Moses, ein Kalb und zehn Gebote

The Ten Commandments

DeMille zeigt uns, was eine Sünde ist

Teil 1: Aber bitte mit Orgie: Cecil B. DeMille, Hollywood und die Bibel

Hollywood definiert sich heute als eine Industrie, die vorzugsweise abendfüllende Spielfilme herstellt. Das war nicht immer so. In den Gründerjahren wurde der amerikanische Film von wenig innovationsfreudigen Monopolisten beherrscht, die das junge Medium in seine erste große Krise führten, weil das Publikum keine Lust mehr auf das ewig Gleiche hatte. Die Krise wurde überwunden, weil es Rebellen gab, die sich an den Bedürfnissen ihrer Kunden orientierten und nicht an dem, was - kurzfristig gesehen - am wenigsten riskant und rechtlich durchsetzbar war. Für große Filmkunst garantierte das noch nicht.

Dass man in den Jahren der von Edison und der MPPC betriebenen, erst 1915 mit einer Verurteilung Edisons wegen Verstößen gegen die Anti-Trust-Gesetze endenden Blockadepolitik nicht unbedingt einen guten Film abliefern musste, um in den USA viel Geld zu verdienen, zeigt eine französische Produktion, die in Amerika unter dem Titel Queen Elizabeth (1912) lief. Geboten wird mit einer statischen Kamera abgefilmtes Theater, mit dem Bühnenstar Sarah Bernhardt in der Titelrolle. Wenn man das heute sieht, ist es so langweilig, dass einem die Füße dabei einschlafen. Damals ließen sich Rekorderlöse mit dem öden Werk erzielen, weil es eine längere Geschichte erzählte, statt wie bei Edison nach fünf oder zehn Minuten schon wieder vorbei zu sein.

Rebellen und Etablierte

Der Pelzhändler, der Queen Elizabeth nach Amerika importierte, war ein ungarischer Einwanderer und hieß Adolph Zukor. Mit dem Gewinn gründete Zukor eine eigene Produktionsfirma, die er Famous Players nannte. Sein Werbeslogan war "Famous Players in Famous Plays". Damit ist die Produktpalette ausreichend beschrieben: Bekannte Theaterschauspieler treten in bekannten Theaterstücken auf, die Kamera filmt das statisch ab, und weil man aus den Bildern schwer erschließen kann, was vor sich geht, braucht man noch viele Zwischentitel. Es spricht für den Geschmack des amerikanischen Publikums, dass Zukor schon bald vor der Insolvenz stand. Wie oft in solchen Fällen, kann man es auch gehässiger formulieren: Zukor produzierte an der Kundschaft vorbei, weil diese eine Leseschwäche hatte. Viele Kinogeher waren zudem Einwanderer, die nur gebrochen Englisch sprachen und mit gestelzten Theaterdialogen wenig anfangen konnten. Zukor rettete sich, indem er 1913 Mary Pickford unter Vertrag nahm. Die kanadische Schauspielerin wurde fast über Nacht zu einem der größten Kinostars der Stummfilmzeit und sicherte praktisch im Alleingang das Überleben der Famous Players.

Offizielles Foto zur Famous Players-Lasky Fusion. Von links nach rechts: Jesse L. Lasky, Adolph Zukor, Sam Goldfish (später Goldwyn), Cecil B. DeMille, Albert Kaufman (Schwager von Zukor)

Seine Filme vertrieb Zukor mit Hilfe einer Verleihorganisation, die sich ganz unbescheiden Paramount nannte (= an der Spitze stehend). Mitte 1914 wurde auch die Lasky Company mit der Paramount handelseinig. 1916 fusionierten die beiden Produktionsfirmen zur Famous Players-Lasky Corporation. Die wichtigsten Aktivposten der jeweiligen Partner waren Cecil B. DeMille und Mary Pickford. DeMille drehte damals einen Film nach dem anderen, war den ganzen Tag auf den Beinen und trug Schnürstiefel, weil diese gut für seine überlasteten Knöchel waren und bei Außenaufnahmen vor Schlangen schützten. Seine übrige Garderobe bestand aus einem offenen Hemd (er mochte keine Krawatten) und aus Reithosen, weil sie weit und bequem waren. Seinen kahlen Schädel schützte er mit einem Hut vor der Sonne, den er verkehrt herum aufsetzte, weil die Krempe beim Blick durch den Sucher der Kamera störte.

