Morde an Aktivistinnen in Kolumbien nehmen zu

Bild: Kobaor/CC BY-SA-4.0

Vor allem Frauen, die um ihre Rechte kämpfen, leben gefährlich. Politische Gewalt steigt generell an

Knapp drei Jahre nach einem teilweise gescheiterten Friedensabkommen zwischen dem kolumbianischen Staat und der damaligen Guerillaorganisation Farc ist Kolumbien das zweitgefährlichste Land für Sozial- und Menschenrechtsaktivistinnen. Das geht aus einem internationalen Vergleich des Menschenrechtsbündnisses Oxfam hervor, der auf die gezielte Gewalt gegen Frauen aufmerksam macht.

Seit 2016 wurden demnach mindestens 55 Aktivistinnen getötet. In der ersten Hälfte dieses Jahres gab es alle zwei Wochen einen Mord an einer weiblichen Führungspersönlichkeit aus sozialen Bewegungen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind die Angriffe sogar um 97 Prozent gestiegen, so der Bericht Risking Life for Peace von Oxfam.

Der internationale Menschenrechtsverband spricht von systematischen Angriffen. Nach Aussagen der Menschenrechtsorganisation Global Wittness ist Kolumbien heute nach den Philippinen das zweitgefährlichsten Land der Welt für Umwelt- und Menschenrechtsaktivistinnen (s.a.: Totgeschwiegener Massenmord).

"Die Gewalt gegen Führungskräfte hält an und wiederholt sich, es sind keine zufälligen Taten", heißt es in dem Bericht. Die Opfer würden gezielt attackiert. Das zeige sich auch daran, dass mehr als die Hälfte der Betroffenen in ihren Häusern angegriffen oder getötet wurden. Die Angreifer suchten sich zudem gezielt Personen aus, die unter einem geringen Schutz stehen. Den Opfern sei gemein, dass sie gegen hegemoniale Interessen vorgegangen sind, also illegale Gruppen oder Großgrundbesitzer.

Oxfam kritisiert die Regierung des rechtskonservativen Präsidenten Iván Duque scharf für ihre Reaktion auf diese Verbrechen. ¨Die weiterhin tätigen Aktivistinnen sind in großer Gefahr, und es gibt keine Anzeichen dafür, dass diese Eskalation der Gewalt nachlassen wird. Die von ihr ergriffenen Maßnahmen, wie das Schutzprogramm OAP, seien eher kosmetischer Natur, als dass sie einen echten Fortschritt darstellten. Das Programm der Regierung werde nicht der Notwendigkeit gerecht, ein günstiges Umfeld für Menschenrechtsverteidiger zu schaffen, damit sie gefahrlos agieren können.

In diesem Zusammenhang gab Oxfam der kolumbianischen Regierung eine Reihe von Empfehlungen. Die seit 1982 in Kolumbien präsente Organisation schlägt vor, den Schutz von Aktivistinnen zur staatlichen Priorität zu erklären. Zudem müssten die Friedensverhandlungen mit der ELN-Guerilla wieder aufgenommen und das Friedensabkommen mit der FARC umgesetzt werden.

Generell reißen die Morde an Aktivisten, ehemaligen Mitgliedern Farc und Kandidaten für die bevorstehenden Kommunalwahlen in Kolumbien nicht ab. Dieses Jahr wurden bereits 160 politische Morde verübt. Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens Ende 2016 sind 780 Aktivistinnen und Aktivisten ermordet worden. Unter den Opfern sind in den letzten Wochen auch zehn Lehrer vor allem aus ländlichen Gebieten, berichtet das Lateinamerika-Portal amerika21. Besonders gefährdet seien Indigene. Alleine in den letzten Monaten seien weitere 720 Morddrohungen registriert worden, fast alle seitens paramilitärischer Gruppen. (Harald Neuber)