Moralisch korrekte Gewinnung von embryonalen Stammzellen?

Zwei Wissenschaftlerteams haben bei Mäusen zwei interessante Methoden entwickelt, mit denen sie hoffen, die gegen das therapeutische Klonen gerichtete Ablehnung unterlaufen zu können

Zwei amerikanische Wissenschaftlerteams haben unterschiedliche Methoden entwickelt, mit denen sich vielleicht die ethischen Konflikte bei der Gewinnung von Stammzellen umgehen lassen könnten. Bei den bislang praktizierten Verfahren müssen geklonte Embryos getötet werden, um die genetisch mit dem vorgesehenen Empfänger identischen Stammzellen zu erhalten. Aus diesem Grund ist therapeutisches Klonen in vielen Ländern verboten oder nur unter strengen Einschränkungen möglich. In Deutschland etwa ist das Herstellen von embryonalen Stammzellen noch immer verboten, zu Forschungszwecken dürfen aber Stammzellen unter Auflagen importiert werden (Von der Menschenwürde tiefgefrorener Embryonen). In den USA ist die Stammzellforschung zwar legal, aber sie darf, abgesehen von der Verwendung einiger Linien, nicht mit öffentlichen Geldern unterstützt werden (Unbrauchbare Stammzellen). In anderen Ländern wie Großbritannien und insbesondere Korea oder China sind hingegen die Spielräume sehr viel größer.

Entnahme einer Blastomere aus einem Embryo im 8-Zell-Stadium. Bild: ACT

Rudolf Jaenisch und Alexander Meissner vom MIT haben ein Verfahren an Mäusen in einem Artikel der Zeitschrift Nature beschrieben, bei dem Blastozyten geschaffen werden, die sich im Uterus nicht zu Föten entwickeln können und daher lebensunfähige Zellhaufen sind, aus denen aber die gewünschten pluripotenten Stammzellen gewonnen werden können.

Der Trick dabei ist, während des Klonens das Gen Cdx2 im Zellkern der Spenderzelle (in diesem Fall einer Hautzelle) zu unterdrücken, wenn dieser beim Nukleartransfer in die entkernte Eizelle eingefügt wird. Dieses Gen ist dafür verantwortlich, den Trophoplasten zu bilden, mit dem sich der Blastozyt im Uterus einnistet und der zusammen mit dem Mesoderm den fötalen Anteil der Plazenta bildet. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass durch Einführung einer RNA, die die Genexpression von Cdx2 unterdrückt, sowohl in der Spenderzelle (einer Hautzelle) als auch nach dem Nukleartransfer in der Eizelle aktiv ist und die Bildung des Trophoplasten unterbleibt. Sie konnten auch zeigen, dass nach der Gewinnung der Stammzellen und nach dem Ausschalten des unterdrückenden Gens aus diesen dennoch unterschiedliche Zellen, auch solche des Verdauungstrakts, erzeugt werden können.

Ob das auch mit menschlichen Stammzellen möglich ist, bleibt jedoch fraglich. Ebenso ungewiss ist, ob die aus den nicht lebensfähigen Blastozyten gewonnenen Stammzellen tatsächlich "gesundes" Gewebe bilden, das sich für eine mögliche Transplantation eignet. Und moralisch ließe sich einwenden, dass mit diesem Verfahren die "Tötung" nur ein wenig weiter nach vorne verschoben wurde bzw. an sich lebensfähige Blastozyten vorübergehend durch das Ausschalten des Gens lahm gelegt und zu nicht-implantierungsfähigen Blastozyten gemacht wurden.

Robert Lanza hat mit seinem Team des Unternehmens Advanced Cell Technology (ACT) ein anderes Verfahren ebenfalls an Mäusen entwickelt. Das Verfahren, das sich eines anderen, noch listigeren Tricks bedient, wird von den Wissenschaftlern ebenfalls in Nature beschrieben. Sie benutzten dabei eine Methode, die in der Reproduktionsmedizin bei der künstlichen Befruchtung entwickelt wurde, um mittels der Präimplantationsdiagnostik (PID) beim Embryo vor der Implantation in den Uterus etwaige genetische Schäden oder unerwünschte Eigenschaften zu erkennen. Dabei wird dem Embryo im 8-Zell-Stadium eine Zelle, eine Blastomere, entnommen. Die weitere Entwicklung des Embryos wird dadurch nicht gefährdet – wenn es denn sich in den Uterus einnistet Das ist etwa bei der Hälfte der Fall, aber bei einer Kontrollgruppe, bei denen keine Blastomere entnommen wurde, waren es nur geringfügig mehr. Auch bei der künstlichen Befruchtung beim Menschen scheint die PID-Biopsie kein Risiko darzustellen.

Alles ganz unbedenklich, will uns ACT zeigen: Eine Maus, die sich nach der Entnahme einer Blastomere augenscheinlich gesund entwickelt hat. Foto: ACT

Die Wissenschaftler konnten bei Mäusen zeigen, dass sich aus einer solchen Blastomere jeweils 5 embryonale Stammzellen und 7 Trophoplast-Stammzellen gewinnen lassen. Die Zelllinien teilten sich bis zu 50 Mal weiter. Aus den Stammzellen konnten alle drei fundamentalen Zelltypen (Ektoderm, Mesoderm, Entoderm) gezüchtet werden, woraus sich wiederum im Prinzip alle anderen Zellen entwickeln lassen. Die Mäuseembryos, denen die Blastomere entnommen wurden, haben sich zu normalen Mäusen weiter entwickelt. Allerdings haben sich von insgesamt 125 Blastomeren nur aus 12 stabile embryonale Stammzelllinien entwickeln lassen. Mit weiterer Forschung, so die Wissenschaftler optimistisch, ließe sich die Erfolgsrate angeblich erheblich verbessern.

Mit diesem Verfahren lassen sich allerdings auch die moralischen Bedenken nicht völlig außer Kraft setzen, die mit dem therapeutischen Klonen einhergehen. Die aus dem 8-Zell-Stadium entnommenen Blastomere gelten als totipotent, d.h. aus jeder einzelnen Blastomere könnte wieder ein vollständiger Embryo entstehen. So könnte es strengen Verteidigern des Lebens als unerheblich erscheinen, ob nun ein Embryo oder eine Blastomere, die zum Embryo werden könnte, zum Zweck der Gewinnung von Stammzellen an der Weiterentwicklung zu einem menschlichen Wesen gehindert wird.

Robert Lanza schlägt aufgrund des Erfolgs zudem eine Möglichkeit vor, die bei vielen Biotechnik-Gegnern auf Ablehnung stieß, auch wenn sie zunächst mit Embryos verbunden war. Man könnte, zumindest bei der In-Vitro-Fertilisation, von jedem Embryo eine Blastomere entnehmen. Daraus ließen sich dann Stammzellen entwickeln, die man in einer Bank so lange aufbewahren kann, bis dem Eigentümer eine Krankheit oder ein Unfall ereilt. Dann könnte man das entsprechende Gewebe oder gar ganze Organe zur Transplantation züchten, die vom Immunsystem nicht abgestoßen werden, weil sie ja das identische Genom enthalten. Zu Beginn des Klonens ging die Vorstellung um, dass von Menschen Klons gemacht werden können, die man dann als eine Art Organbank benutzt. Die Lagerung von Stammzellen, nicht von Embryonen, mag die damit verbundenen Ängste außer Kraft setzen. Allerdings hätten die Menschen, die natürlich befruchtet werden, dann einen erheblichen Nachteil gegenüber den durch künstliche Reproduktion erzeugten. (Florian Rötzer)

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