Anfangs aus praktischen Gründen so zusammengestellt, behielt er diese Ausrüstung den Rest seines Berufslebens über bei. So etablierte er sich selbst als eine Marke. Das war äußerst ungewöhnlich. Das Publikum ging ins Kino, um den neuen Film eines Stars zu sehen und wusste meistens gar nicht, wer ihn inszeniert hatte, oder dass er überhaupt inszeniert worden war und was das bedeutete (das änderte sich erst in den 1960ern). Die Industrie mit ihrer "Fenster-zur-Welt"-Ideologie hatte auch kein Interesse, Regisseure besonders herauszustellen und so auf den Konstruktcharakter ihrer Filme hinzuweisen. DeMille allerdings wurde immer bekannter. Bestimmt hatte es mit Eitelkeit zu tun, wenn er die Aufmerksamkeit auf sich zog. Wichtiger war etwas anderes. Indem er sich selbst den Starstatus verschaffte, der sonst den Schauspielern vorbehalten war, gewann er in einer auf den Wiedererkennungswert setzenden Industrie an Macht, und Macht bedeutete weniger Einmischung und mehr Kontrolle über die eigenen Filme. Alfred Hitchcock lernte viel von DeMille. Er erschuf eine Kunstfigur namens "Hitch", den sardonischen britischen Gentleman im Anzug.

Der Machtbewussteste in der neuen Firma war Adolph Zukor. Er wurde Präsident des Unternehmens (die Geschäftszentrale war weiterhin in New York), obwohl er am wenigsten eingebracht hatte. Der Posten des ersten Vizepräsidenten ging an Jesse Lasky. DeMille überwachte die Produktion an der Westküste wie bisher auch. Sam Goldfish, der mit allen Wassern gewaschene, aber auch zänkische und aufbrausende Leiter der Verkaufsabteilung, kam mit dem kühl kalkulierenden Zukor nicht zurecht, wurde Vorstandschef und hatte das Gefühl, mit einem Trostpreis abgefunden worden zu sein. So kam es, wie es kommen musste: nach längeren Streitigkeiten schied Goldfish aus dem Unternehmen aus, was noch dadurch befördert wurde, dass er inzwischen von Blanche, Laskys Schwester, geschieden war. Für seine Anteile erhielt er 700 000 Dollar. Er und der Theaterproduzent Edgar Selwyn gründeten eine neue Filmfirma, die sie Goldwyn nannten. Sam gefiel der Name so gut, dass er ihn auch für sich persönlich übernahm. Das hatte außerdem den Vorteil, dass es so aussah, als seien er und das Unternehmen identisch. In der Lasky-Zeit hatte er sich immer darüber geärgert, dass er der am wenigsten sichtbare der Partner war.

Es gab auch einen Namen, der Zukor gut gefiel: Paramount. An der Verleihfirma, die sich so nannte, störte ihn jedoch, dass er ihr einen Gewinnanteil abtreten musste und dass sie nicht von ihm selbst geleitet wurde. Das ließ sich ändern. Nach Geheimverhandlungen kaufte er im Dezember 1916 Hiram Abrams, dem Vorstandsvorsitzenden der Paramount, dessen Anteile ab. Damit hielt er die Kontrollmehrheit. Zukor setzte den Firmengründer W. W. Hodkinson als Präsidenten ab, feuerte Abrams und war nun unangefochtener Chef eines Produktions- und Verleihimperiums, das sich nach einigen Umbenennungen Paramount Pictures nennen würde. Die Paramount verlieh so viele Filme, dass sie problemlos den Jahresbedarf jedes Kinos abdecken konnte. Damit hatte sie eine marktbeherrschende Stellung, mit den üblichen monopolistischen Begleiterscheinungen. Die Paramount nahm so vorläufig den Platz von Edisons Motion Picture Patents Company ein, gegen die Leute wie DeMille, Lasky, Goldfish, Zukor oder auch Carl Laemmle von der Universal einst angetreten waren. Ein schließlich wegen Verstößen gegen die Monopolgesetze angestrengtes Verfahren zog sich lange hin. Als der Oberste Gerichtshof der USA nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die Paramount entschied, läutete er damit das Ende des klassischen Studiosystems in Hollywood ein. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Gott der Liebe

