Moral geht mit sauberem Geruch einher

Angeblich verhalten sich Menschen in Räumen mit einem "sauberen" Geruch fairer und großzügiger

Gut möglich, dass wir bald überall, wo es möglich ist und ein entsprechendes Verhalten erwünscht wird, nicht nur von Kameras und anderen Techniken überwacht, sondern auch mit künstlichen Geruchstoffen eingenebelt werden. Nach einer Studie von amerikanischen und kanadischen Wissenschaftlern sollen Menschen, die sich in sauber riechenden Räumen aufhalten, nämlich großzügiger sein und fairer handeln.

Man müsse gar nicht harte und kostspielige Maßnahmen ergreifen, um in einem Unternehmen das Verhalten der Mitarbeiter zu steuern, meint Katie Liljenquist von der Marriott School of Management an der Brigham Young University, leitende Autorin der Studie mit dem Titel "Der Geruch der Tugend", die in der Zeitschrift Psychology Science erscheinen wird. Auch in Geschäften oder überall dort, wo man bislang auf traditionelle Überwachung und Sicherheitsmaßnahmen gesetzt hat, könne man die Entdeckung der Wissenschaftler einsetzen.

So einfach ist es, für mehr Moral zu sorgen. Man muss nur alles sauber machen, wie das Bild, das die Brigham Young University zur Pressemitteilung mitliefert, demonstrieren soll. Bild: Jaren Wilkey/BYU

Es reiche manchmal schon das einfache Mittel, Räume clean riechen zu lassen, "um ethisches Verhalten zu fördern". Ein paar Spritzer von Windex-Zitronenduftspray würden zu einer "dramatischen Verbesserung des ethischen Verhaltens" führen. Da wird sich der Hersteller freuen. Die Psychologen verweisen auf den Zusammenhang ihrer Forschungsergebnisse mit der "Broken-Windows"-Verbrechenstheorie. Danach wird in einem Wohnviertel, in dem Häuser verlassen, Schäden zugelassen und nicht behoben werden sowie deviantes Verhalten geduldet wird, das Verbrechen einziehen, weswegen alles daran gesetzt werden müsste, das Wohnviertel "sauber" zu halten. Sauberkeit und Kontrolle gleichen ein wenig dem Knoblauch, mit dem Vampire vertrieben werden sollen.

Ausgegangen seien die Wissenschaftler von dem Zusammenhang zwischen körperlicher und moralischer Reinheit. Moral, so sagen sie, könne mit Sauberkeit – und auch mit sauberen Gerüchen zu tun haben. Das Böse oder Verwerfliche macht dreckig und stinkig, weswegen man sich säubert und rein macht, wenn man derartiges begangen hat. Ginge man danach, müsste es in Banken, Flughäfen, Krankenhäusern oder Chipfabriken am moralischsten und freundlichsten zugehen. Dort wird pausenlos gereinigt, glänzen Böden und Wände. Dreck und Schlampigkeit fällt auf, weswegen womöglich das Verhalten nach außen disziplinierter wird, insgeheim womöglich desto perfider und betrügerischer. "Saubere" Gerüche haben denn auch die Eigenschaft, die individuellen Gerüche von Orten und Menschen zu überdecken und einen konformen Geruch zu schaffen. Die großen Bösen leben durchweg wohl nicht im Schutz und Dreck, sondern in glänzenden Villen, teuren Autos, sauberer Kleidung. Und das Böse tritt oft auch unter der Maske auf, die Welt vom Dreck und Ungeziefer säubern zu wollen.

Zum Beleg der moralischen Verhaltenssteuerung durch saubere Düfte führen die Psychologen zwei Experimente durch. Um den Zusammenhang zwischen Fairness oder Reziprozität und Riechumgebung zu testen, mussten die Versuchspersonen eines der bekannten Spiele ausführen. Sie erhielten angeblich von einem anonymen Mitmenschen im Nachbarraum 12 Dollar und sollten dann entscheiden, wie viel sie wieder zurückgeben, um das Geld gerecht zu teilen. Erfreulicherweise für Windex gaben die Versuchspersonen in dem "sauber" riechenden Raum mit durchschnittlich 5,33 Dollar mehr Geld zurück als die im normal riechenden Raum, die lediglich 2,81 opferten. Angeblich, so die Deutung der Psychologen, führt der saubere Geruch die Menschen dazu, Ausbeutung zu vermeiden und das Vertrauen zu erwidern. Das wäre doch ein guter Vorschlag für die Liberalen: Wir machen eine gerechte Gesellschaft, die für gute Gerüchte sorgt, deren Herstellung die Wirtschaft befördert.

