opfer erlitt eine schwere Verletzung des Rückgrats. Im September 1967 glaubte Ron, dass sein früherer Ratgeber Leslie Payne die Firma an die Polizei verraten habe. McVitie sollte ihn erschießen. Er bekam eine Anzahlung von 100 Pfund, vermasselte den Auftrag und machte eine für die Firma peinliche Szene in einem von Freddie Foremans Clubs. Als er wieder nüchtern war, entschuldigte er sich bei Reg. McVitie erzählte von seinen schlechten Nerven, seinen Schulden und seinem kranken Kind. Reg war sentimental und in seinen guten Phasen ein sehr netter Mensch. Er gab McVitie noch einmal 50 Pfund. Aber Ron wollte die Anzahlung zurück. Im Suff stieß McVitie Drohungen gegen die Krays aus. Das alles, oder ein Teil davon, wurde bei nachträglichen Rationalisierungen als Grund für den Mord angeführt. Doch eigentlich scheint es nur darum gegangen zu sein, dass auch Reg endlich töten sollte.

Der Mord war alles andere als glamourös. Schauplatz war eine Kellerwohnung in Hackney. Dort lebte die Blondine Carol Skinner mit ihren beiden Kindern und einem Angestellten der Krays. Blonde Carol gab eine Party und wurde mit ihren Gästen in eine Kneipe geschickt. Die Krays brauchten die Wohnung für eine "private Feier". Die arbeitslosen Lambrianou-Brüder, Chris und Tony, waren eng mit McVitie befreundet und wollten unbedingt in die Firma aufgenommen werden. Als Eignungstest lockten sie McVitie zur Party bei Blonde Carol. Da warteten die Krays mit ihrem Cousin Ronnie Hart und ein paar anderen ihrer Leute.

Die genaueste Beschreibung des Mordes stammt von Hart. Reg wollte McVitie in den Kopf schießen, aber die Pistole hatte Ladehemmung. Ron schrie Reg an, ein Mann zu sein und McVitie umzubringen. Chris Lambrianou war klar geworden, was er getan hatte; er saß draußen vor der Tür und weinte. Einer von der Bande holte ein Küchenmesser. McVitie versuchte, durch ein Fenster zu entkommen, blieb stecken und wurde zurück in die Wohnung gezerrt. Ron hielt ihn von hinten fest, als Reg ihm mit dem Küchenmesser ins Gesicht stach, knapp unterhalb des Auges. McVitie ging in die Knie. Reg stach ihm in den Bauch und in die Brust. Als McVitie immer noch nicht tot war, stach ihm Reg durch den Hals, drehte das Messer mehrfach in der Wunde um. In der brutalsten Version des Tathergangs nagelte er ihn mit dem Messer an den Fußboden. Hart stopfte McVitie ein Taschentuch in den Mund, aus dem Blut quoll. Diese Details werden hier erzählt, weil der Mord später glorifiziert wurde. Dazu gibt es überhaupt keinen Anlass.

Überall in der Wohnung war Blut. Als Blonde Carol nach Hause kam, hatten die Lambrianous wenigstens den blutgetränkten Teppich halbwegs gereinigt. Sie stellte keine Fragen. Tags darauf kamen Abgesandte der Firma und wechselten die komplette Wohnungseinrichtung aus. Die Leiche wurde noch in der Nacht, in eine Daunendecke gewickelt, in den Kofferraum eines Autos verfrachtet. Jemand sollte sie irgendwo im East End entsorgen, überquerte aber stattdessen die London Bridge nach Süden und stellte das Auto bei einer Kirche ab. Als Charlie Kray davon erfuhr, rief er bei Freddie Foreman an. Danach ging es stümperhaft weiter. Foreman musste schon deshalb mitmachen, weil er sonst selbst in Verdacht geraten wäre. Die Firma hatte das Auto mittlerweile in seiner Straße geparkt. Freddie musste es erst suchen und aufbrechen, weil er keinen Schlüssel hatte. Auf dem Rücksitz lag die Leiche, in die blutige Daunendecke gewickelt. Foreman ließ das Auto auf einem Schrottplatz verschwinden. McVitie versenkte er, nach seinen Angaben, wie Mitchell im Meer. Auch diese Leiche wurde nie gefunden. 1969 wurden Charlie Kray und Freddie Foreman wegen Beihilfe zum Mord an McVitie verurteilt.