Im Atelier war DeMille ein Diktator, der keine Unachtsamkeit durchgehen ließ. Langjährige Mitarbeiter haben glaubhaft versichert, dass das eine Rolle war, die er spielte, um alle in höchste Anspannung zu versetzen und sie zu besten Leistungen anzutreiben. Zugleich konnte er ganz lieb sein, aber auch das im Stil eines orientalischen Despoten. Als Gloria Swanson als Sklavin unter der Pranke des Löwen hervorgekrochen war (Male and Female), ließ er sein Tablett mit Halbedelsteinen, Handtäschchen und Anstecknadeln bringen. Gloria durfte sich zur Belohnung etwas Schönes aussuchen. DeMille wusste wahrscheinlich selber nicht genau, ob dieses Tablett mehr zu ihm als Privatmensch oder mehr zu seiner Regisseurs-Persona gehörte.

Male and Female

Zur Entspannung zog er sich auf sein Anwesen in der Nähe von Los Angeles zurück, mit Blockhaus und eingebauter Orgel (im Aztekenstil), das nur durch ein enges Tal zu erreichen war und das er "Paradise" nannte. Im Paradies bewirtete er ausgewählte Gäste (grundsätzlich ohne deren Ehepartner). Kaum jemand sprach darüber, was dort vor sich ging, weil er oder sie sonst nicht mehr eingeladen worden wäre. Es war wohl so, dass DeMille in der Abgeschiedenheit des Little Tujunga Canyon gelegentlich einige seiner bizarreren Phantasien ausagierte, dass er mit Gästen Szenen aus seinen Filmen nachstellte oder ausprobierte, was er erst noch inszenieren wollte. Ins Paradies zog er sich zurück, um mit seiner Hausautorin Jeanie Macpherson an Drehbüchern zu arbeiten. Mit Jeanie tauschte er nicht nur Ideen, sondern auch Körperflüssigkeiten aus.

Würde man sein Leben verfilmen, müsste man unbedingt einen - von Scott Eyman im DeMille-Archiv entdeckten - Liebesbrief einbauen, den er an seine Gattin Constance schrieb, als er im Dezember 1913 im Zug nach Westen saß, um der Begründer von Hollywood zu werden. Schon Freud hat sich seine Gedanken über die luststeigernde Wirkung des Zugfahrens gemacht (und die daraus resultierenden "nächtlichen Pollutionen"). DeMille war schlicht geil, als er seiner Frau brieflich berichtete, wie gern er wilden, exotischen, von den Fesseln der bürgerlichen Wohlanständigkeit befreiten Sex mit ihr haben und dass er ihr auch jederzeit beibringen würde, was dazu erforderlich sei. Das Problem war nur, dass Constance an Sex nicht interessiert war und sich aus dem gemeinsamen Ehebett zurückzog, als sie Cecil eine Tochter geschenkt und eine Fehlgeburt erlitten hatte (das Paar adoptierte drei weitere Kinder, darunter den unehelichen Sohn von Cecils Bruder Bill).

Es ist verlockend, diesen Brief so zu interpretieren, dass da jemand voll sexueller Erregung nach Westen fährt und dann als einer der großen Erotomanen Hollywoods Filme dreht, mit denen er sich eine Ersatzbefriedigung verschafft, weil seine Frau nicht mit ihm schlafen will. Doch so einfach ist die Sache nicht. DeMille blieb Constance - auf seine Weise - treu ergeben, hatte aber, mit Wissen seiner Frau, drei langjährige Geliebte (gleichzeitig), die zu seinem festen Mitarbeiterstab gehörten und ihm privat das gaben, woran seine Gattin kein Interesse hatte. Das scheint gut funktioniert zu haben. In Hollywood war es ein offenes Geheimnis, dass sich DeMille einen Harem hielt. Große Mühe, das private Arrangement zu verbergen, gab er sich nicht, ohne dass es ihm geschadet hätte (bei Filmpremieren erschien er gelegentlich mit mehreren der Damen). Das zeugt von der starken Position, die er in Hollywood hatte.

