Moskau: Asiatische Milliardeninvestition in Milchproduktion

Foto: Stefan Kühn. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Während Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmid einen "Milchgipfel" abhält werden in Russland Fakten geschaffen

Heute hat Bundesagrarminister Christian Schmidt Vertreter von Landwirten, Molkereien und Supermarktkonzernen zu einem "Milchgipfel" geladen. Anlass dafür ist, dass der Milchpreis nach Beginn des Sanktionskrieges mit Russland von etwa 40 auf 28 Cent fiel und inzwischen mancherorts sogar bei unter 20 Cent liegt (vgl. Folge der Sanktionspolitik: Milchpreis sinkt unter 20 Cent). Für diesen Preis können viele deutsche Bauern nicht kostendeckend produzieren und müssen langfristig aufgeben oder ihren Betrieb als sehr teures Hobby weiterführen.

Vor Beginn dieses Treffens verlautbarte Schmidt im ARD-Morgenmagazin, der Gipfel solle "nicht nach Schuldigen", sondern nach "Lösungen" suchen. Die erwartet er vom Bundesfinanzminister (der einen dreistelligen Millionenbetrag für die Bauern bereitstellen soll), den Bundesländern (mit deren Agrarministern er sich nächste Woche treffen will) sowie von den Molkereien, vom Handel und von den Verbrauchern, die "zu Zugeständnissen bereit sein" müssten.

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Die vorher von Schmidt aufgestellte These, dass letztere den "Verfall der Milchpreise aufhalten" könnten, hält die Verbraucherorganisation Foodwatch in einem heute veröffentlichten Marktcheck für widerlegt: Dafür verglich die Organisation die Preise von 31 verschiedenen konventionellen und Bio- Frisch- und H-Milch-Marken mit den Beträgen pro Liter, die Molkereien dafür an Landwirte zahlen. Dabei kam heraus, dass die Bauern im April von für die Herstellung von Ja!-Vollmillch tätigen Molkereien die gleichen 26 Cent ausbezahlt bekamen wie für das vergleichbare Hochpreisprodukt von Bärenmarke, obwohl diese in Rewe-Supermärkten mit 1,15 Euro das Zweieinhalbfache der für 46 Cent abgegebenen Billigmarke kostet.

Und während die Preisdifferenz zwischen der billigsten (46 Cent) und der teuersten Nicht-Bio-Milch (1,29 Euro) im Einzelhandel 83 Cent (beziehungsweise 180 Prozent) pro Liter ausmachte, lag die Differenz zwischen den 23,7 und 28,4 Cent beim Betrag, den die Bauern dafür bekamen, bei maximal 4,7 Cent. Bei Bio-Produkten, die im Einzelhandel über einen Euro kosten, war die gemessene "Diskrepanz zwischen [dem] Verkaufspreis im Supermarkt und dem Auszahlungspreis" in Höhe von etwa 48 Cent pro Liter etwas weniger groß.

Konsumenten zahlen bei teurer Milch vor allem für Werbung und Marketing

Foodwatch zieht daraus den Schluss, dass Konsumenten bei teurer Milch "vor allem für Werbung und Marketing" zahlen und dass für den Milchkäufer "völlig intransparent" ist, wie viel von dem gezahlten Geld bei den Bauern ankommt. Aus der Sicht der Verbraucher ist es Foodwatch zufolge "unter solchen Marktbedingungen völlig vernünftig, wenn sie zur billigeren Variante greifen". Schmidts Behauptung, "der Kauf teurerer Milch im Supermarkt könne den Bauern aus der Krise helfen", bezeichnet man angesichts der ermittelten Daten als "Käse" und als "Märchen".

Ursache des niedrigen Milchpreises ist Foodwatch nach ein "Überangebot". Dieses Überangebot besteht unter anderem deshalb, weil 2014 der Export von Milch, Käse, Butter, Joghurt, Deserts und anderen Milchprodukten nach Russland wegfiel, nachdem die dortige Regierung als Reaktion auf die Handelssanktionen der Bundesregierung eigene Sanktionen verhängte. Mecklenburg-Vorpommerns Bauernpräsident Rainer Tietböhl appellierte deshalb bereits im Januar die Bundesregierung, den Sanktionskrieg zu beenden, der alleine seinem Betrieb 50 Prozent Einbußen bescherte.

Wahrscheinlich irreparabler Schaden für die deutsche Milchwirtschaft

Ob sich der durch die Sanktionen angerichtete Schaden inzwischen noch reparieren lässt, ist allerdings fraglich: Russische und asiatische Anbieter haben sich nämlich auf die verändere Lage eingestellt und wollen die Märkte, die früher mit landwirtschaftlichen Produkten aus EU-Ländern bedient wurden, langfristig behalten: Im Mai unterzeichnete der thailändische Premierminister Prayut Chan-o-cha bei einem Staatsbesuch in Moskau einen Vertrag zum Aufbau einer gigantischen Milchproduktionsanlage 200 Kilometer südlich von Moskau. Teilhaber des umgerechnet eine Milliarde US-Dollar schweren Projekts sind neben der thailändischen Charoen-Pokphand-Gruppe auch der chinesische Konzern Banner Infant Dairy Products, der russische Staatsfonds RDIF und arabische Investoren.

In der geplanten Milchfabrik in Rjasan sollen in spätestens fünf Jahren 80.000 Kühe auf bis zu sechzigtausend Hektar Fläche mit Futter versorgt werden und damit mehr als 400.000 Tonnen Milch jährlich produzieren. Läuft alles nach Plan, kann der Betrieb bereits im nächsten Jahr mit 40.000 Kühen produzieren. Vietnamesische Investoren haben umgerechnet 720 Millionen US-Dollar in zwei weitere große Riesen-Milcherzeugungsbetriebe gesteckt, die ab 2017 in der Umgebung von Moskau den Großraum mit über 15 Millionen Einwohnern ortsnah beliefern sollen.

Dass der Milch- und Milchprodukteexport bereits jetzt dauerhaft weggebrochen ist, ahnen auch deutsche Unternehmen wie der Molkereikonzern DMK, der unter anderem die Marken Humana, Milram und Oldenburger vertreibt. Das Unternehmen holte sich diesen Monat bei der russischen Kartellbehörde eine Genehmigung zum Kauf mehrerer russischer Käsehersteller in Woronesch.

Während in Deutschland der Milchpreis 2014 einbrach, verzeichneten russische Landwirte in diesem Jahr trotz eines gegenläufigen Gesamtwirtschaftstrend ein Wachstum in Höhe von 3,7 Prozent und im letzten Jahr von weiteren drei Prozent. (Peter Mühlbauer)

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