Bisher hatten die Zwillinge immer Glück gehabt. Aber im Herbst 1967 starb überraschend Sir Joseph Simpson, für viele die Personifizierung der Korruption im Polizeiapparat. Simpsons Nachfolger als Polizeichef war ein Mann des Übergangs. Sein Stellvertreter, Peter Brodie, machte sich Hoffnungen auf den Posten. Dafür brauchte er einen spektakulären Erfolg. Bei einer Pressekonferenz erklärte er, das organisierte Verbrechen in London ausmerzen zu wollen. Das war gerade sehr populär, weil im Prozess gegen die Richardsons viele abstoßende Details über Folterungen bekannt geworden waren. Leonard "Nipper" Read, Mitglied der Mordkommission, leitete die Ermittlungen gegen die Krays. Read war ein Polizist der neuen Generation. Statt sich auf Instinkt und Schnelligkeit zu verlassen wie die alten Helden von Scotland Yard, setzte er auf ein gut organisiertes Team, auf das geduldige Zusammentragen von Beweismaterial. Offiziell klärte er einen Mord in Nordirland auf, weil Brodie den eigenen Leuten nicht traute. Leslie Payne hätte vermutlich nie gegen die Krays ausgesagt, wenn sie nicht versucht hätten, ihn umbringen zu lassen. Jetzt fürchtete er um sein Leben. Er erzählte Read, was er über die Firma wusste. Das Protokoll mit seiner Aussage umfasst mehrere hundert Seiten. Das war ein Durchbruch. Es gab kaum Vorarbeiten seiner Kollegen, auf die Read hätte aufbauen können. Offenbar hatte man sich bei Scotland Yard nur wenig für die Kray-Bande interessiert.

Giftspritzen und Autobomben

Alan Cooper, der Mann mit der Privatbank und Rons neuer Ratgeber, war immer für eine filmreife Idee gut. Im April 1967 organisierte er eine USA-Reise, damit Ron die führenden Köpfe der Mafia treffen konnte. Aber diese waren misstrauisch und ließen sich nicht blicken. Cooper gab später zu, dass er einen befreundeten Schauspieler bat, als Mafioso aufzutreten, damit Ron einen Gangsterboss treffen konnte. Wieder in London, wollte Ron endlich die Idee verwirklichen, eine international operierende Agentur für Auftragsmorde zu gründen. Cooper schien auch dafür der richtige Mann zu sein und hatte bereits bewiesen, dass er Sprengstoff und Schusswaffen aller Art beschaffen konnte (darunter zwei Maschinenpistolen der Marke Browning, mit der Filmgangster traditionell ihre Opfer durchlöchern).

Cooper dachte sich interessante Methoden aus, Leute umzubringen und zeigte Ron die Instrumente, mit denen man die Morde ausführen konnte, vom Hochgeschwindigkeitsbogen mit Stahlpfeilen über eine Autobombe bis zu einer in einem Koffer mit Sprungfeder versteckte Todesspritze mit Zyankalifüllung. Cooper hatte auch einen Killer zur Hand, einen Mann namens Elvey. Es ging aber immer etwas schief, wenn Elvey versuchte, einen Konkurrenten der Krays oder einen gefährlichen Zeugen zu töten. Read bekam schließlich einen Tipp von einem Gangsterfreund Leslie Paynes. Cooper wurde festgenommen, als ihm ein Kurier sechs Pfund Dynamit übergab. Beim Verhör behauptete er, seit zwei Jahren als V-Mann für John du Rose zu arbeiten, den Chef der Mordkommission. Das war keine Erfindung.

Cooper, früher Rauschgift- und Goldschmuggler, war dem FBI ins Netz gegangen und arbeitete seitdem als Undercover-Agent, um nicht ins Gefängnis zu müssen. Direkt unterstellt war er einem pensionierten, der US-Botschaft in Paris angegliederten Admiral, der ein guter Freund von John du Rose war. Du Rose und der Admiral hofften, mit Coopers Hilfe die Krays und amerikanische Mafiabosse dingfest machen zu können. Read und Brodie wussten davon nichts. Elvey, der verhinderte Profikiller, wurde festgenommen. Er war geistesgestört. Cooper erklärte, er habe ihm die Mordaufträge gegeben, weil sicher gewesen sei, dass er sie nicht ausführen könne. Aber die Spritze im Koffer, die Autobombe und der Bogen funktionierten so gut wie die Maschinenpistolen. Das alles wurde von Scotland Yard zur Verfügung gestellt. Es war einfach nur Glück, dass Ron Kray und Elvey niemanden damit umgebracht hatten. Read überzeugten die aberwitzigen Pläne davon, dass mit weiteren Morden zu rechnen war und er schnell handeln musste, obwohl die Ermittlungen noch lange nicht abgeschlossen waren.