Im zweiten Experiment sollte die Hypothese geprüft werden, ob ein sauberer Geruch die Freigiebigkeit fördert. Natürlich war dies auch der Fall. Die Versuchspersonen wurden in einem sauber und in einem Raum ohne Gerüche mit Aufgaben beschäftigt. Darunter war ein Flyer, auf dem den studentischen Versuchspersonen eine Hilfsorganisation vorgestellt wurde. Sie wurden gefragt, wie sehr sie interessiert seien, für den guten Zweck eine Spende zu leisten. Wieder zeigten sich die Versuchspersonen in dem mit Windex bearbeiteten Raum deutlich bereiter, etwas zu spenden. In beiden Fällen soll den Versuchspersonen nicht bemerkt haben, welcher Geruch oder Nicht-Geruch im Raum geherrscht hat. Wer also Spenden sammeln will, der sollte nach diesen Experimenten die Menschen möglichst nicht auf der Straße, sondern in gut ausgesprayten Räumen ansprechen. "Moralität und Sauberkeit gehen Hand in Hand", sagt Adam Galinski, ein Mitautor der Studie.

Das klingt alles schon ein wenig seltsam, auch religiös, und wird wahrscheinlich ein wenig klarer, wenn man weiß, dass die Brigham Young University eine konfessionelle Privatuniversität der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist. Wie die Psychologen schreiben, gebe es Beweise dafür, "wie die Menschen ihre moralische Verwurzelung verlieren und Heilige zu Sündern werden. Aber es gibt sehr viel weniger Hinweise dafür, wie man Sünder wieder auf den Pfad der Tugend führen kann."

Und der geneigte Leser weiß nun auch, wie man dies macht: Lasst die Räume mit Windex-Zitronenspray sauber riechen - und alles ist in Ordnung. Kein Kunde wird mehr etwas klauen, keine Kassiererin mehr zwei Leergutbons im Wert von 1,30 Euro unterschlagen, keine Sekretärin mehr eine übriggebliebene Frikadelle und keine Altenpflegerin mehr Maultaschen verspeisen, die ansonsten im Abfall landen würden. Man muss auch nur die Räume der Banker in neuem Geruch erstrahlen lassen, damit diese beim Zocken nicht mehr nur an Boni, sondern auch an ihre Mitmenschen denken und eifrig spenden. Und überhaupt, wer die Welt sauber macht und allen Schmutz eliminiert, macht sie auch gut.

Wahrscheinlich wird es im Paradies der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage nach Sauberkeit und sauberen Körpern riechen. Die Verhaltensvorschriften der kirchlichen Universität zielen denn auch auf jene Sauberkeit, die die Wissenschaftler bestätigt haben wollen, deren Forschungsergebnisse nun in der anerkannten wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht wird:

Students must abstain from the use of alcohol, tobacco, and illegal substances and from the intentional misuse or abuse of any substance. Sexual misconduct; obscene or indecent conduct or expressions; disorderly or disruptive conduct; participation in gambling activities; involvement with pornographic, erotic, indecent, or offensive material; and any other conduct or action inconsistent with the principles of The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints and the Honor Code is not permitted.

Church Educational System Honor Code

Die Moral der Sauberkeit ist Ordnung, Konformität bis in kleinste Dinge hinein, sexualfeindlich, weil mit Schmutz und Gerüchen behaftet, auch körperfeindlich, letztlich lebensfeindlich. Schlimmer kann es kaum in islamistischen Religionsschulen zugehen:

Men

A clean and well-cared-for appearance should be maintained. Clothing is inappropriate when it is sleeveless, revealing, or form fitting. Shorts must be knee-length or longer. Hairstyles should be clean and neat, avoiding extreme styles or colors, and trimmed above the collar, leaving the ear uncovered. Sideburns should not extend below the earlobe or onto the cheek. If worn, moustaches should be neatly trimmed and may not extend beyond or below the corners of the mouth. Men are expected to be clean-shaven; beards are not acceptable. Earrings and other body piercing are not acceptable. Shoes should be worn in all public campus areas.

Women

A clean and well-cared-for appearance should be maintained. Clothing is inappropriate when it is sleeveless, strapless, backless, or revealing; has slits above the knee; or is form fitting. Dresses, skirts, and shorts must be knee-length or longer. Hairstyles should be clean and neat, avoiding extremes in styles or colors. Excessive ear piercing (more than one per ear) and all other body piercing are not acceptable. Shoes should be worn in all public campus areas.

Church Educational System Honor Code

(Florian Rötzer)

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