Moral noch vor der Sprache?

Studie: Babys, die noch nicht sprechen können, bewerten genau, wer gut handelt und wer nicht

Wann beginnt die moralische Empfindung? Ab wann bewerten wir Handlungen und Absichten der anderen und richten entsprechend unsere Sympathien und Abneigungen danach aus? Wann lernen wir das? Über den Spracherwerb? Babys, die, wie Freunde von Eltern nur allzu gut wissen, Erwachsene sowieso und immerzu in Erstaunen versetzen, zeigten Wissenschaftlern nun, dass sie schon in sehr frühem Alter, bevor sie sprechen können, genau wissen, wer ihre Sympathie verdient und wer nicht: Die Guten und Hilfreichen nämlich.

6 bis 10 Monate alten Kleinkindern wurden in einem Experiment Figuren vorgeführt, die einer kleinen roten Holzscheibe mit Kulleraugen entweder behilflich waren oder sie bei ihrem Vorhaben behinderten. Die rote Scheibenfigur befand sich im 1.Versuch unterhalb eines grünen Anstiegs. Dann versuchte es einen Anstieg hochzukommen. Später half ihm ein gelbes, ebenfalls mit Augen vermenschlichtes Dreieck beim Anstieg und schob die rote Scheibe an. Ein blaues beäugtes Viereck machte in einer weiteren Episode genau das Gegenteil: Es hinderte die Scheibe von oben am Aufstieg.

Der gelbe Helfer bei der Arbeit..
..und der blaue Verhinderer

Die Babys reagierten wie gute Waltons-Kinder: Ihre Sympathien gehörte ganz deutlich nur dem hilfreichen gelben Dreieck, nur nach ihm wollten sie greifen. Als die Kinder in einem anderen Versuch mitansehen mussten, wie sich der rote Kletter dem Aufstiegsverhinderer näherte, staunten sie – die Wissenschaftler maßen lange Aufmerksamkeit. Das war nicht der Fall, wenn der Kletterer sich dem gelben Helfer annäherte, offensichtlich keine Überraschung für die Kleinen.

Für Wissenschaftler J.Kiley Hamilton, Karen Wynn und Paul Bloom, die ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature vorstellen, sind dies ganz deutliche Hinweise darauf, dass die Babys ihre Bewertungen auf soziales Verhalten gründeten und nicht auf nur oberflächliche Aspekte. Um hier mögliche Fehlerquellen, also Ablenkungen in der Perzeption auszuschalten, wurde der Versuch mit den Figuren noch einigen Variationen unterzogen, die Bewegungsrichtung verändert, neutrale Figuren eingeführt etc.

Es blieb dabei: Die Präferenz der Babys für den Helfer und ihre Aversion gegen den Behinderer lassen sich, so die Wissenschaftler, am besten als spezifisch soziale Wertschätzungen erklären. Die Kleinsten haben ganz offensichtlich eine Vorliebe für jene, die kooperativ agieren. Und diese Präferenz zeigt sich viel früher, als man dies bisher gedacht hatte. Die Forscher ziehen daraus die mögliche Schlussfolgerung, dass die Fähigkeit. Individuen aufgrund ihres sozialen Verhaltens einzuschätzen, "nicht gelernt wird" und "universal" ist.

Vielleicht sollte man Babys künftig in der Personalabteilung bei der Bewertung von neuen Bewerbern heranziehen: "Halten Sie doch mal!" (Thomas Pany)

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