In den späten 60ern und den frühen 70ern wurden viele von den tristen Reihenhaussiedlungen, die bis dahin das East End geprägt hatten, abgerissen. Familien, die seit Jahrzehnten Tür an Tür miteinander gelebt hatten, wurden dadurch auseinandergerissen. Betroffen war auch die Vallance Road. Violet und ihr Mann bezogen das oberste Apartment in einem modernen Wohnblock in der Bunhill Row. Im März 1968 richteten die Zwillinge dort ihr Hauptquartier ein. Am frühen Morgen des 7. Mai 1968 brach die Polizei die Wohnungstür auf. Die Krays wurden im Schlaf überrascht und festgenommen. Es war Teil einer großangelegten Operation, bei der zeitgleich alle führenden Mitglieder der Kray-Bande festgenommen wurden. Read wollte sicherstellen, dass diesmal keine Zeugen eingeschüchtert wurden.

Monster vor Gericht

Ronnie und Reggie scheinen von da an nur noch an ihrem Ruhm interessiert gewesen zu sein. Bei der Voruntersuchung (sie war öffentlich, weil die Krays dem zugestimmt hatten) erfuhr man allerlei Sensationelles, von dem in der Hauptverhandlung nicht mehr die Rede war. Deshalb wurde nie endgültig geklärt, ob die Krays wirklich geplant hatten, einen afrikanischen Politiker aus dem Gefängnis zu befreien und an die Spitze einer ihnen genehmen Regierung zu setzen (daraus wurde der Film The Wild Geese mit Richard Burton) und wie ernst es ihnen damit gewesen war, den Papst zu entführen (die Ausgangsidee für Hitchcocks Family Plot). Es ging nicht darum, wie die Krays ihr Geld verdient hatten, ob die Londoner Unterwelt strukturiert war wie die Mafia und ob es in Großbritannien ein organisiertes Verbrechen gab. Die zehn Angeklagten wurden nur des Mordes bzw. der Beihilfe zum Mord an Cornell und McVitie beschuldigt; der Mitchell-Mord wurde getrennt verhandelt. Offiziell wurde das damit begründet, dass der Prozess nicht übermäßig in die Länge gezogen werden sollte. Der Polizei ersparte die eingeschränkte Anklage einige Peinlichkeiten (Cooper und seine verrückten Pläne). Man musste auch nicht darüber verhandeln, wie sehr sich kriminelle Strukturen in der britischen Gesellschaft verfestigt hatten. Und keiner der berühmten Freunde und Geschäftspartner der Krays musste aussagen.

Ronnie Hart, einer der Hauptbeteiligten am McVitie-Mord, gab im Verhör alles zu und wurde Kronzeuge. Der Cousin, der den Bandenchef verrät, ist seitdem ein beliebter Bestandteil des Gangsterfilms. Das gilt sogar für American Gangster mit Denzel Washington, der auch sonst voller vom East End nach Harlem verlegter Kray-Elemente steckt. Die Zwillinge hätten das bestimmt als Triumph empfunden. Ihre an The Public Enemy, Little Caesar, Scarface und The Roaring Twenties ausgerichtete Karriere beeinflusst nun ihrerseits den amerikanischen Gangsterfilm. Noch besser war allerdings das, was der Prozess bereithielt: im Publikum saß einer von Rons Kulturhelden, General Gordon - zumindest in Gestalt von Charlton Heston, der ihn im Film verkörpert (Khartoum, 1966). Heston und die Krays korrespondierten später miteinander.