Der virile DeMille musste also nicht unbedingt Filme machen, um seine Libido zu befriedigen (übrigens schlief er aus Prinzip nicht mit seinen Stars - Gloria Swanson wäre nicht abgeneigt gewesen -, weil das die Dreharbeiten erschwert hätte). Bleibt noch die Frage, was von jemandem zu halten ist, der sich wie ein kleiner Sultan geriert, während er seine Filme bei jeder Gelegenheit mit Bibelsprüchen anreichert und dann sogar einen dreht, in dem die Zehn Gebote verherrlicht werden. War er ein Heuchler, ein scheinheiliger Mensch? Ich glaube nicht. Die Bibel war für DeMille wirklich das Buch der Bücher, und er versuchte auch, sich nach ihr zu richten. Er war viel weniger skrupellos als die anderen Potentaten Hollywoods. Wer den Atelier-Diktator als Inszenierung durchschaut hatte, erlebte einen freundlichen, loyalen Menschen, der zur Stelle war, wenn Freunde, Bekannte und verdiente Mitarbeiter finanzielle oder sonstige Hilfe brauchten.

DeMille leistete sich nur in manchen Belangen eine andere Interpretation der Bibel als die der institutionalisierten Kirchen. Die Botschaft von The Ten Commandments lautet: Wir brauchen einen Gott der Liebe (gern auch der körperlichen), nicht des Zorns. Deshalb fällt einer bigotten Mutter, die ihren Sohn in den Atheismus treibt, weil sie einen Gott lehrt, den man fürchten muss, die brüchige Wand einer Kathedrale auf den Kopf. Allerdings taten sich DeMille und seine Drehbuchautorin Jeanie Macpherson (eine der drei Langzeitgeliebten) zunächst sehr schwer damit, wie der Stoff zu dramatisieren war und was die Aussage sein sollte. Die zündende Idee, eine Abrechnung mit der Bigotterie, kam den beiden erst, als sich DeMille mit den Folgen eines Alkoholschmuggels herumschlagen und einen Sexskandal verhindern musste, der die Karriere von Gloria Swanson hätte zerstören können.

Sodom und Gomorra

Zwei der größten Hollywood-Skandale der 1920er gingen von der zum Paramount-Imperium gehörenden Famous Players-Lasky Corporation aus, dem Studio von Cecil B. DeMille. 1921 wurde der Starkomiker Roscoe "Fatty" Arbuckle wegen Vergewaltigung mit Todesfolge angeklagt, was wochenlang die Schlagzeilen bestimmte. Ebenfalls bei den Famous Players unter Vertrag stand der Regisseur William Desmond Taylor, der am 1. Februar 1922 tot aufgefunden wurde, mit einer Schusswunde im Rücken. Den Moralaposteln, die ohnehin der Meinung waren, dass Hollywood das Sodom und Gomorra der amerikanischen Westküste sei, lieferte das neue Munition.

Derart unter Beschuss geraten, sahen sich die Studiobosse zu einer PR-Maßnahme genötigt, die noch weitreichende Folgen haben würde - allerdings nicht gleich, sondern erst, als DeMille The Sign of the Cross drehte. Die neu gegründete Motion Picture Producers and Distributors Association sollte Hollywood den Anstrich einer kleinbürgerlichen Wohlanständigkeit geben, wie man sie in der amerikanischen Provinz erwartete. Als Chef der Organisation wurde ein Mann gewonnen, der wusste, wie man Korruption hinter einer Nebelwand aus Scheinmoral und angeblicher Gottesfürchtigkeit verschwinden ließ. Will Hays, früher Anwalt eines berüchtigten Ölbarons, Würdenträger der Presbyterianer und Funktionär der Republikanischen Partei, hatte für Warren Harding illegale Wahlkampfspenden in Höhe von acht Millionen Dollar gewaschen und war nach Hardings Wahl zum Präsidenten mit dem Amt des Postministers bedacht worden. Hays war also bestens vernetzt, als er seinen neuen Job antrat, zu dem ein Penthouse in Manhattan, ein jährliches Salär von 150 000 Dollar und ein großzügiges Spesenkonto gehörten. So musste er nicht hungern und konnte sich ganz darauf konzentrieren, die Botschaft vom einfachen, bibeltreuen Leben zu verbreiten.

