Mord aus "gefühlloser Missachtung des menschlichen Lebens"

USA: Sind gesundheitsschädliche Verhaltensweisen einer Schwangeren, die den Fötus in Mitleidenschaft ziehen, Angelegenheiten der Privatsphäre und des Gesundheitssystems oder Tatbestände für Strafgerichte?

Ist eine werdende Mutter, die während der Schwangerschaft Drogen zu sich nimmt, was mutmaßlich zur Folge hat, dass das Ungeborene stirbt, eine Mörderin? Sind gesundheitsschädliche Verhaltensweisen einer Schwangeren, die riskieren, den Fötus in Mitleidenschaft zu ziehen, Privatsache, bzw. ein Fall für die Krankenkasse, oder soll das Fehlverhalten vor einem Strafgericht verhandelt werden?

Solche Fragen werden aktuell einem Bericht aufgeworfen, der die dazu gehörigen Beispiele in den USA findet. Frauenrechtlerinnen würden dort eine "schleichende Kriminalisierung" von schwangeren Frauen beobachten, eine Entwicklung, die sie als neue Front der "Kulturkämpfe" über das Thema Abtreibung und Schutz des ungeborenen Lebens werten, so der Kern eines viel beachteten Guardian-Berichts, der dazu zwei Einzelfälle schildert, beides Fälle von Frauen, die während ihrer Schwangerschaft Drogen nahmen.

So muss sich eine minderjährige Kokainsüchtige, die als 15-Jährige ihren Fötus in der 36. Woche verloren hat - aufgrund einer Überdosis, wie ihr die Anklage in Mississipi vorwirft - wegen Mordes verantworten. Die Anklage des Mississippi Supreme Court stützt sich auf ein Gesetz namens "depraved heart murder law", das, wie es ein Bericht über das Verfahren beschreibt, bei einer tödlichen Handlung angewandt wird, die von einer "gefühllosen Missachtung des menschlichen Lebens" gekennzeichnet ist. Auf diese Anklage steht lebenslänglich.

Der Anwalt der Minderjährigen argumentiert damit, dass es kein Verbrechen der Mutter darstelle, wenn die Schwangerschaft unabsichtlich abbricht. Nirgends, so macht er geltend, würde es ein Gesetz geben, das Rauchen, Trinken, Wasserkislaufen oder selbst die Einnahme von Drogen während der Schwangerschaft zu einem Verbrechen erkläre, selbst wenn die Schwangerschaft in einer Fehlgeburt oder einer Todgeburt ende. Er hoffe, so der Anwalt, dass sich hier kein Trend entwickle, das wäre "ziemlich extrem".

Aber gerade, was die Gesetzgebung betrifft, die im Rahmen des Kriegs gegen die Drogen erlassen wurde, so sei zu beobachten, dass sie immer häufiger gegen Schwangere eingesetzt würde, macht die Frauenorganisation National Advocats for Pregnant Women aufmerksam:

For the past 30 years, as concerted campaigns to restrict abortion rights has captured public attention, an insidious, but less widely recognized effort, has been underway to deny pregnant women their rights to bodily integrity and their humanity. By combining claims of fetal rights with the war on drugs, new laws that punish pregnant women and families are being enacted and enforced.

Besonders South Carolina würde sich in dieser Beziehung seit Jahren hervortun, veranschaulichen Beispiele, die die Organisation auf ihrer Website vorstellt. Der Guardian-Artikel nennt dazu noch Beispiele aus Alabama, wo das "chemical endangerment law" gegen Drogen konsumierende Mütter zur Anwendung kommt. In mindestens 38 der 50 amerikanischen Staaten würde es Gesetze zum "Mord an ungeborenen Kinder" geben (siehe Fetal Homicide Laws), die ursprünglich zum Schutz der Schwangeren gegen Gewalt von anderer Seite formuliert wurde, nun aber immer öfter von Staatsanwälten gegen die Frauen selbst angewendet würden, fasst der Zeitungsbericht zusammen.

Hunderte von Frauen, die während ihrer Schwangerschaft Drogen nahmen, so die National Advocats for Pregnant Women, seien aufgrund dieser Gesetze verhaftet worden und Tausende von jungen Müttern würden aus diesen Gründen Strafmaßnahmen von staatlichen Behörden erfahren, oft aufgrund eines einzelnen, nicht bestätigten Drogentests:

An increasing number of states are using a single, unconfirmed, positive drug test on a new mother or baby as a basis for involving child welfare authorities. In some cases resulting in the removal of the newborn from family custody.

Für die Organisation ist das weit überzogen und obendrein eine Strategie, die falsch ansetzt. Drogensucht sei eine Krankheit und damit ein Thema der öffentlicher Gesundheitsdebatten und nicht der Kriminalität.

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