Insgesamt sagten 28 Kriminelle gegen die Krays aus. Sie alle hatten mit den Justizbehörden einen Handel gemacht und ein Interesse daran, dass die Zwillinge nie mehr freikamen. Der Öffentlichkeit wurden zwei Monster in Menschengestalt präsentiert. Für Motive und Hintergründe war da kein Platz. Niemand machte mildernde Umstände geltend. Es ging nicht darum, dass Ron Kray schizophren war und auch nicht darum, dass Reg Kray betrunken war und unter Drogen stand, als er McVitie tötete. Die Zwillinge hatten ihre Anwälte entsprechend instruiert. Sie wollten als die legendären Könige der Unterwelt verurteilt werden, als Jesse und Frank James und nicht als ein krimineller Geisteskranker und sein von ihm abhängiger Zwilling. Der Richter hätte sie gern gehängt, aber die Todesstrafe war seit 1964 abgeschafft. Er verurteilte die Kray-Zwillinge (beide 34) zu lebenslangen Haftstrafen und empfahl, sie mindestens 30 Jahre lang ins Gefängnis zu stecken. Auch die acht Mitangeklagten erhielten sehr hohe Haftstrafen von 7 bis 20 Jahren. Normalerweise werden Verbrecher schnell vergessen, wenn sie erst hinter Zuchthausmauern verschwunden sind. Nicht in diesem Fall. Der Prozess war der Beginn der großen Kray-Show.

Und wenn sie nicht gestorben sind...

Die Firma im Club (Performance)

Nach dem Urteilsspruch trauten sich viele, über das zu reden, was nicht zu dem geschönten Bild passte, das Reg und Ron gern von sich zeichneten (tolle Boxer, Robin Hoods des East End, erfolgreiche Geschäftsleute und Philanthropen). Ihr Biograph John Pearson konnte deshalb ein ganz anderes Buch schreiben als das, das sich die Zwillinge vorgestellt hatten. Sie hassten The Profession of Violence. Dann fingen sie an, Exemplare davon im Gefängnis zu verteilen. Welcher andere Häftling konnte schon die eigene Biographie verschenken? Später ließen sie von einer bekannten Fernsehpersönlichkeit ihre Autobiographie schreiben, der weitere Werke folgten. Als sie starben, hatten sie mehr Bücher veröffentlicht als die Brontës oder Jane Austen, wie Iain Sinclair es einmal formuliert hat.

Wohnen im marokkanischen Stil (Performance)

David Litvinoff, der die Zwillinge in die Schickeria von Chelsea eingeführt hatte, half Donald Cammell beim Schreiben des Drehbuchs für Performance. Christopher Gibbs übernahm das Produktionsdesign und richtete das Haus des Rockstars Turner (Mick Jagger) ein - im marokkanischen Stil, den Ron Kray auch für seine Wohnung in Cedra Court gewählt hatte. Zur Vorbereitung auf den Film tauchte Litvinoff mit James Fox (Chas) einige Wochen ins East End ab; Johnny Shannon bereitete er auf seine Rolle als schwuler Gangsterboss vor. Kurz vor Drehbeginn, im Herbst 1968, nahm Francis Wyndham Fox mit ins Gefängnis von Brixton und stellte ihn Ron Kray vor, der da auf seinen Prozess wartete. Herausgekommen ist ein Film, den man unbedingt gesehen haben sollte. Mit Get Carter (1971) hat Mike Hodges das zweite von den Krays inspirierte Meisterwerk des britischen Gangsterfilms gedreht. Eine kaum bekannte, in England jetzt endlich auf DVD erschienene Perle des Genres ist Villain (1971) von Michael Tuchner. Richard Burtons shakespeareanische Ron-Kray-Interpretation ist so neurotisch-unheimlich wie keine andere. Dem Prozess gegen die Krays verdanken wir die "goldenen Jahre" des britischen Gangsterfilms.

Beim Villain daheim (Get Carter)

Nur die Verfilmung von The Profession of Violence ließ auf sich warten. Aber Reg hielt im Gefängnis seine schützende Hand über den Manager der Popgruppe The Who, der wegen Raubes verurteilt worden war, dann seine Unschuld beweisen konnte und Reggie ewig dankbar war. Er stellte den Kontakt zu Rock- und Popstars sowie deren Managern her. Sie alle halfen mit, dass die Krays nicht vergessen wurden. 1979 ließ sich Ron ein zweites Mal für geisteskrank erklären, weil er danach aus dem Hochsicherheitsgefängnis in das Krankenhaus Broadmoor verlegt wurde. Dort durfte er so viel Besuch empfangen wie er wollte. Damit begann die lange Prozession der Produzenten, Regisseure, Autoren und Stars, die zu Ronnie Kray pilgerten, um über das Filmprojekt zu reden. Roger Daltrey, Leadsänger der Who, war genauso für eine Hauptrolle im Gespräch wie Robert Duval und Richard Burton, der Ronnie kurz vor seinem Tod noch im Gefängnis besuchte.