Auf der anderen Seite des Landes leistete sich Cecil B. DeMille eine Jacht, die Seaward. Beruflich kündigte er an, die Bibel verfilmen zu wollen, worauf er jeden Angestellten des Studios mit einem Exemplar des Buchs der Bücher beschenkte - verbunden mit der Empfehlung, täglich darin zu lesen. Er und seine Drehbuchautorin Jeanie Macpherson wussten nur noch nicht, wie sie die Sache angehen sollten, während die Presse bereits darüber lästerte, dass DeMille anschließend das Telefonbuch, die sieben Todsünden und die klassischen Dosensuppen verfilmen werde. Dann konfiszierten die Behörden die Seaward, weil der Kapitän der Jacht versucht hatte, knapp 80 Liter hochwertiger, in Mexiko gekaufter Alkoholika ins Land zu schmuggeln. Das war ein Verstoß gegen die Zollbestimmungen und - schlimmer - gegen das Prohibitionsgesetz. Der Kapitän musste eine hohe Geldstrafe bezahlen. DeMille ging straflos aus, weil er nichts gewusst hatte (oder weil der Kapitän den Mund halten konnte).

Gravierender war das, was sich im Februar 1923 über Gloria Swanson zusammenbraute. Sie war mit einem Herrn namens Herbert Somborn verheiratet, lebte seit einem Dreivierteljahr von ihm getrennt und hatte nur auf Anraten des Studios nicht die Scheidung eingereicht; so kurz nach dem (bis heute) unaufgeklärten Taylor-Mord und dem Sensationsprozess um Fatty Arbuckle hatte man dort große Angst vor einem weiteren Skandal. Moralisch fühlte Gloria sich im Recht, Affären mit Kollegen wie dem DeMille-Stammschauspieler Thomas Meighan oder Rod La Rocque zu haben, mal abwechselnd und mal auch gleichzeitig. Vor dem Gesetz war sie eine Ehebrecherin. Als sie auf Europareise ging, wurde sie von dem Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller Marshall Neilan begleitet. Das nahm ihr Gatte zum Anlass, sie zu erpressen. Die Rede war von mindestens 150 000 Dollar. Andernfalls drohte Somborns Anwalt mit einem Prozess, bei dem er ein gutes Dutzend Zeugen vorladen werde (darunter DeMille, Lasky und Zukor, die Granden der Famous Players).

Während Somborns Forderungen immer exorbitanter wurden, nahm DeMille die Verhandlungen auf. Im März 1923 einigte man sich auf eine Einmalzahlung von 35 000 Dollar. Swanson gab der Erpressung nicht zuletzt deshalb nach, weil Will Hays ein Telegramm geschickt hatte, in dem es hieß, dass ihre Karriere vorüber wäre, falls der Skandal ruchbar werden sollte. Unklar ist, ob Hays das Telegramm aus eigenem Antrieb schickte, ob er es überhaupt schickte, oder ob es in seinem Namen geschickt wurde, ohne dass er etwas davon wusste. DeMilles Rolle ist undurchsichtig. Für die, die ihn gut kannten, steht außer Frage, dass seine Loyalität in erster Linie dem Studio galt, das er mit aufgebaut hatte. Am Ende bekam Somborn von seiner Frau die 35 000 Dollar. Diese musste sich das Geld beim Studio leihen.

Swanson revanchierte sich, indem sie zwei Zusatzklauseln zu ihrem Vertrag akzeptierte. Von nun an drehte sie einen Film mehr pro Jahr, bis die Schuld abbezahlt war. Da sie pro Woche und nicht pro Film entlohnt wurde, war das praktisch eine Gagenkürzung. Der Beinahe-Skandal ist ein aufschlussreiches Beispiel dafür, wie hinter den Kulissen Studiopolitik gemacht wurde. Swansons Arbeitgeber ließ sich außerdem (Klausel 2) das Recht zusichern, sie umgehend und ohne Abfindung zu feuern, falls sie "bei ehebrecherischem Verhalten oder unmoralischen Beziehungen mit anderen Männern als ihrem Gatten" ertappt und darüber in der Presse berichtet wurde. Unmoralische Beziehungen mit dem Ehemann waren scheinbar erlaubt. Man fragt sich unwillkürlich, ob dieser Passus DeMille geschuldet ist, dem Freund unbürgerlicher Sexualpraktiken.