Der Villain vor der Arbeit (Villain)

1982 starb Violet Kray. Die Zwillinge organisierten eine pompöse Beerdigung. Es war ihr erster gemeinsamer Auftritt in der Öffentlichkeit nach 13 Jahren und eine triumphale Heimkehr. Als sie am 12. August vor der alten Kirche von Chingford eintrafen (jeweils mit Handschellen an einen besonders großen Beamten gefesselt, damit sie klein und unbedeutend wirkten), wurden sie von Gangstern, ehemaligen Nachbarn und Schaulustigen begeistert empfangen. Die Beisetzung war ein Medienevent. "Die Leute aus dem East End", hieß es später in einem Zeitungsartikel, "sprechen mit viel Zuneigung von den Kray-Zwillingen. Man betrachtet sie, wenn nicht gerade als Robin Hoods, so doch bestimmt als zwei Männer, die Frieden und Sicherheit in den Straßen aufrechterhielten." Vielleicht stimmte das sogar. Im milden Licht der Erinnerung verklärt sich so manches.

Der Villain bei der Arbeit (Villain)

Charlie Kray wurde 1974 entlassen, gründete eine erfolglose Popgruppe und verdiente dann sein Geld damit, dass er der Bruder der berühmten Kray-Zwillinge war. Der Name Kray war Gold wert. Der Medienrummel rund um Violets Beerdigung kurbelte den Verkauf von Merchandising-Produkten an, vom T-Shirt mit dem Konterfei der Zwillinge bis zum Computerspiel "The Firm". Weil verurteilte Straftäter keinen Profit aus ihren Verbrechen ziehen dürfen, leitete Charlie das Unternehmen Krayleigh Enterprises, das außer Fanware auch Türsteher sowie Personen- und Objektschutz anbot. Eine berühmte Kray-Anekdote ist die mit dem Finanzbeamten, der zu Ronnie nach Broadmoor kam und eine Steuerforderung in Höhe von 370 000 Pfund präsentierte. Bezahlt wurde nie, weil Ron offiziell kein Geld hatte. Keiner hat je behauptet, das Finanzamt habe zuviel verlangt.

Der schwule Ron war ein Mann mit Humor. 1985 gab er bekannt, dass er doch bisexuell sei und heiratete die 29-jährige Elaine. Für den Exklusivbericht über die Hochzeit zahlte das Boulevardblatt Sun angeblich 20 000 Pfund; die Photos kosteten extra. In den folgenden Jahren verkaufte Ron immer neue Geschichten an die Presse, etwa über seine Anträge, die Ehe endlich vollziehen und Zwillinge zeugen zu dürfen. Als Elaine von dem Theater genug hatte, verkaufte er die Geschichte über die Scheidung. Reg, offiziell noch immer heterosexuell, schrieb romantische Briefe an diverse Damen. Deren Inhalt landete immer irgendwie in der Zeitung, wo dann spekuliert wurde, wer wohl die Auserwählte sein würde.

Gangster-Apotheose

Reggie und Ronnie mit ihrer Mamma (The Krays)

1989 kaufte der Manager von Queen die Filmrechte an The Profession of Violence. Martin und Gary Kemp von Spandau Ballet (Lady Dis Lieblingsgruppe) spielen in The Krays die Zwillinge. Wenn man den von Peter Medak inszenierten Film sieht, sollte man daran denken, dass er nur mit Ronnies und Reggies Einverständnis gedreht werden konnte. Das erklärt so manches. Violet ist die Mutter mit dem Herz aus Gold. Ron ist ein Pate wie Marlon Brando in The Godfather, bei dem sich die Frauen des East End über den brutalen McVitie beklagen. Reg ist nicht schwul, und Frances bringt sich um, weil sie jung und von der Situation überfordert ist. Cornell ist der "Wurm", als den Ron ihn nachträglich beschrieben hat. Etc. Warum aber Philip Ridley für sein ziemlich abenteuerliches Drehbuch einen Bafta-Award erhielt (der britische Oscar), bleibt rätselhaft. Vielleicht liegt es am Anfang und am Ende des Films. Da träumt Violet, dass sie ein Schwan ist und ein Ei legt. Im Ei hört man Kinderstimmen. Als die Schale aufbricht, bringt sie die Zwillinge zur Welt. Das soll scheinbar eine Anspielung auf Leda sein, die von Zeus (in Schwanengestalt) begattet und dann Mutter zweier Halbgötter wird. Reg und Ron Kray als Castor und Pollux. Ironiesignale sind nicht zu erkennen.

Reggie und Ronnie nach der Arbeit (The Krays)

The Krays löste in Großbritannien eine Welle von neuen Gangsterfilmen aus (statt Lock, Stock, and Two Smoking Barrels von Guy Ritchie sollte man sich besser Gangster No. 1 oder Sexy Beast anschauen). Ron heiratete Kate, die ihm nach der Lektüre von The Profession of Violence einen begeisterten Brief geschickt hatte. Zur Hochzeit in Broadmoor ließ er sie in einem weißen Rolls-Royce bringen. Weil Lord Snowdon nicht zu bekommen war, zahlte er Lord Lichfield, einem Cousin der Königin, 2000 Pfund für ein Photo von der Braut. Harrod’s lieferte das Hochzeitsfrühstück. Aber Kate war eine Enttäuschung. Sie äußerte sich respektlos über Ron und schlief mit einem von Regs Liebhabern, der aus dem Gefängnis entlassen worden war.

Reggie und Ronnie mit ihrer Mamma (The Krays)

Ron Kray starb am 17. März 1995 an den Folgen eines Herzanfalls. Reg richtete ihm ein prächtiges Begräbnis aus - später wurde es mit der Beisetzung von Winston Churchill verglichen. Die Sargträger waren Repräsentanten der kriminellen Bezirke Londons. In den Medien erfuhr man, dass es sich um eine alte Tradition der Londoner Unterwelt handelte (eine "Tradition", die Reg gerade erst erfunden hatte). Am Ende der Trauerfeier in der Kirche St. Matthews wurde eine Platte mit Rons Erkennungsmelodie aufgelegt: Frank Sinatra sang "I did it my way". Sechs Rappen zogen den gläsernen Leichenwagen mit Rons Sarg durch Bethnal Green, von der Kirche zum Chingford Mount Cemetary. Es folgten 26 Luxuslimousinen mit ausgewählten Trauergästen. Als der Sarg in die Grube gelassen wurde, flog eine der letzten noch existierenden Spitfires aus der Schlacht um England über den Friedhof und erwies dem toten Gangster ihre Referenz. Ganz wie bei Churchill. Wie Reg das angestellt hatte, weiß man bis heute nicht so genau.

1997 heiratete Reg, jetzt 63, die 36-jährige Roberta. Im Gefängnis. Auch nach Ablauf der vom Richter empfohlenen 30 Jahre wurde er nicht freigelassen. Das geschah erst, als er unheilbar an Darmkrebs erkrankt war und bereits im Sterben lag. Er starb am 1. August 2000. Kurz zuvor hatte er der BBC noch ein Interview gegeben. Roberta hatte drei Jahre lang, unterstützt von Menschenrechtsorganisationen, für seine Haftentlassung gekämpft. Sie wollte ihren Mann beerdigen, nicht den Gangster, und war deshalb gegen Villains als Sargträger. Die Londoner Unterwelt war empört und beklagte den Verlust einer "jahrhundertealten Tradition". Freddie Foreman, der alte Leichenentsorger der Krays, boykottierte die Feierlichkeiten. Gesichtet wurde dafür Nipper Read. Ihm hatte man nach dem Prozess eine große Karriere bei Scotland Yard prophezeit. Aber der Mann, der die Robin Hoods vom East End zur Strecke gebracht hatte, war bei seinen Ermittlungen zu vielen wichtigen Leuten auf die Füße getreten, wurde befördert und in die Provinz abgeschoben. Wohin? Genau: nach Nottingham.

Nipper Read

Die Geschichte der Krays ist damit nicht zuende. Sie faszinieren noch immer. Anders als die meist anonymen Investmentbanker, die Milliarden verzocken, sind sie Gangster zum Anfassen. Mörder sind sie auch. Aber bei aller Brutalität hatten die Verbrechen der Krays immer etwas Unwirkliches, weil sie sich an Filmen orientierten. Das macht sie so gut konsumierbar. Kein Gangsterfilm kommt ohne eine Anspielung auf die Zwillinge aus. Alljährlich wird die baldige Fortsetzung von The Krays angekündigt. Und es gibt ein Gerücht, das nicht verstummen will. Kurz vor seinem Tod, heißt es, habe ein Anhänger Reggies Sperma in eine Londoner Samenbank gebracht. Die Geschichte kann also weitergehen. Jurassic Park mit Gangstern. Die Zukunft könnte noch spannend werden. (Hans Schmid)

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